In der heutigen Katechese wollen wir unser Augenmerk auf den Apostel Matthäus
richten. Das Neue Testament gibt uns keine Biographien, sondern nur einzelne
Elemente, die für uns geistlich bedeutsam sind, über die einzelnen Jünger, so
auch über Matthäus. Sein Name bedeutet "Geschenk Gottes" und
erscheint in allen Apostellisten. Das erste Evangelium trägt seinen Namen und
stellt ihn uns als Zöllner vor (Mt 9,9; 10,3), das heißt als Steuereintreiber,
und setzt ihn mit dem Levi des Markus- und des Lukasevangeliums gleich.
Der Herr scheut sich also nicht, in den Kreis seiner engsten Jünger einen
Menschen aufzunehmen, den die Leute als Sünder und als Kollaborateur der
verhassten Fremdherrschaft ablehnen und mieden. Christus, das will uns damit
gesagt sein, schließt keinen von seiner Freundschaft aus. Gerade den sündig
gewordenen Menschen will er die Gnade Gottes anbieten.
Die Begegnung mit dem Herrn ändert das Leben dieses Zöllners Matthäus. Das
Evangelium sagt uns: Er stand auf und folgte Jesus. Er löst sich auf den Ruf
des Herrn hin von seinen sündigen Gewohnheiten – auch von dem Vermögen, das er
wohl hatte – und beginnt ein neues Leben mit dem Herrn.
Mit Blick auf Matthäus können wir daher sagen: Wer zunächst dem Anschein nach
weit von der Heiligkeit entfernt ist, kann zu einem wirklichen Jünger Jesu
Christi, ja zu einem Vorbild werden für einen Menschen, der bereit ist, die
Barmherzigkeit Gottes zu empfangen und sich von ihr auf einen neuen Weg führen
zu lassen.
(...) Der Zöllner Matthäus, der zum
Apostel auserwählt wurde, verkündet uns mit seinem Wort und seinem Leben die
Barmherzigkeit Gottes. Vertrauen wir uns der Liebe des Herrn an. Christus ruft
uns zum wirklichen Leben. Euch allen wünsche ich einen segensreichen Aufenthalt
in Rom.
(Kurzfassung der Katechese von Benedikt XVI. am 30. August 2006)
Heiligstes
Herz Jesu, Quelle alles Guten, ich bete Dich an, ich glaube an Dich,
ich hoffe auf Dich, ich liebe Dich und bereue alle meine Sünden. Dir
schenke ich dieses mein armes Herz, mache es demütig, geduldig, rein und
in allem Deinen Wünschen entsprechend.
Gib o guter Jesu, dass
ich in Dir lebe und Du in mir lebst. Beschütze mich in Gefahren, tröste
mich in Trübsal und Betrübnissen. Gewähre mir die Gesundheit des Leibes
und der Seele, Deinen Segen für alle meine Werke und die Gnade eines
heiligen Todes. Amen.
(Benedikt XV.)
St. Andrä am Zicksee, Burgenland, in der Fastenzeit
Die Deckenmalerei in Secco-Ausführung sind ein Werk des akademischen Malers Hans Alexander Brunner aus dem Jahr 1958.
die Berufung der Apostel, Hans Alexander Brunner, 1958, St. Andrä am Zicksee
FEIER DER "GÖTTLICHEN LITURGIE" ZUM ANDREASFEST
ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
Patriarchalkirche St. Georg im Phanar, Istanbul Donnerstag, 30. November 2006
Diese Göttliche Liturgie, die am Fest des heiligen
Apostels Andreas, des Schutzheiligen der Kirche von Konstantinopel,
gefeiert wurde, führt uns zur Urkirche zurück, in die Zeit der Apostel.
Das Markus- und das Matthäusevangelium berichten, wie Jesus die beiden
Brüder Simon, dem Jesus den Beinamen Kephas oder Petrus gab, und Andreas
berufen hat: »Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu
Menschenfischern machen« (Mt 4,19; Mk 1,17). Das vierte Evangelium zeigt darüber hinaus Andreas als den Erstberufenen, »ho protoklitos«, wie ihn die byzantinische Tradition nennt. Es ist Andreas, der seinen Bruder Simon zu Jesus führt (vgl. Joh 1,40ff.).
