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“PRECES SUPPLICATIONESQUE CUM CLAMORE VALIDO ET LACRYMIS OFFERENS EXAUDITUS EST PRO SUA REVERENTIA” |
Lesung aus dem Hebräerbrief 5,7-9
7Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens
mit lautem Schreien und unter Tränen
Gebete und Bitten vor den gebracht,
der ihn aus dem Tod retten konnte,
und er ist erhört worden aufgrund seiner Gottesfurcht.
8Obwohl er der Sohn war,
hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt;
9zur Vollendung gelangt,
ist er für alle, die ihm gehorchen,
der Urheber des ewigen Heils geworden.
(2. Lesung vom 5. Sonntag in der Fastenzeit)
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Mosaik des betenden Jesus, Todesangstbasilika, Kirche aller Nationen, Jerusalem
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Heute möchte ich zu euch über das Gebet Jesu in Getsemani, im Ölgarten,
sprechen. Der Schauplatz des Evangeliumsberichtes über dieses Gebet ist
besonders bedeutsam. Jesus begibt sich nach dem Letzten Abendmahl zusammen mit
seinen Jüngern betend zum Ölberg. Der Evangelist Markus berichtet: »Nach dem
Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus« (14,26). Gemeint ist wohl der Gesang einiger
Psalmen des »Hallel«, mit denen man Gott für die Befreiung des Volkes aus der
Knechtschaft dankt und um seine Hilfe in den immer neuen Schwierigkeiten und
Bedrohungen der Gegenwart bittet. Der Weg nach Getsemani ist von Worten Jesu
erfüllt, die spüren lassen, daß sein Tod herannaht, und die die unmittelbar
bevorstehende Zerstreuung der Jünger ankündigen.
Im Garten am Ölberg angekommen bereitet sich Jesus auch in jener Nacht auf
das persönliche Gebet vor. Diesmal jedoch geschieht etwas Neues: Es scheint,
daß er nicht allein bleiben will. Oft zog Jesus sich von der Menge und auch von
den Jüngern »an einen einsamen Ort« (Mk 1,35) oder »auf einen Berg« (Mk
6,46) zurück, sagt der hl. Markus. In Getsemani dagegen fordert er Petrus,
Jakobus und Johannes auf, in der Nähe zu bleiben. Es sind die Jünger, die er
gerufen hat, auf dem Berg der Verklärung bei ihm zu sein (vgl. Mk 9,2–13).
Die Nähe der drei beim Gebet in Getsemani ist bedeutsam. Auch in jener Nacht
wird Jesus »allein« zum Vater beten, denn er steht zu ihm in einer ganz
einzigartigen Beziehung: der Beziehung des eingeborenen Sohnes. Man könnte
sogar sagen, daß sich vor allem in jener Nacht niemand wirklich dem Sohn nähern
kann, der sich dem Vater in seiner absolut einzigartigen, ausschließlichen Identität
darbringt. Zwar gelangt Jesus »allein« an den Punkt, an dem er innehalten wird,
um zu beten, aber er will, daß wenigstens drei Jünger nicht fern, in engerer
Beziehung zu ihm bleiben. Es handelt sich um eine räumliche Nähe, eine Bitte um
Solidarität in dem Augenblick, in dem er den Tod herannahen spürt, aber vor
allem ist es eine Nähe im Gebet, gewissermaßen um den Einklang mit ihm zum
Ausdruck zu bringen, in dem Augenblick, indem er sich anschickt, den Willen des
Vaters bis zum Äußersten zu erfüllen, und es ist eine Aufforderung an jeden
Jünger, ihm auf dem Weg des Kreuzes nachzufolgen.
Der Evangelist Markus berichtet: »Er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit
sich. Da ergriff ihn Furcht und Angst, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist
zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht!« (14,33–34). In dem Wort, das er an die
drei richtet, drückt Jesus sich wieder in der Sprache der Psalmen aus: »Meine
Seele ist betrübt«, ein Ausdruck aus Psalm 43 (vgl. 43,5). Das feste
Entschlossensein – »zu Tode« – ruft außerdem eine Situation in Erinnerung, die
viele der Gesandten Gottes im Alten Testament erlebt haben und die in ihrem
Beten zum Ausdruck kommt. Denn die ihnen anvertraute Sendung zu erfüllen,
bedeutet nicht selten, Feindseligkeit, Ablehnung, Verfolgung zu begegnen. Mose
spürt in dramatischer Weise die Prüfung, die er erfährt, als er das Volk durch
die Wüste führt, und sagt zu Gott: »Ich kann dieses ganze Volk nicht allein
tragen, es ist mir zu schwer. Wenn du mich so behandelst, dann bring mich
lieber gleich um, wenn ich überhaupt deine Gnade gefunden habe« (Num 11,14–15).
