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Freitag, 29. Mai 2026

Paul VI - das Dokument, das die Liturgie "erneuerte"

Vogel macht sich Worte Paul VI. zu eigen, 2024

Papst Paul VI. (Portrait in Castel Gandolfo, Heiligsprechung durch Papst Franziskus), 2018

Am Grab des hl. Papstes Paul VI. (er erklärt Maria zur Mutter der Kirche) . 2019

Gedanken über den Tod (Paul VI.) und ein Merzedes als Dienstauto, 2020

aus Marialis Cultus, über das Rosenkranzgebet, 2021 

Bronzetür der Primatskapelle in Tabgha,
die der Pastoralbesuche Paul VI. (1964) und Johannes Paul II. (2000) gedenkt;
Jesus als guter Hirt, den Petrus den Schlüssel übergibt, Brotvermehrung und Abendmahl


Paul VI., Tabgha

APOSTOLISCHE KONSTITUTION

MISSALE ROMANUM

EINFÜHRUNG DES GEMÄSS BESCHLUSS  DES ZWEITEN VATIKANISCHEN KONZILS
ERNEUERTEN RÖMISCHEN MESSBUCHES

PAULUS BISCHOF

DIENER DER DIENER GOTTES ZUM IMMERWÄHRENDEN GEDÄCHTNIS

Das Römische Meßbuch, auf Grund eines Beschlusses des Konzils von Trient von Unserem Vorgänger, dem heiligen Pius V., im Jahre 1570 herausgegeben (Vgl. Apostolische Konstitution Quo primum vom 14.7.1570.), gehört nach allgemeinem Urteil zu den vielen und segensreichen Ergebnissen, die dieses Konzil für die gesamte Kirche Christi zeitigte. Vier Jahrhunderte lang haben Priester des lateinischen Ritus sich seiner als Norm zur Feier des eucharistischen Opfers bedient, und Glaubensboten haben es in fast alle Länder gebracht. Zahllose heilige Menschen haben für ihr geistliches Leben aus seinen Schriftlesungen und Gebeten in reichem Maß wertvolle Anregungen geschöpft, aus jenen Texten also, deren Ordnung im wesentlichen auf Gregor den Großen zurückgeht.

Seit geraumer Zeit hat sich nun aber im christlichen Volk eine liturgische Erneuerung in steigendem Maße entfaltet, die nach einem Wort Unseres Vorgängers Pius XII. als Walten der Vorsehung Gottes gegenüber den Menschen unserer Zeit und als gnadenvolles Wirken des Heiligen Geistes in seiner Kirche (Vgl. Pius XII., Ansprache an die Teilnehmer des Internationalen Pastoralliturgischen Kongresses zu Assisi am 22.9.1956: AAS 48 (1956), S.712.) anzusehen ist. Diese Erneuerungsbewegung hat weithin deutlich werden lassen, daß die Texte des Römischen Meßbuches einer Überarbeitung und Erweiterung bedürfen. Einen Anfang machte Unser Vorgänger Pius XII. durch die Neuordnung der Osternacht und der Karwoche (Vgl. Ritenkongregation, Dekret Dominicae Resurrectionis vom 9.2.1951: AAS 43 (1951), S.128 ff.; Dekret Maxima redemptionis nostrae mysteria vom 16.11.1955: AAS 47 (1955), S.838 ff.), womit er gleichsam den ersten Schritt tat, um das Römische Meßbuch dem Empfinden unserer Zeit anzupassen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit der Konstitution Sacrosanctum Concilium die Grundlage für eine allgemeine Erneuerung des Römischen Meßbuches gelegt. Nach seinen Bestimmungen sollen Texte und Riten so geordnet werden, daß sie das Heilige, dem sie als Zeichen dienen, deutlicher zum Ausdruck bringen (II. Vatikanisches Konzil, Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium Art. 21.); Der Meßordo soll so überarbeitet werden, daß der eigentliche Sinn der einzelnen Teile und ihr wechselseitiger Zusammenhang deutlicher hervortreten und die fromme und tätige Teilnahme der Gläubigen erleichtert wird. (Vgl. ebd. Art. 50.) Damit den Gläubigen der Tisch des Gotteswortes reicher bereitet werde, soll die Schatzkammer der Bibel weiter aufgetan werden. (Vgl. ebd. Art. 51.) Ferner beschloß das Konzil, daß ein neuer Konzelebrationsritus geschaffen und in das Römische Pontifikale und Missale eingefügt werde. (Vgl. ebd. Art. 57.)

