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Mittwoch, 22. Mai 2024

Die Kapelle der hl. Rita in der Würzburger Augustinerkirche

 

Heilige Rita, bitte für uns!

Mystikerin/Kreuzesmystik/Stigmatisation

Die hl. Rita ist eine bedeutende Mystikerin des Augustinerordens. In der leidenschaftlichen Liebe zum Kreuz, als einer Gabe der Liebe, stellt sie uns einen Christus dar, nicht wie wir ihn uns vorstellen am Karfreitag, sondern wie er uns erscheint am folgenden Tag, dem Karsamstag (in der Vorahnung der Auferstehung). s.Band II (D.T.)

1442 ereignete sich die Stigmatisation (Dornenwunde), mit der sie 15 Jahre lang gezeichnet war. Im Augustinerinnenkloster in Cascia wird ein halboffener Raum gezeigt mit einem Fresko des Gekreuzigten vor dem Rita am Karfreitag die Stirnenwunde empfangen haben soll. Nach der Karfreitags-Predigt verbrachte sie die Nacht im Gebet vor dem Kreuz, ihre Mitschwestern fanden sie dort in der Frühe des Karsamstags bewusstlos liegen, mit dem Stigma gezeichnet. Die barocke Weiterentwicklung der Kunst übertrieb die Wunde und ihre Schrecklichkeit und vergaß darüber den Aussagewert des Stirnmals: dass nämlich die erlösende Liebe ein staunenswürdiges Wunder ist. Auf der reich bebilderten äußeren Kassette des Prunk-Sarges, der im Jahre 1457 gefertigt wurde, ist uns ein Bild der Heiligen gemalt, das ein edles, ja vornehmes Gepräge offenbart und vor allem den innersten Bezug dieser stigmatisierten Mystikerin des Quattrocento (bezeichnet ital. Stil im 15. Jhdt., Frührenaissance) zum Gekreuzigten kundgibt. Von Gott empfing sie das Kreuz als Liebesgeschenk; und als ein solches gab Rita täglich den Dorn zurück.
Ein Hymnus auf Rita lässt auf ihr passionsmystisches und caritatives Leben schließen.

Die innige Liebe zum Gekreuzigten zeigt eine Darstellung in der Kirche S. Antonio in Cascia: Christus am Kreuz, weiß gewandet, mit blutender Herzwunde auf dem Gewand, eine dreifache Krone tragend, wird angebetet von der Heiligen, die als kleine kniende Gestalt zu seinen Füßen abgebildet wird, im Nonnengewand, den Rosenkranz in der Hand. Es ist uns nicht bekannt, welcher Art diese Vision gewesen ist; ob sie hochmystisch oder eine gewöhnliche Gnadenerfahrung war. (Geschenk, Kreuzesgeschenk war sie.)

Sie blieb fähig, selbst im äußersten Leid und in der menschlichen Schrecklichkeit jener Tag, zu verzeihen und den Frieden zu suchen. Nach jedem dieser Karfreitage nahm sie ihre Zuflucht zu Christus, dessen Geheimnis der Karsamstagsruhe sie verehrte. Er verbirgt nicht Kreuz und Wunden, verharrt aber im Frieden und in der Hoffnung auf das strahlende Licht des Ostermorgens. Die Betrachtung dieser Haltung ihres Christus gab ihr wohl schon von Kindheit (ein Bildnis von Christus am Karsamstag war bereits in ihrem Elternhaus) an jene wundervolle Ausgeglichenheit, die ihr Leben so staunenswert macht. Auch ihre spätere klösterliche Daseinsform hatte in dieser Geistesrichtung ihren verankerten Mittelpunkt.

Rita und Kreuz sind untrennbar; aber ihre Verehrung dieses hl. Zeichens ist ihre eigene und charakteristische, nämlich die Versenkung in das Geheimnis des Herrn, der in der Erwartung der österlichen Erlösung unser Heil wirkt.