Auch für den Propheten Elija ist es nicht leicht, den Dienst an Gott und an
seinem Volk auszuführen. Im Ersten Buch der Könige wird berichtet: »Er
selbst ging eine Tagereise weit in die Wüste hinein. Dort setzte er sich unter
einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug,
Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter« (19,4). Die
Worte Jesu an die drei Jünger, die er beim Gebet in Getsemani in der Nähe haben
will, offenbaren, daß er in jener »Stunde« Furcht und Angst empfindet und die
letzte, tiefe Einsamkeit gerade dann erfährt, als der Plan Gottes umgesetzt
wird. Und in jener Furcht und Angst Jesu ist das ganze Grauen des Menschen vor
dem eigenen Tod zusammengefaßt, die Gewißheit über seine Unabwendbarkeit und
die Wahrnehmung der Last des Bösen, das unser Leben berührt.
Nach der Aufforderung an die drei, zu bleiben und im Gebet zu wachen, wendet
Jesus sich »allein« an den Vater. Der Evangelist Markus berichtet: »Er ging ein
Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, daß die Stunde, wenn
möglich, an ihm vorübergehe« (14,35). Jesus wirft sich mit dem Gesicht zur Erde
nieder: eine Gebetshaltung, die den Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters
zum Ausdruck bringt, die vertrauensvolle Hingabe an ihn. Es ist eine Geste, die
zu Beginn der Feier vom Leiden und Sterben Christi, am Karfreitag, wiederholt
wird, ebenso wie in der monastischen Profeß und in der Diakon-, Priester- und
Bischofsweihe, um im Gebet die eigene Ganzhingabe an Gott, das Vertrauen auf
ihn auch körperlich zum Ausdruck zu bringen. Dann bittet Jesus den Vater, daß
diese Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe. Es ist nicht nur die Furcht und
Angst des Menschen vor dem Tod, sondern es ist die Erschütterung des Sohnes
Gottes, der die schreckliche Menge des Bösen sieht, das er auf sich nehmen muß,
um es zu überwinden, um ihm die Macht zu entreißen. Liebe Freunde, auch wir
müssen im Gebet fähig sein, unsere Mühsal vor Gott zu bringen, das Leiden
gewisser Situationen, gewisser Tage, das tägliche Bemühen, ihm nachzufolgen,
Christen zu sein, und auch die Last des Bösen, das wir in uns und um uns herum
sehen, auf daß er uns Hoffnung gebe, uns seine Nähe spüren lasse, uns auf dem
Weg des Lebens etwas Licht schenke.
Jesus setzt sein Gebet fort: »Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm
diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst (soll
geschehen)« (Mk 14,36). In diesem Gebet gibt es drei erhellende
Passagen. Am Anfang haben wir die Verdopplung des Ausdrucks, mit dem Jesus sich
an Gott wendet: »Abba, Vater« (Mk 14,36a). Wir wissen, daß Kinder sich
mit dem aramäischen Wort »Abba« an ihren Papa wandten und es daher die
Beziehung Jesu zu Gott, dem Vater, zum Ausdruck bringt: eine Beziehung voll
Zärtlichkeit, Liebe, Vertrauen, Hingabe. Im Mittelteil des Gebets befindet sich
als zweites Element das Wissen um die Allmacht des Vaters: »Alles ist dir
möglich.« Es leitet eine Bitte ein, in der noch einmal das Drama des menschlichen
Willens Jesu angesichts des Todes und des Bösen erscheint: »Nimm diesen Kelch
von mir!« Aber dann ist da der dritte Ausdruck des Gebets Jesu, und das ist der
Entscheidende, in dem der menschliche Wille dem göttlichen Willen vollkommen
zustimmt. Denn Jesus sagt ab - schließend mit Nachdruck: »Aber nicht, was ich
will, sondern was du willst (soll geschehen)« (Mk 14,36c). In der
Einheit der göttlichen Person des Sohnes findet der menschliche Wille seine
volle Verwirklichung in der Ganzhingabe des »Ich« an das »Du« des Vaters, der
»Abba« genannt wird. Der hl. Maximus der Bekenner sagt, daß vom Augenblick der
Schöpfung des Mannes und der Frau an der menschliche auf den göttlichen Willen
ausgerichtet ist. Und gerade im »Ja« zu Gott ist der menschliche Wille völlig
frei und findet seine Verwirklichung. Leider hat sich aufgrund der Sünde dieses
»Ja« zu Gott in Ungehorsam verwandelt: Adam und Eva haben gedacht, daß das
»Nein« zu Gott der Höhepunkt der Freiheit, die völlige Selbstverwirklichung
sei. Am Ölberg bringt Jesus den menschlichen Willen zum vollkommenen »Ja« zu
Gott zurück; in ihm ist der natürliche Wille vollkommen eingebunden in die
Ausrichtung, die die göttliche Person ihr gibt. Jesus lebt seine Existenz dem
Mittelpunkt seiner Person, seiner göttlichen Sohnschaft, entsprechend. Sein
menschlicher Wille ist in das Ich des Sohnes hineingezogen, der sich dem Vater
vollkommen hinschenkt. So sagt Jesus uns, daß der Mensch nur in der Angleichung
des eigenen Willens an den göttlichen Willen zu seiner wahren Größe gelangt,
»göttlich« wird. Nur wenn man aus sich herauskommt, nur im »Ja« zu Gott wird
Adams und unser aller Verlangen erfüllt: das Verlangen, gänzlich frei zu sein.
