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Mittwoch, 27. August 2025

Der Traum Monikas - Dein Ohr lag an ihrem Herzen

 

Salisbury Cathedral

 

Du aber "strecktest Deine Hand aus der Höhe" und "rissest meine Seele aus" der dichten Finsternis, weil meine Mutter, Deine Getreue, um meinetwillen zu Dir weinte. Sie weinte mehr, als Mütter ein totes Kind beweinen.
Durch den Glauben und den Geist, den sie von Dir erhalten hatte, sah sie meinen Tod, und Du, Herr, hast sie erhört. Du hast sie erhört und ihre Tränen nicht gering geachtet, wenn sie strömend den Boden unter ihren Augen netzten, wo immer sie betend verweilte. Ja, Du hast sie erhört. Denn woher sonst kam der Traum, durch den Du sie getröstet hast, so daß sie wieder einwilligte, mit mir zusammenzuleben und im Hause den gleichen Tisch zu teilen? Sie hatte eine Zeitlang sich geweigert, es zu tun, vor Abscheu und Widerwillen gegen meine gotteslästerlichen Verirrungen.

Im Traum aber sah sie sich auf einem hölzernen Richtscheit stehen (Hinweis auf regula fidei, die christliche Glaubenslehre), und ein strahlender, froher, sie anlächelnder Jüngling kam auf sie zu, während sie trauerte und vor Gram ganz gebrochen war. Dieser fragte nach dem Grund ihrer Trauer und warum sie immerfort weine, wie man fragt, um zu helfen, nicht aus Neugier. Sie erwiderte, sie beklage meinen Untergang. Da hieß er sie, getrost zu sein, und ermunterte sie, aufzumerken und genau hinzusehen: dort, wo sie sei, sei auch ich. Und als sie aufmerkte, sah sie, daß ich neben ihr auf dem gleichen Richtscheit stand. (die Erfüllung des Traums)

Wieso das? Doch weil Dein Ohr an ihrem Herzen lag, o Du guter, allmächtiger Gott, der über jeden von uns wacht, als kümmertest Du Dich um ihn allein oder um alle so wie um jeden.

Und wie kam das Weitere, daß, als sie mir ihre Schau erzählte, und ich sie so wegdeuten wollte, als dürfe sie nicht daran verzweifeln, eines Tages dort zu sein, wo ich war, sie sogleich ohne das geringste Zögern erwiderte: "Nein, mir wurde nicht gesagt: Wo er ist, wirst du sein, sondern: Wo du bist, wird auch er sein".

Herr, hier bekenne ich Dir ein weiteres Mal meine Erinnerung, soweit mein Gedächtnis reicht: die Antwort, die Du mir so durch den Mund meiner wachsamen Mutter gabst, ihre Ruhe angesichts meiner falschen, danebengreifenden Antwort, ihre rasche Einsicht in das zu Beachtende - das ich vor ihrer Antwort nicht beachtet hatte-, sie hat mich damals mehr bewegt als der Traum selbst, der dieser frommen Frau lange vorweg zur Tröstung über gegenwärtige Sorgen eine Freude ankündigte, die sich erst viel später verwirklichen sollte.

Denn neun Jahre ungefähr verflossen, während denen ich mich "im tiefen Schlamm" und im finstern Irrtum wälzte; oft suchte ich aufzutauchen und sank nur tiefer zurück, während diese keusche, fromme und nüchterne Witwe, so wie Du sie liebst, schon beflügelter im Hoffen, aber unermüdet im Weinen und Seufzen, zu jeder Stunde ihres Gebets nicht aufhörte, für mich vor Dir zu klagen. Ihren Gebete "drangen vor Deine Augen", aber Du ließest mich indessen noch immer im Finstern suhlen und mich einwühlen.
(Augustinus, Confessiones, Hrsg. Hans Urs von Balthasar,  3. Buch, der Traum Monikas, 82ff)

Heilige Monika, bitte für uns und alle, die nicht glauben
Salisbury Cathedral

Freitag, 7. März 2025

Ein Fasten, das dem Herrn gefällt

For I was an hungred, and ye gave me meat (King James Version)
Ich war hungrig und ihr gab mir zu essen (Mt 25)
leibliche Werke der Barmherzigkeit, Salisbury Cathedral

Heute gedenkt die Kirche der hl. Maryrinnen Perpetua und Felicitas.

4 Seht, ihr fastet und es gibt Streit und Zank
und ihr schlagt zu mit roher Gewalt.
So wie ihr jetzt fastet,
verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör.
5 Ist das ein Fasten, wie ich es wünsche,
ein Tag, an dem sich der Mensch demütigt:
wenn man den Kopf hängen lässt
wie eine Binse,
wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt?
Nennst du das ein Fasten
und einen Tag, der dem Herrn gefällt?
6 Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche:
die Fesseln des Unrechts zu lösen,
die Stricke des Jochs zu entfernen,
Unterdrückte freizulassen,
jedes Joch zu zerbrechen?
7 Bedeutet es nicht,
dem Hungrigen dein Brot zu brechen,
obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen,
wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden
und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen?
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot
und deine Heilung wird schnell gedeihen.
Deine Gerechtigkeit geht dir voran,
die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach.
9a Wenn du dann rufst,
wird der Herr dir Antwort geben,
und wenn du um Hilfe schreist,
wird er sagen: Hier bin ich.