Der erste Biograph will wissen, dass Rita schon als Kind und später als Frau und Nonne eine Verehrerin des hl. Grabes war: In einem Winkel ihres Hauses hatte sie das Grab ihres 'lieben süßen Jesus'. Als Gottgeweihte konnte sie nicht leben ohne Gebet und ohne Betrachten der Christuspassion. So hatte sie sich auch in ihrer armen Zelle ein Heiliges Grab gerichtet, vor dem sie in dankbarer Liebe kniete und sie einmal von ihrem Herrn in eine ekstatische Schau erhoben wurde.
(Ritawerk, P. Damasus Trapp OSA)

Der Mantel der hl. Rita in Roccoporena

Reliefs aus dem Leben der hl. Rita, Teil 2

Reliefs aus dem Leben der hl. Rita, Teil 1 

Am Grab der heiligen Rita von Cascia

Glasfenster mit Rita, Augustinus und Jakobus am Geburtsort von Rita in Roccaporena 

Fresko der hl. Rita in der Franziskanerkirche in Cascia (Helferin in aussichtslosen Anliegen)

Statue der hl. Rita in der Kathedrale von Norcia

Altar der hl. Rita in der Grabeskirche des hl. Augustinus in Pavia

Leben der hl. Rita, Augustinerkirche, Würzburg

Reliquie in der Hand der Liegefigur auf dem Scheingrab


Scheingrab der hl. Rita, Augustinerkirche Würzburg

Freitag, 2. Oktober 2020

Das Zeichen der Erlösung - Schutzengelfest

 

Das Tau ist der letzte Buchstaben des hebräischen Alphabetes. Es wird verwendet mit dem symbolischen Zeichen von dem der Prophet Ezechiel in 9, 4 spricht: „Der Herr sagte zu ihm: Geh mitten durch die Stadt Jerusalem und schreib ein T auf die Stirn aller Männer, die über die in der Stadt begangenen Greueltaten seufzen und stöhnen.“ Es ist also ein Rettungszeichen für die Armen Israels.
Von diesem Zeichen spricht auch die Apokalypse 7,2-3 „Dann sah ich vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen er Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu: Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben.“

Das Tau ist also ein Zeichen der Rettung, der Erlösung. Es ist ein äusseres Zeichen des neuen christlichen Lebens, das innerlich mit dem Hl. Geist besiegelt ist, das uns am Tag der Taufe geschenkt wurde wie dies in Eph 1, 13 gesagt wird, wenn der Apostel Paulus schreibt: „Durch ihn (Christus) habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium von eurer Rettung, durch ihn habt ihr das Siegel des verheissenen Hl. Geistes empfangen, als ihr den Glauben annahmt.“

Engel bezeichnen mit dem Siegel (Offenbarung), All Souls College, Oxford

„Ich bin das Alfa und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer Durst hat werde ich umsonst vom lebendigen Quell zu trinken geben...Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende (Off 21, 6; 22,13). Die Christen sahen das Tau immer auch als Zeichen des Kreuzes, an dem sich Christus für das Heil der Welt geopfert hat.
Papst Innozenz III., der ja auch die Lebensform der ersten Brüder mündlich bestätigte, bringt in einem Schreiben zum 4. Laterankonzil 1215 das Zeichen des Taus mit der Liturgie der Eucharistie in Verbindung. Schon in altchristlichen Darstellungen sah man am Mantelssaum bei Christus das Tau als das Zeichen des Heiles und des Lebens. Der Papst sieht im ‚Te igitur’ ‚Dich Gott bitten wir’, mit dem das römische Hochgebet begann und deren Initialen so schön geziert waren, dieses Tau.

 



Der hl. Franziskus nahm diese Idee auf und sah in diesem Zeichen auch ein ganz besonderes Heilszeichen. In ihm sah er die alten Verheissungen in Erfüllung gehen, er sieht in diesem Zeichen auch die Seligpreisung der Armen, das wichtigste Element der franziskanischen Lebensform. Aus diesem Grund hatte Br. Franziskus eine so grosse Liebe und einen so grossen Glauben in dieses Zeichen.