Das ist es, was Jesus in Getsemani vollbringt: Durch das Hineinnehmen des
menschlichen Willens in den göttlichen Willen wird der wahre Mensch geboren und
sind wir erlöst.
Das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche lehrt
zusammenfassend: »Das Gebet Jesu während seiner Todesangst im Garten von
Getsemani und seine letzten Worte am Kreuz offenbaren die Tiefe seines Betens
als Sohn: Jesus erfüllt den Ratschluß der Liebe des Vaters und nimmt alle
Ängste der Menschen, alles Flehen und Bitten der Heilsgeschichte auf sich. Er
bringt sie zum Vater, der sie annimmt und über alle menschliche Hoffnung hinaus
erhört, indem er ihn von den Toten auferweckt« (Nr. 543). Denn »nirgends sonst
in der Heiligen Schrift schauen wir so tief in das innere Geheimnis Jesu hinein
wie im Ölberggebet« (Jesus von Nazareth, II, 179).
Liebe Brüder und Schwestern, jeden Tag bitten wir im Gebet des Vaterunser
den Herrn: »Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden « (vgl. Mt 6,10).
Das heißt, wir erkennen, daß es einen Willen Gottes mit uns und für uns gibt,
einen Willen Gottes für unser Leben, der jeden Tag immer mehr zum Bezugspunkt
unseres Willens und unseres Seins werden muß. Außerdem erkennen wir, daß der
Wille Gottes im »Himmel« geschieht und daß die »Erde« nur dann zum »Himmel« –
zum Ort der Gegenwart der Liebe, der Güte, der Wahrheit, der göttlichen
Schönheit – wird, wenn auf ihr der Wille Gottes geschieht. Im Beten Jesu zum
Vater in jener schrecklichen und wunderbaren Nacht in Getsemani ist die »Erde«
zum »Himmel« geworden; die »Erde« seines menschlichen Willens, der von Furcht
und Angst erschüttert war, ist in seinen göttlichen Willen hineingenommen
worden, so daß der Wille Gottes sich auf der Erde erfüllt hat. Und das ist auch
in unserem Beten wichtig: Wir müssen lernen, uns der göttlichen Vorsehung
stärker anzuvertrauen, müssen Gott um die Kraft bitten, aus uns selbst
herauszukommen, um ihm gegenüber unser »Ja« zu erneuern, um ihm immer wieder zu
sagen: »Dein Wille geschehe«, um unseren Willen dem seinen anzugleichen. Darum
müssen wir täglich beten, denn es ist nicht immer leicht, uns dem Willen Gottes
anzuvertrauen, das »Ja« Jesu, das »Ja« Marias zu wiederholen. Die
Evangeliumsberichte von Getsemani zeigen schmerzhaft, daß die drei Jünger, die
Jesus dazu auserwählt hat, in seiner Nähe zu sein, nicht in der Lage waren, mit
ihm zu wachen, an seinem Gebet, an seiner Zustimmung zum Vater teilzuhaben, und
vom Schlaf übermannt wurden.
Liebe Freunde, bitten wir den Herrn, in der Lage zu sein, mit ihm im Gebet
zu wachen, dem Willen Gottes jeden Tag zu folgen, auch wenn er vom Kreuz
spricht, in immer größerer Vertrautheit mit dem Herrn zu leben, um auf diese
»Erde« ein wenig von Gottes »Himmel« zu bringen. Danke.
(Papst Benedikt XVI., Generalaudienz, 1.3.2012)
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Jesus, bete auch für uns!
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