(aus Jeremia 58, Lesung zum Freitag nach Aschermittwoch)

Donnerstag, 6. März 2025

Täglich das Kreuz auf sich nehmen

 

Jesus trägt das Kreuz, Salisbury Cathedral
 

23 Zu allen sagte er:
Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst,
nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
24 Denn wer sein Leben retten will,
wird es verlieren;
wer aber sein Leben um meinetwillen verliert,
der wird es retten.
25 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt,
dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?

(aus dem Evangelium vom Gründonnerstag nach Lukas 9)

Sonntag, 7. April 2024

Selig, die nicht sehen und doch glauben

 

noli esse incredulous sed fidelis - sei nicht ungläubig, sondern gläubig
Salisbury Cathedral

Sonntag, 28. Januar 2024

Jesus als der neue Mose

Lesung aus dem Buch Deuteronómium18
(4. Sonntag im Jahreskreis, Markus, 1. Lesung)

Mose sprach zum Volk:
15 Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott,
aus deiner Mitte, unter deinen Brüdern, erstehen lassen.
Auf ihn sollt ihr hören.

16 Der Herr wird ihn als Erfüllung von allem erstehen lassen,
worum du am Horeb, am Tag der Versammlung,
den Herrn, deinen Gott, gebeten hast,
als du sagtest:
Ich kann die donnernde Stimme des Herrn, meines Gottes,
nicht noch einmal hören
und dieses große Feuer nicht noch einmal sehen,
ohne dass ich sterbe.
17 Damals sagte der Herr zu mir:
Was sie von dir verlangen, ist recht.
18 Einen Propheten wie dich
will ich ihnen mitten unter ihren Brüdern erstehen lassen.
Ich will ihm meine Worte in den Mund legen
und er wird ihnen alles sagen, was ich ihm gebiete.

19 Den aber, der nicht auf meine Worte hört,
die der Prophet in meinem Namen verkünden wird,
ziehe ich selbst zur Rechenschaft.
20 Doch ein Prophet,
der sich anmaßt, in meinem Namen ein Wort zu verkünden,
dessen Verkündigung ich ihm nicht geboten habe,
oder der im Namen anderer Götter spricht,
ein solcher Prophet soll sterben.


Mose übermittelt die zehn Gebote, Salisbury Cathedral

Im ersten Hauptteil „Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung“ wird Jesus als der neue Mose dargestellt. In zehn Kapiteln werden die Taufe Jesu, die Versuchung in der Wüste, die Reich-Gottes-Botschaft, die Bergpredigt, das Vaterunser, die Botschaft der Gleichnisse, die christologischen Bildworte bei Johannes, das Petrusbekenntnis, die Verklärung und die Selbstaussagen Jesu behandelt. Das Persongeheimnis Jesu wird von Benedikt typologisch erschlossen. Das Buch hätte nämlich auch den Titel tragen können: Jesus von Nazareth, der neue Mose. Weil die Landnahme noch nicht als endgültige Befreiung zu verstehen sei, wird im Buch Deuteronomium ein neuer Mose verheißen: „Einen Propheten wie mich wird der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte heraus … erstehen lassen, auf ihn sollt ihr hören“ (Dtn 18, 15). Was das Besondere an Mose war, steht am Ende des Deuteronomiums: „Fortan ist kein Prophet mehr in Israel aufgetreten wie Mose, mit dem der Herr von Angesicht zu Angesicht verkehrt hatte …“ (Dtn 34, 10). Darauf baut Benedikt seine Deutung der Gestalt Jesu auf: „Israel darf auf einen neuen Mose hoffen, … Und das eigentliche Kennzeichen dieses ,Propheten‘ wird es sein, dass er mit Gott von Angesicht zu Angesicht wie ein Freund mit dem Freund verkehren wird. Sein Kennzeichen ist die Unmittelbarkeit zu Gott, so dass er Gottes Willen und Wort unverfälscht, aus erster Hand mitteilen kann. Und das ist das Rettende, worauf Israel – worauf die Menschheit – wartet.“

Die Offenbarungsmittlerschaft des Mose hatte nämlich eine Grenze: Die Bitte des Mose „Zeige mir doch deine Herrlichkeit“ (Ex 33, 18ff) wurde von Gott abgelehnt. Mose durfte nur den Rücken Gottes schauen, aber nicht sein Angesicht. Daraus folgert Benedikt, dass Israel einen größeren Propheten erwartete, der Gottes Angesicht schaut: In Jesus hat sich die Verheißung eines neuen Propheten erfüllt, der aus der Schau Gottes spricht. Mit dem Johannesevangelium gesprochen: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1, 18). Jesus kann den Vater offenbaren, weil er „in der Sohnesgemeinschaft mit dem Vater steht“. Eine Deutung der Taufe Jesu als „Berufungserlebnis“ wird von Benedikt abgelehnt.