„Mit diesem Zeichen pflegte der hl. Franziskus seine Briefe zu beglaubigen, sooft er aus Notwendigkeit oder Liebe irgend ein Schreiben an jemanden richtete.“ 3Cel 159. So finden wir es auch unter einem Segensspruch, den er für Bruder Leo aufschrieb, als dieser in Not und Angst war. Es bedeutete für Bruder Leo Kraft und Trost, dass er diesen Segen des hl. Franziskus ständig bei sich tragen konnte. Auf der Rückseite des Segens schrieb der hl. Franziskus einen Lobpreis Gottes. Hier wendet er sich durch ein wiederholtes DU an seinen Herrn, dessen Grösse und Demut er bewundert. So sind für Franziskus Hinwendung zu Gott und Hinwendung zum Bruder "zwei Seiten" eines Medaillons.
Das Tau war für ihn das liebste Zeichen, sein Siegel, der seine tiefe geistliche Überzeugung ausdrückt, dass nämlich allein im Kreuz
Jesu Christi das Heil für jeden Menschen sich ereignet hat. Für Br. Franziskus ist dieses kleine Zeichen Tau wie ein Schatz, den er gefunden hat, wie ein Schlüssel zum Geheimnis des Lebens der Welt und eine Freude über diesen Reichtum, den ihm letztlich niemand nehmen konnte.
Das Tau ist also ein Symbol für die Franziskanische Familie: ein Vermächtnis des heiligen Vaters Franziskus, ein Zeichen des Segens und des Friedens. Es erinnert uns auch an das Kreuz, das Zeichen unserer Erlösung.

(franciscanch

Stigmatisation des hl. Franziskus, Klara mit Eucharistie
Kathedrale von Marburg

Dienstag, 17. September 2019

Stigmatisierung des hl. Franziskus

Stigmatisierung des hl. Franziskus, La Verna



1224 hatte Franziskus in der Einsiedelei auf dem Berg La Verna - wie er es gewohnt war - die 40 tägige Fastenzeit zu Ehren des hl. Erzengels Michaels begonnen.

Thomas von Celano schreibt: Zwei Jahre bevor Franziskus seine Seele dem Himmel zurückgab, weilte er in einer Einsiedelei, die nach dem Ort, wo sie gelegen ist, Alverna heißt. Da sah er in einem Gottgesicht einen Mann über sich schweben, einem Seraph ähnlich, der sechs Flügel hatte und mit ausgespannten Händen und aneinandergelegten Füßen ans Kreuz geheftet war. Zwei Flügel erhoben sich über seinem Haupt, zwei waren zum Fluge ausgespannt, zwei endlich verhüllten den ganzen Körper. Als der selige Diener des Allerhöchsten dies schaute, wurde er von übergroßem Staunen erfüllt, konnte sich aber nicht erklären, was dies Gesicht bedeuten solle. Große Wonne durchdrang ihn, und noch tiefere Freude erfaßte ihn über den gütigen und gnadenvollen Blick, mit dem er sich vom Seraph betrachtet sah, dessen Schönheit unbeschreiblich war; doch sein Hangen am Kreuz und die Bitterkeit seines Leidens erfüllte ihn ganz mit Entsetzen. Und so erhob er sich, sozusagen traurig und freudig zugleich, und Wonne und Betrübnis wechselten in ihm miteinander. Er dachte voll Unruhe nach, was dieses Gesicht wohl bedeute, und um seinen innersten Sinn zu erfassen, ängstigte sich sein Geist gar sehr.
Franziskus, der die Traurigkeit mehr denn je kannte, der im Leiden die Nähe der Schmerzen Christi tief erblickte und dabei eine tiefe Freude empfand, brach im Frühjahr 1224 als kranker Mann ein weiteres Mal auf, um für einige Zeit auf dem Berg Alverna mit Gott allein zu sein. Begleitet wurde er bei dieser Wanderung und Einkehr neben anderen von Bruder Leo.

Während er sich verstandesmäßig über das Gesicht nicht klar zu werden vermochte und das Neuartige an ihm stark sein Herz beschäftigte, begannen an seinen Händen und Füßen die Male der Nägel sichtbar zu werden in derselben Weise, wie er es kurz zuvor an dem gekreuzigten Mann über sich gesehen hatte. Seine Füße und Hände schienen in der Mitte mit Nägeln durchbohrt, wobei die Köpfe der Nägel an den Händen auf der inneren und an den Füßen auf der oberen Fläche erschienen, während ihre Spitzen sich an der Gegenseite zeigten. Die Male waren nämlich an der Innenseite der Hände rund, an der Außenseite aber länglich. Und es kam ein Stück Fleisch zum Vorschein, das über das andere Fleisch hinausragte, gleich als ob die Spitze der Nägel umgebogen und ungeschlagen sei. In derselben Weise, über das andere Fleisch hinausstehend, waren auch an den Füßen die Male. Ferner war die Seite wie mit einer Lanze durchbohrt und zeigte eine vernarbte Wunde, aus der häufig Blut floß, so daß sein Habit und seine Hose oftmals mit heiligem Blut getränkt wurden. (I Cel 94 und 95)
Nach diesem Ereignis hüllte sich der Heilige in vollkommenes Schweigen über das ihm Widerfahrene und verlangte dieses auch von denjenigen, die seine Wundmale zu Gesicht bekamen. Ohnehin handelte es sich hierbei nur um einige wenige Brüder. Neben Rufino und Elias auch Bruder Leo, der in den letzten Jahren des Franziskus einer der liebsten Gefährten und Freund des Heiligen war, er war für Franziskus das "Lämmlein Gottes".



