Jeder Christ halte Gericht mit seinem Gewissen, damit er seine Bekehrung nicht von Tag zu Tag aufschiebe und die Zeit seiner Bußleistung nicht erst auf sein Lebensende festsetze. Bei der menschlichen Gebrechlichkeit und Unwissenheit ist es gefährlich, sich in solcher Verfassung auf den ungewissen Zeitraum weniger Stunden zu vertrösten und eine so knappe Zeit zu wählen, die weder für das Bekenntnis des Büßers noch für die Aussöhnung durch den Priester ausreichet.
Doch auch der Not solcher muß man in der Weise zuhilfekommen, daß man ihnen weder die Bußleistung noch die Kommunion verweigert, auch wenn sie nicht mehr sprechen, sondern nur noch durch Zeichen ihr Bewußtsein kundtum und darum nachsuchen können. Sind sie aber schon so geschwächt, daß sie das, was sie kurz vorher begehrten, nun im Beisein des Priesters nicht mehr ausdrücken können, so soll ihnen das Zeugnis der umgebenden Gläubigen dazu verhelfen, daß sie die Wohltat der Buße und Wiederaussöhnung erlangen. Ist aber einer von denen, für die wir zum Herrn flehen, durch ein Hindernis um das Geschenk der Verzeihung auf dieser Welt gekommen, so kann er das, was er zu Lebzeiten nicht empfing, nach Entkleidung von der fleischlichen Hülle nicht mehr erlangen. Es ist unnötig, die Verdienste und Handlungen der so Verstorbenen zu untersuchen. Unser Herr und Gott, dessen Gerichte unbegreiflich sind, hat seiner Gerechtigkeit vorbehalten, was das priesterliche Amt nicht mehr erfüllen konnte. Auf diese Weise will er, daß man seine Macht fürchte, damit dieser Schrecken allen nütze und jeder sich vor dem fürchte, was einige Laue und Lässige traf. Es ist also sehr nützlich und notwendig, daß die Sündenschuld vor dem letzten Tag durch das priesterliche Gebet getilgt werde. (Brief von Leo dem Großen an Bischof Theodor, 3-5, in: Franz Jehle, Leo der Große, 35f)
Johann Wolfgang Goethe, Palermo, den
6. April 1787.
Die heilige
Rosalie, Schutzpatronin von Palermo, ist durch die Beschreibung, welche Brydone
von ihrem Feste gegeben hat, so allgemein bekannt geworden, daß es den
Freunden gewiß angenehm sein muß, etwas von dem Orte und der Stelle, wo sie
besonders verehrt wird, zu lesen.
Der Monte
Pellegrino, eine große Felsenmasse, breiter als hoch, liegt an dem
nordwestlichen Ende des Golfs von Palermo. Seine schöne Form läßt sich mit
Worten nicht beschreiben; eine unvollkommene Abbildung davon findet sich in dem
“Voyage pittoresque de la Sicile”. Er bestehet aus einem grauen Kalkstein der
früheren Epoche. Die Felsen sind ganz nackt, kein Baum, kein Strauch wächst auf
ihnen, kaum, daß die flachliegenden Teile mit etwas Rasen und Moos bedeckt
sind.
In einer
Höhle dieses Berges entdeckte man zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die
Gebeine der Heiligen und brachte sie nach Palermo. Ihre Gegenwart befreite die
Stadt von der Pest, und Rosalie war seit diesem Augenblicke die Schutzheilige
des Volks; man baute ihr Kapellen und stellte ihr zu Ehren glänzende
Feierlichkeiten an.
Die
Andächtigen wallfahrteten fleißig auf den Berg, und man erbaute mit großen
Kosten einen Weg, der wie eine Wasserleitung auf Pfeilern und Bogen ruht und in
einem Zickzack zwischen zwei Klippen hinaufsteigt.
Der Andachtsort
selbst ist der Demut der Heiligen, welche sich dahin flüchtete, angemessener
als die prächtigen Feste, welche man ihrer völligen Entäußerung von der Welt zu
Ehren anstellte. Und vielleicht hat die ganze Christenheit, welche nun
achtzehnhundert Jahre ihren Besitz, ihre Pracht, ihre feierlichen Lustbarkeiten
auf das Elend ihrer ersten Stifter und eifrigsten Bekenner gründet, keinen
heiligen Ort aufzuweisen, der auf eine so unschuldige und gefühlvolle Art
verziert und verehrt wäre.
Wenn man den
Berg erstiegen hat, wendet man sich um eine Felsenecke, wo man einer steilen
Felswand nah gegenüber steht, an welcher die Kirche und das Kloster gleichsam
festgebaut sind.