Im Kapitel über die Bergpredigt tritt die Mose-Typologie wieder ganz deutlich hervor: Jesus ist der neue Mose, er ist der Lehrer Israels, der zu allen Völkern spricht. Der „Berg“ der Seligpreisungen ist der neue Sinai, die Bergpredigt ist die neue Tora, gesprochen aus der Gemeinschaft Jesu mit dem Vater. In der Universalisierung des Glaubens Israels sieht Benedikt eine im Alten Testament angelegte Bewegung, die in Jesus zu ihrem Ziel kommt. Auch hier wird die Mose-Typologie besonders deutlich: Mose steht nicht nur für den Glauben Israels, sondern auch für seine Rechts- und Sozialordnung, die der Messias Jesus nicht mehr als sakral und damit unveränderliches Recht für alle Zeiten versteht.

Mit neuer Radikalität werden etwa in den Antithesen der Bergpredigt (der Berg ist der neue Sinai, der Ort der Gesetzgebung) die grundlegenden Normen, die auf die zweite Tafel des Dekalogs (Mose auf dem Sinai) Bezug nehmen, eingeschärft: Nicht nur nicht töten, sondern dem unversöhnten Bruder entgegengehen, keine Ehescheidung mehr, nicht nur gleiches Recht für alle, sondern sich schlagen lassen ohne zurückzuschlagen, nicht bloß den Nächsten lieben, sondern den Feind. Die bei den Propheten grundgelegte Einheit von Gottes- und Nächstenliebe wird zur obersten Norm. Somit legt Jesus den Grund einmal für die nötigen geschichtlichen Anpassungen der konkreten Rechtsformen durch die Entsakralisierung und zum anderen festigt er die Anbetung des einen wahren Gottes und legt den Grund für die Menschenwürde. 

Darin hat sich die Verheißung erfüllt: „Einen Propheten wie mich wird der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte heraus erstehen lassen.“ 

Michael Karger über das Jesus Buch von Joseph Ratzinger, hier

Detail der Verklärung d. Herrn, Salisbury Cathedral;
Jesus als der neue Mose

 

Mittwoch, 3. Mai 2023

Herr, zeig uns den Vater

Christus mit den Evangelisten und den Aposteln, Deckenmalerei, Salisbury Cathedral

PHILIPPUS

Apostel, Märtyrer
Namensdeutung: Pferdefreund (griech.)
Namenstage: Philipp, Philippe, Phil, Filippo, Felipe, weibl.: Philippa, Philippine, Phillis
Gedenktag: 3. Mai

Lebensdaten: geboren in Betsaida, heute Syrien, gestorben 81 in Skythien, heutige Ukraine

Lebensgeschichte: Philippus war ein Jünger Johannes’ des Täufers, bevor ihn Jesus in seine Nachfolge berief. Im Johannesevangelium führt er Nathanaël dem Jüngerkreis zu und wird vor dem Wunder der Brotvermehrung von Jesus auf die Probe gestellt.

Neben seinem ohnehin griechischen Vornamen unterstreicht das Evangelium seine hellenistische Kultur: Griechen, die Jesus sehen wollen, richten ihre Bitte ausdrücklich an ihn.

Beim Letzten Abendmahl offenbart er sein völliges Unverständnis, als er Jesus bittet: „Herr, zeig uns den Vater.“ Jesus antwortet ihm: „Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus?“

Der Überlieferung nach wirkte Philippus 20 Jahre lang als Glaubensbote in Skythien. Eine Legende inszeniert ihn als Drachenbändiger und Zerstörer von Götzenbildern des Mars. Zeugnisse von frühchristlichen Autoren wie Eusebius von Cäsarea, Papias von Hierapolis und Clemens von Alexandrien, denen nach er mit seinen prophetisch begabten und wundertätigen Töchtern in Hierapolis lebte, gehen auf eine Verwechslung mit Philippus dem Evangelisten (siehe Apg 21,8) zurück.

Philippus starb als Märtyrer am Kreuz.

Verehrung: Philippus’ Reliquien kamen über Konstantinopel nach Rom und werden in der Basilika SS. Dodici Apostoli verehrt. Weitere Reliquien befinden sich in Andechs, Altötting, Köln und Paris.

Darstellung: als Apostel mit Kreuz, Buch und Geißel, oder mit Brotlaib, als Drachentöter

Patron: von Speyer, Brabant und Luxemburg, der Walker, Gerber, Hutmacher, Krämer und Konditoren

(bistumaugsburg)

Heilige Apostel Philippus und Jakobus, bittet für uns!