Stigmatisierung des hl. Franziskus, La Verna


La Verna, Ort der Stigmatisation des hl. Franziskus

Heute gedenkt die Kirche der hl. Hildegard von Bingen und des hl. Robert Bellarmin.

Hildegard-Fresko in der Abtei St. Hildegard
Jutta vom Disibodenberg, die Lehrerin der hl. Hildegard
Die älteste Darstellung der hl. Hildegard
Zur Kirchenlehrerin erhoben
Der Hildegardis-Schrein in Eibingen
Der Hildegardis-Altar in der Binger Rochuskapelle
Hildegard-Gedächtniskirche auf dem Rupertsberg in Bingerbrück



Montag, 17. September 2018

Gedenktag der Wundmale des hl. Franziskus

Franziskus empfängt die Wundmale, Franziskanerkirche, Frauenkirchen


Vom Beginn seiner Bekehrung an war der heilige Franziskus von einer tiefen Verehrung und Liebe zum gekreuzigten Christus erfüllt. Als  er 1224 auf dem Berg Alverna ganz in Betrachtung versunken war, prägte Christus der Herr ihm - in einem außerordentlichen Wunder - die Wundmale seiner eigenen Passion ein.
(Franziskanisches Proprium, 279ff)

Stigmatisation des Franziskus (Franziskanerkirche in Budapest)

Festlich ist der neue Tag,
wunderbar, was einst geschah.
Zeichen ewger Herrlichkeit:
Christi Wunden trägt ein Mensch.

Gleich mit dem Gekreuzigten - 
Frucht des Lebens, die der Knecht
weinend als Geschenk erfährt:
Dank dir, Christus, unser Herr.

Bergeshöhleneinsamkeit
widerhallt vom Leid des Herrn,
Gott gibt seinem Knecht den Lohn:
Christi Wunden trägt ein Mensch.

Bildnis, dem Erlöser gleich,
Auserwählter, Vater du,
Liebe, zeichenhaft gelebt:
Dank dir, Christus, unser Herr.

Preis und Ruhm, du großer Gott,
dreifach eins in Herrlichkeit.
Dank, Erlöser, ewig dir:
Dank dir, Christus, unser Herr. Amen.
(w.o.)

Deckengemälde der Franziskanerkirche Frauenkirchen

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Franziskaner in Budapest - die Wundmale

Franziskanerkirche, Pesti Ferences Templom, Budapest


Zwei Jahre, ehe er seinen Geist dem Himmel zurückgab, führte ihn Gottes Vorsehung so nach mannigfachen Mühen beiseite auf einen hohen Berg, der La Verna heißt. Nach seiner Gewohnheit begann er hier zu Ehren des heiligen Erzengels Michael eine vierzigtägige Fastenzeit. In reichlicherem Maße als sonst erfüllte ihn da die Süße himmlischer Beschauung, noch mächtiger erfasste ihn die Feuersglut himmlischer Sehnsucht, und er fühlte, wie Gott reichlicher denn je seine Gnadengaben über ihn ausgoss. Es zog ihn machtvoll zum Himmel, nicht damit er wie ein Neugieriger Gottes Majestät ergründe und von seiner Herrlichkeit erdrückt werde, vielmehr wollte er wie ein getreuer und kluger Knecht nach dem suchen, was Gott gefällt; denn er wünschte mit aller Glut seines Herzens, ihm auf jede Weise gleichförmig werden.