Heute können wir in dieser Patriarchalkirche des hl.
Georg noch einmal die Gemeinschaft und die Berufung der beiden Brüder
Simon Petrus und Andreas erfahren, in der Begegnung zwischen dem
Nachfolger des Petrus und seinem Bruder im Bischofsamt, dem Oberhaupt
dieser Kirche, die der Überlieferung nach vom Apostel Andreas gegründet
wurde. Unsere brüderliche Begegnung unterstreicht die besondere
Beziehung, welche die Kirchen Roms und Konstantinopels als
Schwesterkirchen miteinander verbindet.
Mit herzlicher Freude danken wir Gott dafür, daß er der
Beziehung, die sich seit dem denkwürdigen Treffen zwischen unseren
Vorgängern, Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras, im Januar 1964 in
Jerusalem entwickelt hat, neue Lebenskraft verleiht. Ihr Briefwechsel,
der in einem Band mit dem Titel Tomos Agapis veröffentlicht
wurde, gibt Zeugnis von der Tiefe der Verbundenheit, die zwischen ihnen
wuchs, einer Verbundenheit, die sich in der Beziehung zwischen den
Schwesterkirchen von Rom und Konstantinopel widerspiegelt.
Am 7. Dezember 1965, dem Vorabend der Abschlußsitzung
des Zweiten Vatikanischen Konzils, unternahmen unsere verehrten
Vorgänger in der Patriarchalkirche St. Georg und in der Petersbasilika
in Rom einen neuen, einzigartigen und unvergeßlichen Schritt: Sie
tilgten aus dem Gedächtnis der Kirche die tragischen gegenseitigen
Exkommunikationen des Jahres 1054. Auf diese Weise bestätigten sie eine
entscheidende Veränderung unserer Beziehungen. Seither sind viele
weitere bedeutende Schritte auf dem Weg der gegenseitigen
Wiederannäherung unternommen worden. Ich erinnere insbesondere an den Besuch meines Vorgängers Papst Johannes Paul II. in Konstantinopel 1979 und an die Besuche des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. in Rom.
In demselben Geist soll meine heutige Anwesenheit hier
das gemeinsame Bemühen erneuern, auf dem Weg zur Wiederherstellung der
vollen Gemeinschaft zwischen der Kirche von Rom und der Kirche von
Konstantinopel – mit der Gnade Gottes – voranzugehen. Ich kann Ihnen
versichern, daß die katholische Kirche bereit ist, alles in ihrer Macht
stehende zu tun, um die Hindernisse zu überwinden und zu diesem Zweck
gemeinsam mit unseren orthodoxen Brüdern und Schwestern nach immer
wirksameren Mitteln der pastoralen Zusammenarbeit zu suchen.
Die beiden Brüder Simon, genannt Petrus, und Andreas
waren Fischer, die Jesus dazu berufen hat, Menschenfischer zu werden.
Der auferstandene Herr sandte sie vor seiner Himmelfahrt zusammen mit
den anderen Aposteln mit dem Auftrag aus, alle Völker zu Jüngern zu
machen, sie zu taufen und seine Lehren zu verkünden (vgl. Mt 28,19ff.; Lk 24,47; Apg 1,8).
Dieser uns von den heiligen Brüdern Petrus und Andreas
hinterlassene Auftrag ist bei weitem nicht vollendet. Im Gegenteil, er
ist heute dringlicher und notwendiger denn je. Er betrifft nämlich nicht
nur jene Kulturen, die von der Botschaft des Evangeliums nur am Rande
berührt worden sind, sondern auch die europäischen Kulturen, die seit
langem in der christlichen Tradition tief verwurzelt sind. Der
Säkularisierungsprozeß hat den Halt jener Tradition geschwächt; ja, sie
wird in Frage gestellt und sogar verworfen. Angesichts dieser
Wirklichkeit sind wir zusammen mit allen anderen christlichen
Gemeinschaften dazu gerufen, das Bewußtsein Europas hinsichtlich seiner
christlichen Wurzeln, Traditionen und Werte zu erneuern, indem wir ihnen
wieder neue Lebenskraft verleihen.