Sonntag, 30. April 2023

Der aufgebrochen ist, das verlorene Schaf - die Menschheit - zu suchen

 

der Gute Hirt, Salisbury Cathedral

 Der gute Hirt

Altarbild in Mannersdorf/Leithagebirge (B16, 16. Mai 2011)

Herz Jesu Bild des Guten Hirten mit Schaf auf Schulter, S. Maria in Vado, Ferrara
Guter Hirt auf der Kanzel in Enzersfeld, Niederösterreich
Guter Hirt in St. Wolfgang im Salzkammergut
Guter Hirte, St. Giles, Cambridge (Guter Hirtendienst, B16, 7.5.2006, anläßl. einer Priesterweihe)
Tabernakel in der Seitenkapelle des Stiftes Klosterneuburg
Wandmalerei über dem Sarkphag der Apostel Jakobus und Philippus, Rom
Glasfenster in Stokenchurch, England
Statue in der Mathiaskirche, Budapest
Glasfenster in der Rochester Cathedral
Statue in S. Maria della Pace, Rom
Mosaik in der Kathedrale von Aquileia
Mosaik im Mausoleum Galla Placidia, Ravenna
Glasfenster von Christopher Webb in der St Alban´s Cathedral 
Glasfenster im Kapuzinerkloster in Padua 

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Weihekandidaten!

In dieser Stunde, in der Ihr, liebe Freunde, durch das Sakrament der Priesterweihe zu Hirten im Dienst des großen Hirten Jesus Christus bestellt werdet, spricht der Herr im Evangelium selber zu uns über den Dienst für die Herde Gottes. Das Bild vom Hirten kommt von weither. Im alten Orient hatten die Könige sich als Hirten ihrer Völker bezeichnet. Im Alten Bund hatten Mose und David zuerst als Hirten gearbeitet, ehe sie berufen wurden, Führer des Gottesvolkes und dessen Hirten zu werden. In den Nöten der Exilszeit angesichts des Versagens der Hirten Israels, seiner politischen und religiösen Führer, hatte Ezechiel das Bild von Gott selbst als dem Hirten seines Volkes entworfen. Gott sagt durch den Propheten: »Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert…, so kümmere ich mich um meine Schafe und hole sie zurück von all den Orten, wohin sie sich am dunklen, düsteren Tag zerstreut haben« (Ez 34,12). Nun verkündet Jesus, daß diese Stunde gekommen ist: Er ist selbst der gute Hirte, in dem Gott selbst sich um sein Geschöpf Mensch kümmert, die Menschen zusammenholt und sie zur wahren Weide führt. Der heilige Petrus, dem der auferstandene Herr aufgetragen hatte, seine Schafe zu weiden, Hirte für ihn und mit ihm zu werden, nennt Jesus in seinem ersten Brief den Archipoimen – den Erzhirten (5,4) – und will damit sagen, daß jemand Hirte in der Gemeinschaft Jesu Christi nur sein kann durch ihn und in der innigsten Gemeinschaft mit ihm. Das eben drückt sich im Sakrament der Priesterweihe aus: Der Priester wird durch das Sakrament ganz Christus zugeeignet, um von ihm her und auf ihn hin, in der Gemeinschaft mit ihm den Dienst des einen Hirten zu tun, Jesus, in dem Gott als Mensch unser Hirt sein will.

Das Evangelium dieses Sonntags, das wir gehört haben, ist nur ein Ausschnitt aus der großen Hirtenrede Jesu; darin sagt uns der Herr dreierlei über den wahren Hirten: Er gibt sein Leben für die Schafe. Er kennt die Seinen und sie ihn. Er steht im Dienst der Einheit. Bevor wir über diese drei Kernbestimmungen des Hirteseins nachdenken, tut es vielleicht gut, einen Augenblick an das vorhergehende Stück der Hirtenrede zu erinnern, in dem Jesus – bevor er sich Hirte nennt – zu unserer Überraschung sagt: »Ich bin die Tür« (Joh 10,7). Durch ihn muß man in den Hirtendienst eintreten. Diese Grundbedingung verdeutlicht er sehr nachdrücklich, indem er erklärt: »Wer … anderswo einsteigt, ist ein Dieb und ein Räuber« (Joh 10,1). Dieses Wort »einsteigt« – griechisch »anabaínei« – schließt die Vorstellung ein von jemandem, der den Zaun hochklettert, um so – den Zaun übersteigend – dorthin zu gelangen, wo er rechtmäßig nicht hinkommen kann. Aufsteigen – das ist aber auch das Bild des Karrierismus, für den Versuch, nach oben zu kommen, sich durch die Kirche eine Stellung zu verschaffen – sich zu bedienen und nicht zu dienen. Es ist das Bild des Menschen, der durch das Priestertum etwas werden und jemand sein möchte, dem es um die eigene Erhöhung geht und nicht um den demütigen Dienst Jesu Christi. Aber der einzig rechtmäßige Aufstieg zum Hirtenamt in der Kirche ist das Kreuz. Das ist der wahre Aufstieg, das ist die wahre Tür. Nicht selber jemand werden wollen, sondern für den anderen da sein – für Christus und so, durch ihn und mit ihm für die Menschen, die der Herr sucht, die er auf den Weg des Lebens führen will. Man tritt zum Priestertum ein durch das Sakrament – das bedeutet eben: durch die Freigabe seiner selbst an Christus, daß er über mich verfüge; daß ich ihm zu Diensten sei und seinem Ruf folge, auch wenn er meinen Wünschen nach Selbstverwirklichung und Ansehen entgegenläuft. Durch Christus, die Tür, eintreten, heißt: ihn immer mehr kennen und lieben, damit unser Wille eins werde mit dem Seinen und unser Handeln eins mit dem Seinen. Liebe Freunde, darum wollen wir immer von neuem beten, darum uns mühen, daß Christus in uns wächst; daß unsere Einheit mit ihm immer tiefer werde, so daß durch uns wirklich Christus weidet.

