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Sonntag, 16. April 2023

Die Lauheit des Glaubens bei Thomas

 

 

Bringe deine Finger hierher und sie meine Hände, und bringe deine Hand her und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig. (Johannes 20,27)

Nun wendet sich der Herr an Thomas und fordert ihn auf, seine Wunden nicht nur zu beschauen, sondern nach seinem eigenen Wunsch zu berühren. So fügt sich der Herr dem, was Thomas begehrte. Er stellt ihm genau die Möglichkeiten der Prüfung zur Verfügung, von denen Thomas seinen Glauben abhängig machte: die Prüfung durch die Augen, durch den Finger und durch die Hand.
Thomas hat den Herrn sogleich bei seinem Erscheinen erkannt; er hat keinen Augenblick an seiner Identität gezweifelt.  

Jetzt aber soll er das, was er sich gewünscht hat, tun. Und doch bietet der Herr ihm, indem er seinen Wunsch erfüllt, unendlich mehr, als was Thomas erwartet hatte oder was in seiner Forderung überhaupt enthalten war. Der Herr paßt sich zwar der Forderung des Jüngers an und begrenzt damit scheinbar sein Angebot. Aber gerade in seiner Anpassung liegt das viel Größere dessen, was er anbietet.

Was er im tiefsten anbietet, ist, daß er sich Thomas unterordnet, sich ihm vollkommen zur Verfügung stellt. Er gibt ihm seine Hände und seine Seite dahin und damit seine ganze Person. Und indem Gott der Sohn sich dem Menschen Thomas zur Verfügung stellt, beweist er, daß in seiner Sohnschaft das vollkommene Menschsein inbegriffen ist: ein Menschsein, das an keinerlei Rangordnung gebunden ist, sondern frei ist, auch als Objekt zu dienen, der Schau und der Betastung sich auszusetzen.

Der Sohn erniedrigt sich in seiner Menschheit soweit, daß er zu seinem von Thomas selbst festgesetzten Beweis für dessen Glaube wird. Er sinkt herab zu einem Anschauungsmaterial, das der Mensch verlangt, um zum göttlichen Glauben  zu kommen. Er macht sich zum Beweis des Beweises, zum Beweisenden innerhalb des Beweises. Und er verkleinert sich rein menschlich so, als wäre er nichts weiter mehr als diese Wundmale, das, was dem Auge, dem Finger, der Hand des Thomas entspricht. Er zeigt damit dem Apostel die Kleinheit dessen, was er verlangt hat. Thomas hat den Herrn auf etwas reduziert, was man mit zwei kleinen Bewegungen seines Fingers und seiner Hand umfassen kann. Er hat die ganze Möglichkeit des Glaubens eingeschränkt auf das, was seiner Fingerspitze, seinem Handgefühl entspricht.
Er läßt, um seinen Glauben zu erhärten, vom Herrn nur bestehen, was ihm vor dem Kreuz gar nicht gehörte: die Narben der Passion. Diese Zeichen eines äußern Geschehnisses sind alles, worin für Thomas der Herr Platz hat.
Und indem dieser bereit ist, für Thomas nur noch die Wundmale zu sein, offenbart er in überwältigender Weise dem Jünger, wie tief sein Glaube gesunken wäre, wenn wirklich nur diese Zeichen seinen Glauben enthielten. Durch die Erniedrigung des Herrn, durch seine Demut, solche Erniedrigung anzunehmen, trifft er den Jünger dort, wo er am tiefsten getroffen werden kann: in seinem lebendigen Glauben der Zeit vor dem Kreuz. Jählings wird für Thomas sichtbar, wie groß der Abstand geworden ist. Das wird ihm zunächst am Herrn ersichtlich.
Denn die Verkleinerung des Herrn in seiner Demut offenbart, wie groß die Lauheit des Glaubens in Thomas geworden ist.

