 |
Das ist mein geliebter Sohn an dem ich mein Gefallen gefunden habe (Mt, 3,17) Taufe des Herrn, Chorgestühl in der Klosterkirche von Heiligenkreuz |
Liebe Brüder und Schwestern!
Wir feiern heute das Fest der Taufe des Herrn. Heute vormittag habe ich 16
Kindern das Sakrament der Taufe gespendet, und daher möchte ich eine kurze
Betrachtung zu unserer Gotteskindschaft darlegen. Dabei wollen wir zunächst von
unserem natürlichen Kindsein ausgehen: es ist die Grundverfassung, die uns
allen gemein ist. Nicht alle sind wir Eltern, doch alle sind wir gewiß Kinder.
Auf die Welt zu kommen ist nie eine Wahl, wir werden vorher nicht gefragt, ob
wir geboren werden wollen. Doch während des Lebens können wir eine freie
Haltung gegenüber dem Leben selbst heranreifen lassen: wir können es als
Geschenk annehmen und in einem gewissen Sinn »werden«, was wir schon sind:
Kinder. Dieser Schritt markiert einen Reifesprung in unserem Sein und in der
Beziehung zu unseren Eltern, die von Dankbarkeit erfüllt wird. Es handelt sich
um einen Schritt, der uns auch fähig macht, unsererseits Eltern zu sein – nicht
im biologischen, sondern im moralischen Sinn.
Auch vor Gott sind wir alle Kinder. Gott steht am Ursprung des Daseins eines
jeden Geschöpfs, und er ist auf besondere Weise Vater eines jeden Menschen: er
steht mit ihm oder mit ihr in einer einzigartigen, persönlichen Beziehung.
Jeder von uns ist gewollt, ist von Gott geliebt. Und auch in dieser Beziehung
mit Gott können wir sozusagen »neu geboren werden«, das heißt das werden, was
wir sind. Dies geschieht durch den Glauben, durch ein tiefes und persönliches
»Ja« zu Gott als Ursprung und Fundament unseres Daseins. Mit diesem »Ja« nehme
ich das Leben als Geschenk des Vaters im Himmel an, eines Vaters, den ich nicht
sehe, aber an den ich glaube und den ich in der Tiefe des Herzens als meinen
Vater und den Vater all meiner Brüder und Schwestern im Menschsein verspüre,
einen unendlich guten und treuen Vater.
Worauf gründet der Glaube an Gott, den Vater? Er gründet auf Jesus Christus:
seine Person und seine Geschichte offenbaren den Vater, sie lassen ihn uns
erkennen, so weit dies in dieser Welt möglich ist. Glauben, daß Jesus der
Christus und Sohn Gottes ist, gestattet es, »aus der Höhe von neuem geboren zu
werden«, das heißt aus Gott, der Liebe ist (vgl.
Joh 3,3). Und nochmals
vergegenwärtigen wir uns, daß niemand aus sich heraus zum Menschen wird: wir
werden ohne unser Zutun geboren, der »Passiv« des Geborenwerdens geht dem
»Aktiv« unseres Tuns voraus. Dasselbe gilt auch auf der Ebene des Christseins:
keiner kann nur aus dem eigenen Willen heraus Christ werden, auch das
Christsein ist ein Geschenk, das unserem Tun vorausgeht: wir müssen von neuem
in einer neuen Geburt geboren werden. Der hl. Johannes sagt: »Allen aber, die
ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden» (
Joh 1,12). Das
ist der Sinn des Sakraments der Taufe, die Taufe ist diese neue Geburt, die
unserem Tun vorausgeht. Mit unserem Glauben können wir Christus entgegengehen,
doch allein er kann uns zu Christen machen und diesem unserem Willen, diesem
unserem Verlangen die Antwort geben, die Würde, die Macht, Kinder Gottes zu
werden, die wir nicht von uns aus haben.
Liebe Freunde, der heutige Sonntag der Taufe des Herrn beschließt die
Weihnachtszeit.
Wir wollen Gott für dieses große Geheimnis danken, das Quell der Erneuerung für
die Kirche und die ganze Welt ist. Gott ist zum Menschensohn geworden, damit
der Mensch Kind Gottes wird. Wir wollen daher die Freude erneuern, Kinder zu
sein: als Menschen und als Christen.
Geboren und von
neuem geboren zu
einem neuen göttlichen Leben. Geboren aus der Liebe eines Vaters und einer
Mutter, und von neuem geboren aus der Liebe Gottes durch die Taufe. Die
Jungfrau Maria, Mutter Christi und aller, die an ihn glauben, wollen wir
bitten, daß sie uns beistehe, wahrhaft als Kinder Gottes zu leben, nicht in
Worten, oder nicht nur den Worten nach, sondern mit Taten. Wieder ist es der
hl. Johannes, der schreibt: »Und das ist sein Gebot: Wir sollen an den Namen
seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie es seinem Gebot
entspricht« (
1 Joh 3,23).
(Papst Benedikt XVI., 8. Januar 2012, Angelus)
 |
| Stift Heiligenkreuz |