Sehen wir nun die drei Grundaussagen näher an, die Jesus über den guten Hirten macht. Die erste, die mit großem Nachdruck die ganze Hirtenrede durchzieht, lautet: Der Hirt gibt sein Leben für die Schafe. Das Geheimnis des Kreuzes steht im Mittelpunkt von Jesu Hirtendienst – es ist der eigentliche große Dienst, den er für uns alle tut. Er gibt sich selber, und das nicht nur in einer fernen Vergangenheit. In der heiligen Eucharistie läßt er das jeden Tag Wirklichkeit werden, gibt sich selbst hin durch unsere Hände, schenkt sich uns. Deswegen steht mit Recht die heilige Eucharistie im Zentrum des priesterlichen Lebens, in der Jesu Hingabe am Kreuz immerfort wirklich unter uns gegenwärtig bleibt. Und von da aus lernen wir auch, was es bedeutet, Eucharistie recht zu feiern: in ihr dem Herrn zu begegnen, der für uns seine göttliche Herrlichkeit ablegt, sich erniedrigen läßt bis in den Tod am Kreuz und so sich an jeden von uns verschenkt. Die tägliche Eucharistie ist für den Priester ganz wichtig, in der er sich immer neu diesem Mysterium aussetzt; sich selber immer neu dem Herrn in die Hände gibt und zugleich die Freude erfährt, daß ER da ist, mich annimmt, mich immer wieder neu aufhebt und trägt, mir die Hand, ja sich selbst gibt. Die Eucharistie muß uns Schule des Lebens werden, in der wir lernen, unser Leben zu geben. Das Leben gibt man nicht erst im Augenblick des Todes und nicht nur in der Weise des Martyriums. Wir müssen es geben, Tag um Tag. Tag um Tag gilt es zu erlernen, daß ich mein Leben nicht für mich selber habe. Tag um Tag gilt es zu lernen, mich loszulassen; mich zur Verfügung zu halten für das, wofür er, der Herr, mich gerade braucht, auch wenn mir anderes schöner oder wichtiger erscheint. Das Leben geben, nicht nehmen. Gerade so erfahren wir Freiheit. Freiheit von uns selbst, die Weite des Seins. Gerade so, im Gebrauchtwerden, dadurch daß wir jemand sind, der in der Welt gebraucht wird, wird unser Leben wichtig und schön. Nur wer sein Leben gibt, findet es.