(Adrienne von Speyr, Johannes, Geburt der Kirche, 295f)

Thomas will die Wunden des Herrn berühren

Hochaltarbild Unterpremstätten/Stmk (B16, 12.4.2010)

St. Pierre, Chartres, Glasfenster (Hans U. von Balthasar)

Statue des hl. Thomas in der Lateranbasilika

Malerei von Pietro Paolo Bonzi im Pantheon

Herz-Jesu Altar, Reliefs, Farm Street Church, London (Benedikt XVI. zum Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit, 2005)

Fresko in der Taufkirche von Johannes Paul II. in Wadowice

Notre Dame de Paris (Generalaudienz von Benedikt XVI. über den Apostel Thomas)

Domingo de Silos (Wandrelief)

Jesus College - Cambridge (Glasfenster)

Kunsthistorisches Museum-Wien (Gemälde)

 

Erscheinungen des Auferstandenen: Maria Magdalena, Emmausjünger, Thomas
Hochaltar in der alten Kathedrale v. Salamanca

Sonntag, 11. April 2021

Göttlicher Friede

 

Erscheinung des Auferstandenen, Begegnung mit Thomas, St. Pierre, Chartres, 1305-1315

 

Das Evangelium schildert die Erscheinung des Auferstandenen am Osterabend und acht Tage später: was er bei seiner Rückkehr von Kreuz, Tod und Hölle zurückbringt, ist der endgültige, vollkommene Friede. Ein Friede, "nicht wie die Welt ihn gibt", ein viel tieferer. In drei Szenen.

Zuerst wünscht er den Jüngern den Frieden, der er selber ist ("denn er ist unser Friede" Eph 2,14), er beglaubigt es, indem er seine Wundmale zeigt. Gerade das Tödliche, das die Menschen ihm angetan haben, begründet von ihm her den Frieden; der Haß hat sich an ihm ausgetobt, seine Liebe hat den längeren Arm gehabt. Es gibt keine Versöhnungsszene mit den Jüngern, die ihn schmählich verleugnet haben und geflohen sind, das alles ist in den großen Frieden, den er ihnen anbietet, hinein untergegangen. Aber das Geschenk geht noch viel weiter.

Er haucht sie an und schenkt ihnen seinen eigenen Sendungsgeist, in dem sie ermächtigt werden, den ihnen geschenkten Frieden in seiner Vollmacht den Menschen weiterzureichen: "Wem ihr die Sünden vergebt..." Das Geschenk Jesu wird von vornherein zum Wegschenken gegeben. Wie Gott beim Verzeihen den Menschen richtet (das Bekenntnis und die Reue sind erforderlich), so wird das Verzeihen der Kirche ein Richten sein müssen, es wird in der Wahrheit und nicht in Unwissenheit zu erfolgen haben. Das mögliche "Verweigern der Vergebung" geschieht aus Liebe, der Aufschub bezweckt die vollkommenere Bereitschaft, sie zu empfangen.

Und all dies muß im Glauben geschehen, daher die Thomas-episode. Nicht Sehen, nicht Erfahren-wollen ist Voraussetzung des Friedensempfangs, sondern gläubige Hingegebenheit ist Bedingung jedes Empfangs göttlicher Geschenke. Solang einer zweifelt und sich nicht übergeben will, kann er den Frieden nicht haben. Er muß niedersinken und im Glauben sagen: "Mein Herr und mein Gott."
(Hans Urs von Balthasar, Licht des Wortes, 164f)

 

Thomas will die Wunden des Herrn berühren

Statue des hl. Thomas in der Lateranbasilika

Malerei von Pietro Paolo Bonzi im Pantheon

Herz-Jesu Altar, Reliefs, Farm Street Church, London (Benedikt XVI. zum Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit, 2005)


Fresko in der Taufkirche von Johannes Paul II. in Wadowice

Notre Dame de Paris (Generalaudienz von Benedikt XVI. über den Apostel Thomas)

Domingo de Silos (Wandrelief)

Jesus College - Cambridge (Glasfenster)

Kunsthistorisches Museum-Wien (Gemälde)

Mein Herr und mein Gott!

 

Heute feiert die Kirche den Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit.