Unsere Anstrengungen für den Aufbau engerer Beziehungen
zwischen der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen sind Teil
dieser missionarischen Aufgabe. Die bestehenden Spaltungen zwischen den
Christen sind ein Ärgernis für die Welt und ein Hindernis für die
Verkündigung des Evangeliums. Am Vorabend seines Leidens und Sterbens
betete der Herr, umgeben von den Jüngern, innig darum, daß sie eins sein
mögen, damit die Welt glauben könne (vgl. Joh 17,21). Nur durch
die brüderliche Gemeinschaft unter den Christen und durch die
gegenseitige Liebe wird die Botschaft von der Liebe Gottes für jeden
Mann und jede Frau glaubwürdig werden. Jeder, der heute einen
realistischen Blick auf die christliche Welt wirft, wird die
Dringlichkeit dieses Zeugnisses entdecken.
Simon Petrus und Andreas wurden gemeinsam dazu berufen,
Menschenfischer zu werden. Aber dieselbe Aufgabe nahm für jeden der
beiden Brüder verschiedene Formen an. Simon wurde trotz seiner
persönlichen Schwachheit »Petrus« genannt, der »Fels«, auf dem die
Kirche errichtet werden sollte; ihm wurden in besonderer Weise die
Schlüssel des Himmelreiches anvertraut (vgl. Mt 16,18). Sein
Lebensweg sollte ihn von Jerusalem nach Antiochia und von Antiochia nach
Rom führen, so konnte er in jener Stadt eine universale Verantwortung
ausüben. Das Thema des universalen Dienstes Petri und seiner Nachfolger
hat unglücklicherweise unsere Meinungsverschiedenheiten hervorgerufen,
die wir zu überwinden hoffen, auch dank des theologischen Dialogs, der
jüngst wieder aufgenommen wurde.
Mein verehrter Vorgänger, der Diener Gottes Papst
Johannes Paul II., sprach von der Barmherzigkeit, die den Dienst des
Petrus für die Einheit kennzeichnet, eine Barmherzigkeit, die Petrus
selbst als erster erfuhr (vgl. Enzyklika Ut unum sint,
91). Auf dieser Grundlage lud Papst Johannes Paul dazu ein, in einen
brüderlichen Dialog einzutreten, mit dem Ziel, Wege zu finden, wie das
Petrusamt – unter Wahrung seiner Natur und seines Wesens – heute
ausgeübt werden könnte, um »einen von den einen und anderen anerkannten
Dienst der Liebe zu verwirklichen« (ebd., Nr. 95). Es ist heute
mein Wunsch, an diese Einladung zu erinnern und sie zu erneuern.
Andreas, der Bruder des Simon Petrus, hat vom Herrn einen anderen
Auftrag erhalten, einen Auftrag, den schon sein Name nahelegte. Da er
der griechischen Sprache mächtig war, wurde er – zusammen mit Philippus –
der Apostel der Begegnung mit den Griechen, die zu Jesus gekommen waren
(vgl. Joh 12,20 ff.).
Die Tradition berichtet uns, daß er nicht nur in
Kleinasien und in den Gebieten südlich des Schwarzen Meeres, das heißt
also hier in dieser Gegend, missionierte, sondern auch in Griechenland,
wo er das Martyrium erlitt. Der Apostel Andreas verkörpert daher die
Begegnung zwischen dem Urchristentum und der griechischen Kultur. Diese
Begegnung wurde vor allem in Kleinasien insbesondere dank der großen
Kirchenväter Kappadokiens möglich, die die Liturgie, die Theologie und
die Spiritualität sowohl der Kirchen des Ostens als auch jener des
Westens bereicherten. Die christliche Botschaft ist wie das Weizenkorn
(vgl. Joh 12,24) in diese Erde gefallen und hat reiche Frucht
gebracht. Wir müssen zutiefst dankbar sein für das Erbe, das aus der
fruchtbaren Begegnung zwischen der christlichen Botschaft und der
griechischen Kultur hervorgegangen ist. Das hatte eine bleibende Wirkung
auf die Kirchen des Ostens und des Westens. Die griechischen
Kirchenväter haben uns einen wertvollen Schatz hinterlassen, aus dem die
Kirche weiterhin alte und neue Reichtümer schöpft (vgl. Mt 13,2).