Die
Außenseite der Kirche hat nichts Einladendes noch Versprechendes; man eröffnet
die Türe ohne Erwartung, wird aber auf das wunderbarste überrascht, indem man
hineintritt. Man befindet sich unter einer Halle, welche in der Breite der
Kirche hinläuft und gegen das Schiff zu offen ist. Man sieht in derselben die
gewöhnlichen Gefäße mit Weihwasser und einige Beichtstühle. Das Schiff der
Kirche ist ein offner Hof, der an der rechten Seite von rauhen Felsen, auf der
linken von einer Kontinuation der Halle zugeschlossen wird. Er ist mit
Steinplatten etwas abhängig belegt, damit das Regenwasser ablaufen kann; ein
kleiner Brunnen steht ungefähr in der Mitte.
Die Höhle
selbst ist zum Chor umgebildet, ohne daß man ihr von der natürlichen rauhen
Gestalt etwas genommen hätte. Einige Stufen führen hinauf: gleich steht der
große Pult mit dem Chorbuche entgegen, auf beiden Seiten die Chorstühle. Alles
wird von dem aus dem Hofe oder Schiff einfallenden Tageslicht erleuchtet. Tief
hinten in dem Dunkel der Höhle steht der Hauptaltar in der Mitte.
Man hat, wie
schon gesagt, an der Höhle nichts verändert; allein da die Felsen immer von
Wasser träufeln, war es nötig, den Ort trocken zu halten. Man hat dieses durch
bleierne Rinnen bewirkt, welche man an den Kanten der Felsen hergeführt und
verschiedentlich miteinander verbunden hat. Da sie oben breit sind und unten
spitz zulaufen, auch mit einer schmutzig grünen Farbe angestrichen sind, so
sieht es fast aus, als wenn die Höhle inwendig mit großen Kaktusarten bewachsen
wäre. Das Wasser wird teils seitwärts, teils hinten in einen klaren Behälter
geleitet, woraus es die Gläubigen schöpfen und gegen allerlei übel gebrauchen.
Da ich diese
Gegenstände genau betrachtete, trat ein Geistlicher zu mir und fragte mich, ob
ich etwa ein Genueser sei und einige Messen wollte lesen lassen. Ich versetzte
ihm darauf, ich sei mit einem Genueser nach Palermo gekommen, welcher morgen
als an einem Festtage heraufsteigen würde. Da immer einer von uns zu Hause
bleiben müßte, wäre ich heute heraufgegangen, mich umzusehen. Er versetzte
darauf, ich möchte mich aller Freiheit bedienen, alles wohl betrachten und
meine Devotion verrichten. Besonders wies er mich an einen Altar, der links in
der Höhle stand, als ein besonderes Heiligtum und verließ mich.
Ich sah durch
die Öffnungen eines großen, aus Messing getriebenen Laubwerks Lampen unter dem
Altar hervorschimmern, kniete ganz nahe davor hin und blickte durch die Öffnungen.
Es war inwendig noch ein Gitterwerk von feinem geflochtenem Messingdraht
vorgezogen, so daß man nur wie durch einen Flor den Gegenstand dahinter
unterscheiden konnte.
Ein schönes Frauenzimmer erblickt’ ich bei dem Schein einiger
stillen Lampen.
Sie lag wie in einer Art von Entzückung, die Augen halb
geschlossen, den Kopf nachlässig auf die rechte Hand gelegt, die mit vielen
Ringen geschmückt war. Ich konnte das Bild nicht genug betrachten; es schien
mir ganz besondere Reize zu haben. Ihr Gewand ist aus einem vergoldeten Blech
getrieben, welches einen reich von Gold gewirkten Stoff gar gut nachahmt. Kopf
und Hände, von weißem Marmor, sind, ich darf nicht sagen in einem hohen Stil,
aber doch so natürlich und gefällig gearbeitet, daß man glaubt, sie müßte Atem
holen und sich bewegen.
Ein kleiner Engel steht neben ihr und scheint ihr mit einem Lilienstengel
Kühlung zuzuwehen.
Unterdessen
waren die Geistlichen in die Höhle gekommen, hatten sich auf ihre Stühle
gesetzt und sangen die Vesper.
Ich setzte
mich auf eine Bank gegen dem Altar über und hörte ihnen eine Weile zu; alsdann
begab ich mich wieder zum Altare, kniete nieder und suchte das schöne Bild der
Heiligen noch deutlicher gewahr zu werden. Ich überließ mich ganz der reizenden
Illusion der Gestalt und des Ortes.
Der
Gesang der Geistlichen verklang nun in der Höhle, das Wasser rieselte in das
Behältnis gleich neben dem Altare zusammen, die überhangenden Felsen des
Vorhofs, des eigentlichen Schiffs der Kirche, schlossen die Szene noch mehr
ein. Es war eine große Stille in dieser gleichsam wieder ausgestorbenen Wüste,
eine große Reinlichkeit in einer wilden Höhle; der Flitterputz des
katholischen, besonders sizilianischen Gottesdienstes, hier noch zunächst
seiner natürlichen Einfalt; die Illusion, welche die Gestalt der schönen
Schläferin hervorbrächte, auch einem geübten Auge noch reizend—genug, ich
konnte mich nur mit Schwierigkeit von diesem Orte losreißen und kam erst in
später Nacht wieder in Palermo an.