Freitag, 3. Juli 2020

Die offene Pforte zum Himmel

Jesus und Thomas, Pietro Paolo Bonzi, 1633, S. Maria ad Martyres, Pantheon


Thomas, Apostel. Thomas wird in allen Apostelkatalogen erwähnt. Nach Joh 11,16 hat er dem Herrn seine Bereitschaft erklärt, mit ihm in den Tod zu gehen, war jedoch wie alle anderen Jünger bei der Festnahme des Herrn geflohen. Bei der Erscheinung des Herrn am Auferstehungstag war Thomas im Jüngerkreis nicht anwesend. Daher zweifelte er an der Auferstehung. Er wollte nur aufgrund persönlicher, sinnlicher Wahrnehmung glauben. Acht Tage später trat der Auferstandene vor Thomas hin, um ihm den begehrten Beweis in Gestalt seiner verklärten Wunden darzubieten. Da bekannte der bekehrte „ungläubige“ Thomas die heilschaffende Gottmenschlichkeit Christi mit den Worten: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,25-28).
Nach der Überlieferung verkündete der Apostel Thomas später das Evangelium in Indien, wovon noch heute die Existenz der sogenannten „Thomaschristen“ Zeugnis gibt. In Indien soll Thomas durch Schwert oder Lanze den Tod als Märtyrer gefunden haben. An dem Ort des Martyriums, das ist der Thomasberg bei Madras, wurde 1547 eine Kirche errichtet. Teile der Reliquien wurden im 3. Jahrhundert nach Edessa, von dort 1258 nach Chios und später weiter nach Ortona an der Adria gebracht. Der Apostel Thomas wird mit Buch, Schwert und Lanze dargestellt, oft auch mit dem auferstandenen Christus.
(Martyrologium Sancrucense)


O allerliebster Jesus,
aus unendlicher Liebe zu uns
hast Du Dich uns nicht nur im Sakrament der Liebe geschenkt,
um Dein Herz mit unserem Herzen zu vereinigen.

Du hast Dein Herz nach Deinem Tode auch öffnen lassen, 
und nach Deiner glorwürdigen Auferstehung offen behalten,
damit es allen verstorbenen Christgläubigen
eine offen Pforte zum Himmel sein möge.

Ich bitte Dich durch die unermessliche Liebe
Deines verwundeten Herzens,
Du mögest jetzt diese Himmelstüre
allen Armen Seelen aufmachen,
sie durch Deine Seitenwunde aufnehmen
und zum Himmel führen.
Amen.



Thomas will die Wunden des Herrn berühren

Herz-Jesu Altar, Reliefs, Farm Street Church, London (Benedikt XVI. zum Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit, 2005)


Fresko in der Taufkirche von Johannes Paul II. in Wadowice

Notre Dame de Paris (Generalaudienz von Benedikt XVI. über den Apostel Thomas)

Domingo de Silos (Wandrelief)

Jesus College - Cambridge (Glasfenster)

Kunsthistorisches Museum-Wien (Gemälde)


S. Maria ad Martyrer, Pantheon

Sonntag, 28. April 2019

Du mein Herr und Gott

ungläubiger Thomas, Mattia Preti, um 1660/65

Kann ich nicht wie Thomas schaun die Wunden rot,
bet ich dennoch gläubig: „Du mein Herr und Gott!“
Tief und tiefer werde dieser Glaube mein,
fester laß die Hoffnung, treu die Liebe sein.

(Thomas von Aquin, aus: Adoro te devote)




+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

19Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
20Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.
21Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
22Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!
23Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.
24Thomas, genannt Didymus - Zwilling -, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
25Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
26Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!
27Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
28Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott!
29Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
30Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan.
31Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

(Johannes 20, Evangelium vom Sonntag der Barmherzigkeit)



der ungläubige Thomas, um 1660, Mattia Preti, Kunsthistorisches Museum, Wien

Thomas will die Wunden des Herrn berühren
(WadowiceNotre Dame de Paris, Domingo de Silos, Jesus College - Cambridge)

Freitag, 14. September 2012

Kreuzerhöhung


Santa Maria, Viana, Spanien

Deine lebenspendende Seite sprudelt wie die Quelle in Eden;
deine Kirche, Christus, tränkt sie wie ein geistiges Paradies
und teilt sich von dort wie die Urzeit in vier Ströme, die Evangelien;

Sie bewässert die Welt, erfreut die Schöpfung und belehrt die Völker,
gläubig anzubeten dein Königtum.

Als du gekreuzigt wurdest, Christus,
hat die ganze Schöpfung, da sie es sah, gebebt.
Die Fundamente der Erde wurden erschüttert aus Schrecken vor deiner Macht.
Die Sterne verhüllten sich und es zerriß des Tempels Vorhang.

Die Berge erzitterten, und die Felsen barsten; und der gläubige Räuber ruft mit uns,
Erlöser: Gedenke!

(Heiser, Jesus Christus, Das Licht aus der Höhe, 595f)

Kreuzigung, Kathedrale Burgos