Die Lehre vom Weizenkorn, das stirbt, um Frucht zu
bringen, bestätigt sich auch im Leben des hl. Andreas. Die Tradition
erzählt uns, daß er dem Schicksal seines Herrn und Meisters folgte, als
seine Tage in Patras in Griechenland ein Ende fanden. Wie Petrus erlitt
er das Martyrium an einem Kreuz, dem Schrägkreuz, das wir heute als das
Andreaskreuz verehren. Aus seinem Vorbild lernen wir, daß der Weg jedes
einzelnen Christen wie der Weg der ganzen Kirche durch die Nachfolge
Christi und die Erfahrung des Kreuzes zu neuem Leben führt, zum ewigen
Leben.
Im Lauf der Geschichte haben die beiden Kirchen von Rom
und Konstantinopel oft die Lehre vom Weizenkorn erlebt. Viele Märtyrer,
deren Blut nach den berühmten Worten Tertullians zum Samen für neue
Christen geworden ist (vgl. Apologeticum 50,13), verehren wir
gemeinsam. Mit ihnen teilen wir dieselbe Hoffnung, die die Kirche dazu
verpflichtet, »zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen
Gottes auf ihrem Pilgerweg« weiterzugehen (Lumen gentium, 8; vgl. hl. Augustinus, De civitate Dei
XVIII, 51,2). Das soeben vergangene Jahrhundert hat seinerseits mutige
Glaubenszeugen sowohl im Osten wie im Westen gesehen und auch heute gibt
es viele solcher Zeugen in verschiedenen Teilen der Welt. Wir gedenken
ihrer im Gebet und unterstützen sie auf jede nur mögliche Weise, während
wir alle Verantwortlichen der Welt nachdrücklich bitten, die
Religionsfreiheit als menschliches Grundrecht zu achten.
Die Göttliche Liturgie, an der wir teilgenommen haben,
ist nach dem Ritus des hl. Johannes Chrysostomos gefeiert worden. Das
Kreuz und die Auferstehung Jesu Christi wurden auf mystische Weise
vergegenwärtigt. Für uns Christen ist dies Quelle und Zeichen einer
ständig erneuerten Hoffnung. In einem antiken, als »Passion des heiligen Andreas«
bekannten Text finden wir diese Hoffnung auf wunderbare Weise zum
Ausdruck gebracht: »Ich grüße dich, o Kreuz: du bist geheiligt durch den
Leib Christi und mit seinen Gliedern wie mit Edelsteinen geschmückt …
Mögen die Gläubigen deine Freude erkennen und die Gaben, die in dir
verborgen sind…«
Diesen Glauben an den erlösenden Tod Jesu am Kreuz und
diese Hoffnung, die der auferstandene Christus der ganzen
Menschheitsfamilie schenkt, teilen wir alle, Orthodoxe und Katholiken.
Mögen unser Gebet und unsere tägliche Arbeit von der brennenden
Sehnsucht beseelt sein, nicht nur bei der Göttlichen Liturgie anwesend
zu sein, sondern sie gemeinsam feiern zu können, um an dem einen Tisch
des Herrn teilzunehmen und miteinander dasselbe Brot und denselben Kelch
zu teilen. Möge unsere heutige Begegnung als Anstoß und Vorfreude auf
das Geschenk der vollen Gemeinschaft dienen. Der Geist Gottes begleite
uns auf unserem Weg!