Als zweites sagt uns der Herr: Ich kenne meine Schafe, und sie kennen mich, wie der Vater mich kennt und ich ihn. Zwei scheinbar ganz verschiedene Beziehungen sind in diesem Satz ineinander verwoben: die Beziehung zwischen Jesus und dem Vater; die Beziehung zwischen ihm und den ihm anvertrauten Menschen. Aber beide Beziehungen gehören eben zusammen. Denn die Menschen gehören im letzten dem Vater und sind auf der Suche nach dem Schöpfer, nach Gott. Wenn sie merken, daß jemand nur für sich selber und aus Eigenem redet, spüren sie, daß das zu wenig ist und daß er das nicht sein kann, was sie suchen. Wo aber in einem eine andere Stimme aufklingt, die Stimme des Schöpfers, des Vaters, da öffnet sich die Türe der Beziehung, auf die der Mensch wartet. So also muß es bei uns sein: Wir müssen zuerst und zuinnerst in der Beziehung mit Christus und durch ihn mit dem Vater stehen, dann erst verstehen wir die Menschen wirklich. Nur im Licht Gottes erfaßt man die Tiefe des Menschen. Dann merkt derjenige, der uns hört, daß wir nicht von uns, von irgend etwas, sondern vom wahren Hirten reden. Natürlich ist in den Worten Jesu die ganz praktische pastorale Aufgabe mitenthalten, den Menschen nachzugehen, zu ihnen zu kommen, für ihre Nöte und Fragen offen zu sein. Natürlich ist das praktische, konkrete Kennen der mir anvertrauten Menschen grundlegend, und natürlich ist dabei wichtig, daß wir das »Kennen« der anderen im biblischen Sinn verstehen: Wirkliches Kennen ohne Liebe, ohne innere Beziehung, ohne inneres Annehmen des anderen gibt es nicht. Der Hirte kann sich nicht mit einem Wissen um Namen und Daten begnügen. Sein Kennen der Schafe muß immer mehr auch ein Kennen mit dem Herzen sein. Aber das geht letztlich nur, wenn der Herr unser Herz geöffnet hat. Wenn unser Kennen die Menschen nicht an mein privates Ich, an mein eigenes, kleines Herz bindet, sondern sie das Herz Jesu, das Herz des Herrn spüren läßt. Es muß ein Kennen mit dem Herzen Jesu und auf ihn hin sein, das den Menschen nicht an mich bindet, sondern zu Jesus führt und so frei und weit macht. Und auf diese Weise werden auch wir unter den Menschen zu Nächsten. Dafür, daß uns dieses Kennen mit dem Herzen Jesu geschenkt werde, dieses nicht an mich, sondern an das Herz Jesu Binden und das Stiften wahrer Gemeinschaft. Daß uns dies geschenkt werde, darum wollen wir immer neu den Herrn bitten.

Schließlich spricht uns der Herr vom Dienst der Einheit, der dem Hirten aufgetragen ist: »Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muß ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten« (Joh 10,16). Es ist das Gleiche, was Johannes nach dem Tötungsbeschluß des Hohen Rates wiederholt, als Kaiphas gesagt hatte, es sei besser, einer sterbe »pro popolo«, als daß die ganze Nation zu Grunde gehe. Johannes erkennt in diesem Wort des Kajaphas ein prophetisches Wort und fügt hinzu, »daß Jesus für das Volk sterben werde. Aber er sollte nicht nur für das Volk sterben, sondern auch, um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln« (Joh 11,51–52). Der Zusammenhang von Kreuz und Einheit wird sichtbar; die Einheit kostet das Kreuz. Vor allem aber wird der universale Horizont von Jesu Wirken aufgerichtet. Hatte Ezechiel in seiner Hirtenprophetie die Wiederherstellung der Einheit der getrennten Stämme Israels im Auge (34,22–24), so geht es nun nicht mehr nur um die Einigung des zerstreuten Israel, sondern um die Einung aller Kinder Gottes, um die Menschheit – um die Kirche aus Juden und Heiden. Die Sendung Jesu betrifft die Menschheit im ganzen, und der Kirche ist daher eine Verantwortung für die Menschheit aufgetragen: daß sie Gott kennenlerne, den Gott, der in Jesus Christus für uns alle Mensch geworden ist, gelitten hat, gestorben und auferstanden ist. Die Kirche darf sich nie mit der Schar derer begnügen, die sie nun einmal erreicht hat und sagen, daß es den anderen – den Muslimen, den Hindus und so weiter – auch so gutgehe. Die Kirche kann sich nicht bequem ins bloß Eigene zurückziehen. Die Sorge um das Ganze, um alle, ist ihr aufgetragen. Diesen großen allgemeinen Auftrag müssen wir in unsere jeweiligen Sendungen hinein übersetzen. Natürlich muß ein Priester, ein Seelsorger, sich zuallererst um die bekümmern, die mit der Kirche glauben und leben, die in ihr die Straße des Lebens suchen und die ihrerseits die Kirche als lebendige Steine aufbauen und eben auch den Priester mit aufbauen und mittragen. Aber wir müssen doch auch immer wieder – wie der Herr sagt – an die Straßen und Zäune gehen (vgl. Lk 14,22) und die Einladung Gottes zu seinem Festmahl auch zu den Menschen bringen, die bisher nicht davon gehört haben oder nicht inwendig davon berührt worden sind. Dieser universale Dienst, der Dienst an der Einheit hat viele Formen. Immer gehört auch dazu, um die innere Einheit in der Kirche selber zu ringen; daß sie über alle Unterscheidungen und Grenzen hinweg ein Zeichen von Gottes Gegenwart in der Welt sei, der allein solche Einheit schaffen kann.