Diese Erneuerung des Römischen Meßbuches ist jedoch nicht plötzlich und unvorbereitet gekommen. Ihr haben die Ergebnisse der liturgiewissenschaftlichen Arbeiten während der letzten vier Jahrhunderte den Weg bereitet. Wie aus der Apostolischen Konstitution Quo primum Unseres Vorgängers, des heiligen Pius V., hervorgeht, hatten schon nach dem Konzil von Trient zur Revision des Römischen Meßbuches das Studium und der Vergleich der alten Handschriften, die sich in der Vatikanischen Bibliothek befanden oder die von überall her hinzugezogen wurden, nicht wenig beigetragen. Inzwischen sind sowohl älteste liturgische Quellen neu erschlossen und veröffentlicht wie auch Texte der Ostkirchen eingehender untersucht worden. Es ergab sich bei vielen der Wunsch, die dort vorhandenen Reichtümer des Glaubens und der Frömmigkeit nicht länger im Dunkel der Bibliotheken verborgen zu halten, sondern ans Licht zu bringen, um Herz und Sinn der Christen zu erleuchten und zu nähren.

Wir möchten im folgenden die Neuordnung des Römischen Meßbuches wenigstens in den Grundzügen beschreiben. Zunächst sei die Allgemeine Einführung erwähnt, die gleichsam die Einleitung des Buches bildet. In ihr werden die neuen Richtlinien für die Feier des eucharistischen Opfers dargelegt, die sich auf die Handlungen und Dienste eines jeden Teilnehmers sowie auf alles, was zur heiligen Feier sachlich und räumlich notwendig ist, beziehen. Die bedeutendste Neuerung betrifft wohl das eucharistische Hochgebet.

Zwar sind im römischen Ritus für den ersten Teil dieses Gebetes, die Präfation, im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Texte geschaffen worden; der zweite Teil hingegen, der Kanon genannt wurde, erhielt in der Zeit vom 4. zum 5. Jahrhundert eine unveränderliche Form. Im Gegensatz hierzu ließen die ostkirchlichen Liturgien eine gewisse Abwechslung von Anaphoren zu. Gemäß Unserer Anordnung ist nun das eucharistische Hochgebet durch eine größere Anzahl von Präfationen bereichert worden, die teils der alten Tradition der römischen Kirche entnommen, teils neu verfaßt sind, um so die verschiedenen Aspekte des Heilsmysteriums deutlicher werden zu lassen und zahlreichere Motive der Danksagung anzuführen. Außerdem haben Wir für das Hochgebet drei neue Texte hinzufügen lassen. Aus pastoralen Gründen und zur Erleichterung der Konzelebration haben Wir verfügt, daß die Herrenworte in allen Fassungen des Kanons die gleichen seien. Wir bestimmen also, daß sie in jedem eucharistischen Hochgebet folgendermaßen lauten. Über das Brot: „Nehmet und esset alle davon, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ Über den Kelch: „Nehmet und trinket alle daraus, das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Die vom Priester gesprochenen Worte „Geheimnis des Glaubens“ werden aus dem Kontext der Herrenworte gelöst und als Einleitung einer Akklamation der Gläubigen verwendet.

Was den Ordo Missae betrifft, sind die Riten unter Wahrung ihrer Substanz einfacher geworden. (Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Sacrosanctum Concilium Art. 50.) Es entfiel, was im Laufe der Zeit verdoppelt oder weniger glücklich eingefügt worden ist (Vgl. ebd. Art. 50.), vor allem bei der Bereitung von Brot und Wein sowie bei der Brotbrechung und der Kommunion.

Hingegen wurde wiederhergestellt nach der ehrwürdigen Norm der Väter, was durch die Ungunst der Zeiten verlorengegangen war. (Vgl. ebd. Art. 50.) Hierher gehören die Homilie (Vgl. ebd. Art. 52.), das „Allgemeine Gebet“ oder „Gebet der Gläubigen“ (Vgl. ebd. Art. 53.) und zu Beginn der Messe ein „Schuldbekenntnis“ oder „Ritus der Versöhnung mit Gott und den Brüdern“, der die ihm zukommende Bedeutung zurückerhielt.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat ferner angeordnet, daß innerhalb einer bestimmten Anzahl von Jahren die wichtigsten Teile der Heiligen Schrift dem Volke vorgetragen werden. (Vgl. ebd. Art. 51.) Dementsprechend wurden die an den Sonntagen zu verlesenden Perikopen auf eine Drei-Jahres-Ordnung verteilt. Überdies ist an allen festlichen Tagen der Epistel- und Evangelienlesung eine weitere Lesung aus dem Alten Testament – in der Osterzeit aus der Apostelgeschichte – vorausgestellt. Auf diese Weise wird die Dynamik der Heilsgeschichte durch Gottes Offenbarungswort klarer ins Licht gerückt. Diese Fülle biblischer Lesungen, die an den Sonn- und Feiertagen den größeren Teil der Heiligen Schrift den Gläubigen nahebringt, wird durch weitere Teile der heiligen Bücher, die an den anderen Tagen verkündet werden, ergänzt.