Durch göttliche Eingebung kam ihm der Gedanke, dass ihm Christus beim Aufschlagen des Evangelienbuches enthüllen werde, was Gott an ihm und durch ihn am wohlgefälligsten sei. Nachdem er mit großer Innigkeit gebetet hatte, nahm er das heilige Evangelienbuch vom Altar und hieß einen Gefährten, einen frommen, heiligmäßigen Mann, es im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit zu öffnen. Als er beim dreimaligen Aufschlagen stets auf den Leidensbericht des Herrn stieß, erkannte der von Gott erfüllte Mann, er müsse, bevor er aus dieser Welt hinüberginge, Christus in seiner Bedrängnis und in seinem schmerzhaften Leiden gleich gestaltet werden, ebenso wie er ihn vorher in seinem Handeln nachgeahmt hatte. Auch wenn er durch sein früheres überaus strenges Leben und sein ständiges Tragen des Kreuzes Christi bereits körperlich geschwächt war, so erschrak er doch keineswegs, sondern fühlte sich noch mächtiger angetrieben, das Martyrium auf sich zu nehmen. Denn die unüberwíndliche Glut seiner Liebe zum guten Jesus war in ihm zu einem lodernden, flammenden Feuer entbrannt, so dass noch so viele Wasserströme seine starke Liebe nicht auslöschen konnten.

Glühendes Verlangen gleich dem der Seraphim trug ihn zu Gott empor, und inniges Mitleiden gestaltete ihn dem ähnlich, der aus übergroßer Liebe den Kreuzestod auf sich nehmen wollte.
Da sah er eines Morgens um das Fest Kreuzerhöhung, während er am Bergeshang betete, einen Seraph mit sechs feurigen, leuchtenden Flügeln von des Himmels Höhe herabkommen. Als er in schnellem Fluge dem Orte nahe gekommen war, wo der Gottesmann betete, zeigte sich zwischen den Flügeln die Gestalt eines gekreuzigten Menschen, dessen Hände und Füße zur Kreuzesgestalt ausgestreckt und ans Kreuz geheftet waren. Zwei Flügel waren über dem Haupte ausgespannt, zwei zum Fluge ausgebreitet, und zwei verhüllten den ganzen Körper.
Bei diesem Anblick war Franziskus sehr bestürzt; Freude und Trauer zugleich erfüllten sein Herz. Er war voll Freude über den Blick der Gnade, mit dem er sich von Christus unter der Gestalt des Seraph angesehen sah, doch der Anblick seines Hängens am Kreuz durchbohrte seine Seele mit dem Schwert schmerzlichen Mitleidens. Er war voll Staunen über die geheimnisvolle Erscheinung; denn er wußte wohl, dass die Schwachheit des Leidens mit der Unsterblichkeit eines Seraphs unvereinbar sei.

Schließlich verstand er - denn der Herr ließ es ihn erkennen -, die göttliche Vorsehung lasse ihm deswegen die Erscheinung zuteil werden, damit er schon jetzt wisse, nicht das Martyrium des Leibes, sondern die Glut des Geistes müsse ihn als Freund Christi ganz zum Bild des gekreuzigten Christus umgestalten.

Als sich die die Erscheinung seinen Augen entzog, ließ sie in seinem Herzen ein wundersames Feuer zurück und prägte auch seinem Leib ein nicht minder wundersames Abbild der Wundmale ein. Sogleich nämlich wurden an seinen Händen und Füßen die Wundmale der Nägel sichtbar, wie er sie soeben an jener Gestalt des Gekreuzigten geschaut hatte. Hände und Füße schienen in ihrer Mitte von Nägeln durchbohrt; ihr Kopf zeigte sich an den Handflächen und am Rist der Füße, ihre Spitze aber an der gegenüberliegenden Seite. Die Nagelköpfe an Händen und Füßen waren rund und schwarz, ihre Spitzen länglich, etwas gebogen und gleichsam umgeschlagen; sie wuchsen aus dem Fleisch heraus und ragten darüber hinaus. An der rechten Seite klaffte eine rote Wunde, als wäre sie von einer Lanze durchstochen; aus ihr floss oft Blut hervor, so dass Habit und Hosen davon benetzt wurden.
(....)
Nachdem die wahre Liebe Christi also den Liebenden in das Bild des Geliebten umgestaltet hatte, vollendete er die vierzig Tage, wie er es vorgehabt hatte, in der Einsamkeit.

(Bonaventura von Bagnoregio, Legenda Maior, in: Franziskus-Quellen, 765f)

Franziskanerkirche, Budapest