Die alte Kirche hat in der Plastik ihrer Zeit die Gestalt des Hirten vorgefunden, der ein Schaf auf seiner Schulter trägt. Vielleicht gehören diese Bilder dem Traum nach der Idylle des ländlichen Lebens zu, der damals die Gesellschaft ergriffen hatte. Aber für die Christen wurde diese Figur ganz von selbst zum Bild für den, der aufgebrochen ist, das verlorene Schaf – die Menschheit – zu suchen; das Bild für ihn, der uns Menschen nachgeht in unsere Wüsten und Wirrnisse hinein; das Bild für den, der dieses verlorene Schaf – die Menschheit – auf seine Schultern genommen hat und heim trägt. Es wurde zum Bild für den wahren Hirten Jesus Christus. Ihm vertrauen wir uns an. Ihm vertrauen wir Euch, liebe Brüder, in dieser Stunde ganz besonders an, daß er Euch führe und trage alle Tage; daß er Euch helfe, durch ihn und mit ihm gute Hirten seiner Herde zu werden. Amen. 

(Priesterweihe Rom, 7.5.2006, Benedikt XVI.) 



Dienstag, 11. April 2023

Sie beteten IHN an

 

Der Auferstandene und die Frauen, Salisbury Cathedral

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 28                                                             

Nachdem die Frauen die Botschaft des Engelsvernommen hatten,

8 verließen sie sogleich das Grab und eilten voll Furcht und großer Freude zu seinen Jüngern, um ihnen die Botschaft zu verkünden.

9Plötzlich kam ihnen Jesus entgegen und sagte: Seid gegrüßt! Sie gingen auf ihn zu, warfen sich vor ihm nieder und umfassten seine Füße.

10Da sagte Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen, und dort werden sie mich sehen.

11Noch während die Frauen unterwegs waren, kamen einige von den Wächtern in die Stadt und berichteten den Hohenpriestern alles, was geschehen war.

12Diese fassten gemeinsam mit den Ältesten den Beschluss, die Soldaten zu bestechen. Sie gaben ihnen viel Geld

13und sagten: Erzählt den Leuten: Seine Jünger sind bei Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen.

14Falls der Statthalter davon hört, werden wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, dass ihr nichts zu befürchten habt.

15Die Soldaten nahmen das Geld und machten alles so, wie man es ihnen gesagt hatte. So kommt es, dass dieses Gerücht bei den Juden bis heute verbreitet ist.

Dienstag, 28. März 2023

Der Anfang der guten Werke ist das Bekenntnis der bösen Werke (Augustinus)

 

Wenn jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben

Lesung aus dem Buch Numeri 21,4-9 (Lesung vom Dienstag der 5. Fastenwoche)

In jenen Tagen

4brachen die Israeliten vom Berg Hor auf und schlugen die Richtung zum Schilfmeer ein, um Edom zu umgehen. Unterwegs aber verlor das Volk den Mut,

5es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser. Dieser elenden Nahrung sind wir überdrüssig.

6Da schickte der Herr Giftschlangen unter das Volk. Sie bissen die Menschen, und viele Israeliten starben.

7Die Leute kamen zu Mose und sagten: Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den Herrn und gegen dich aufgelehnt. Bete zum Herrn, dass er uns von den Schlangen befreit. Da betete Mose für das Volk.

8Der Herr antwortete Mose: Mach dir eine Schlange, und häng sie an einer Fahnenstange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht.

9Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Fahnenstange auf. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben.


Liebe Brüder und Schwestern!

(...) Es ist ein Weg, den wir zusammen mit Jesus durch die »Wüste« gehen, das heißt eine Zeit, um vermehrt die Stimme Gottes zu hören und auch die Versuchungen aufzudecken, die in uns ertönen. Am Horizont dieser Wüste zeichnet sich das Kreuz ab.

Jesus weiß, daß es der Höhepunkt seiner Sendung ist: Tatsächlich ist das Kreuz der Höhepunkt der Liebe, die uns das Heil schenkt. Er selbst sagt dies im heutigen Evangelium: »Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat« (Joh 3,14–15).
Der Verweis bezieht sich auf eine Begebenheit, bei der die Israeliten während des Auszugs aus Ägypten von giftigen Schlangen angegriffen wurden und viele starben; so gebot Gott dem Mose, eine Schlange aus Kupfer zu machen und sie an einer Fahnenstange aufzuhängen: wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, wurde er geheilt (vgl. Num 21,4–9). Auch Jesus wird am Kreuz erhöht werden, damit jeder, der wegen der Sünde in Todesgefahr ist und sich mit Glauben an ihn wendet, der für uns gestorben ist, gerettet werde. »Denn Gott«, schreibt der hl. Johannes, »hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern  damit die Welt durch ihn gerettet wird« (Joh 3,17).

Der hl. Augustinus kommentiert: »Soweit es auf den Arzt ankommt, kam er den Kranken zu heilen. Der tötet sich selbst, der die Vorschriften des Arztes nicht beobachten will. Es kam der Heiland in die Welt […] Du willst dich von ihm nicht heilen lassen, du wirst von dir selbst gerichtet werden« (Tractatus in Ioannis Evangelium 12,12: PL 35, 1190).
Wenn nun die barmherzige Liebe Gottes, der bis zu dem Punkt gegangen ist, seinen einzigen Sohn als Lösegeld für unser Leben hinzugeben, unendlich ist, dann ist auch unsere Verantwortung groß: ein jeder nämlich muß erkennen, daß er krank ist, um geheilt werden zu können; jeder muß seine Sünde bekennen, damit die schon am Kreuz geschenkte Vergebung Gottes in seinem Herzen und Leben wirksam werden kann.

Der hl. Augustinus schreibt weiter: »Gott klagt deine Sünden an; wenn auch du sie anklagst, bist du mit Gott verbunden […] Wenn dir aber einmal das zu mißfallen anfängt, was du gemacht hast, dann beginnen deine guten Werke, weil du deine schlechten Werke anklagst. Der Anfang der guten Werke ist das Bekenntnis der bösen Werke« (ebd., 13: PL 35,1191). 

Bisweilen liebt der Mensch mehr die Dunkelheit als das Licht, da er an seinen Sünden hängt. Doch nur wenn er sich dem Licht öffnet, nur wenn er Gott aufrichtig seine Schuld bekennt, findet er den wahren Frieden und die wahre Freude. Daher ist es wichtig, regelmäßig das Sakrament der Buße zu empfangen, vor allem in der Fastenzeit, um der Vergebung des Herrn teilhaftig zu werden und auf unserem Weg der Umkehr weiter voranzukommen.

(B16, 18.3.2013, Angelus)

Sonntag, 26. März 2023

Glaubst du das?

 

Auferweckung des Lazarus, Salisbury Cathedral

Liebe Brüder und Schwestern!

Auf unserem Weg durch die Fastenzeit sind wir beim fünften Fastensonntag angekommen; ihn kennzeichnet das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus (Joh 11,1-45). Es ist dies das letzte große Zeichen, das Jesus vollbrachte, bevor die Hohenpriester den Hohen Rat einberiefen, um darüber zu beraten, ihn zu töten. Und sie fassten den Beschluss, auch Lazarus zu töten, der der lebende Beweis für die Göttlichkeit Christi war, des Herrn über das Leben und den Tod. Dieser Abschnitt aus dem Evangelium zeigt uns nämlich Jesus als wahren Menschen und wahren Gott.

Der Evangelist unterstreicht vor allem die Freundschaft mit Lazarus und den Schwestern Marta und Maria. Er betont, dass „Jesus sie liebte“ (Joh 11,5). Gerade deshalb wollte er das große Wunder vollbringen. „Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken“ (Joh 11,11), so sprach er zu seinen Jüngern. Und mit der Metapher des Schlafes brachte er Gottes Sichtweise hinsichtlich des leiblichen Todes zum Ausdruck: Gott sieht ihn als einen Schlaf, von dem man aufwachen kann. Jesus hat absolute Gewalt über diesen Tod an den Tag gelegt: Das zeigt sich, als er dem jungen Sohn der Witwe von Nain (vgl. Lk 7,11-17) und dem zwölfjährigen Mädchen (vgl. Mk 5,35-43) das Leben zurückerstattet. Eben von ihr sagt er: „Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur“ (Mk 5,39), und dadurch das Gelächter der Anwesenden erregt. In Wahrheit aber ist es so: Der leibliche Tod ist ein Schlaf, von dem Gott uns zu jedem Zeitpunkt wecken kann.

Diese Herrschaft über den Tod hielt Jesus nicht davon ab, angesichts des Schmerzes der Trennung aufrichtiges Mit-leid zu fühlen. Als er Marta und Maria sowie die anderen weinen sah, die gekommen waren, um sie zu trösten, „war er im Innersten erregt und erschüttert“, und „weinte“ schließlich (Joh 11,33.35). Das Herz Christi ist göttlich-menschlich: In ihm sind Gott und Mensch einander in vollkommener Weise begegnet, ungetrennt und unvermischt. Er ist das Bild, ja, mehr noch: die Fleischwerdung Gottes, der Liebe, Barmherzigkeit, väterliche und mütterliche Zärtlichkeit ist, des Gottes, der Leben ist. Deshalb erklärt er vor Marta feierlich: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ Und er fügte hinzu: „Glaubst du das?“ (Joh 11,25-26). Ja, Herr! Auch wir glauben, trotz unserer Zweifel und unserer dunklen Seiten. Wir glauben an dich, weil du Worte des ewigen Lebens hast. Wir wollen an dich glauben, da du uns eine verlässliche Hoffnung auf Leben jenseits des Lebens schenkst, auf  wahres und volles Leben in deinem Reich des Lichtes und des Friedens.

Stellen wir dieses Gebet der allerseligsten Maria anheim. Ihre Fürbitte möge unseren Glauben und unsere Hoffnung in Jesus beleben, besonders in den Momenten der größten Prüfung und Not.


(B16, 9.3.2008)

Lazare, veni foras - Lazarus, komm heraus!