Diese Neuordnungen zielen darauf hin, bei den Gläubigen jenes Verlangen nach dem Worte Gottes(Vgl. Amos 8,11.) zu steigern, wodurch das Volk des Neuen Bundes unter Leitung des Heiligen Geistes zur vollkommenen Einheit der Kirche hingeführt wird. Wir hegen die feste Zuversicht, daß Priester und Gläubige sich auf Grund dieser Erneuerung besser für das Herrenmahl bereiten und durch größere Vertrautheit mit der Heiligen Schrift tiefer in das Verständnis des Gotteswortes eindringen. Die Heiligen Schriften sollen so – entsprechend den Mahnungen des Zweiten Vatikanischen Konzils – für alle zum gleichsam nie versiegenden Quell geistlichen Lebens, zur Grundlage der Glaubensunterweisung und zum Herzstück aller theologischen Lehre werden.

Bei der Erneuerung des Römischen Meßbuches sind aber nicht nur die bisher erwähnten drei Teile (das eucharistische Hochgebet, der Ordo Missae und die Leseordnung) geändert worden; auch die anderen sind überprüft und erheblich verändert worden: die Eigenmessen des Herrenjahres, die Eigenmessen für die Gedenktage der Heiligen, die Commune-Texte für die Gedenktage der Heiligen, die Messen zu bestimmten Feiern und die Votivmessen. Dabei wurde besondere Sorgfalt auf die Orationen verwandt; sie wurden nicht nur zahlenmäßig vermehrt, damit neue Orationen den neuen Bedürfnissen unserer Zeit entsprechen, sondern es wurden auch die alten Orationen an Hand der Quellen überprüft. So wurde es auch möglich, für die Wochentage der liturgischen Hauptzeiten, der Advents-, Weihnachts-, Fasten- und Osterzeit, jeweils eigene Orationen anzugeben.

Was schließlich die Texte des Graduale Romanum betrifft, bleiben sie – wenigstens für den Gesangsvortrag – unverändert. Um ein besseres Verständnis der Texte zu erreichen, wurde der Antwortpsalm, von dem bei Augustinus und Leo dem Großen oft die Rede ist, wieder eingeführt. Auch wurden für Meßfeiern ohne Gesang Eröffnungs- und Kommunionverse, soweit angebracht, neu geschaffen.

Zum Abschluß möchten Wir nach allem, was Wir bis jetzt über das neue Römische Meßbuch gesagt haben, noch auf einen Gedanken besonders hinweisen. Als Unser Vorgänger Pius V. die erste Ausgabe des Römischen Meßbuches veröffentlichte, bot er es dem christlichen Volk gleichsam als Hilfe zur Einheit in der Liturgie und als Ausdruck echten und frommen Gottesdienstes in der Kirche dar. Der Anordnung des Zweiten Vatikanischen Konzils entsprechend, haben Wir zwar im neuen Meßbuch berechtigter Vielfalt und Anpassung (Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Sacrosanctum Concilium Art. 38-40). ihren Platz zuerkannt; dennoch geben auch Wir der Hoffnung Ausdruck, daß das neue Buch von den Gläubigen als eine Hilfe zur gegenseitigen Bezeugung und Stärkung der Einheit angenommen werde. Durch seine Verwendung soll in der Mannigfaltigkeit vieler Sprachen aus den Herzen aller ein und dasselbe Gebet, das Gott wohlgefälliger ist als Weihrauch, zum himmlischen Vater durch unseren Hohenpriester Jesus Christus im Heiligen Geiste emporsteigen.

Die Bestimmungen dieser Konstitution treten am 30. November, dem ersten Adventssonntag dieses Jahres, in Kraft.

Unsere Anordnungen und Vorschriften sollen jetzt und in Zukunft gültig und rechtskräftig sein, unter Aufhebung jedweder entgegenstehender Konstitutionen und Verordnungen Unserer Vorgänger sowie aller übrigen Anweisungen, welcher Art sie auch seien.

Gegeben zu St. Peter in Rom, am 3. April, Gründonnerstag 1969, im sechsten Jahre Unseres Pontifikates.

PAULUS PP. VI.


Primatskapelle in Tabgha

Mittwoch, 29. Mai 2024

Was ich euch mit den Wortes eines Papstes sagen möchte

 





 „Dessen werden sich die Menschen heute fast überstürzt bewusst: nämlich die Natur so unbedacht ausgeschlachtet zu haben, dass Gefahr besteht, sie zu zerstören, und dass der in solchem Missbrauch liegende Schaden wieder auf sie selbst zurückfällt. Aber nicht nur die Umwelt des Menschen wird für diesen stets feindlicher, wie zum Beispiel die Verunreinigung der Natur, Umweltverschmutzung, neue Krankheiten, absolute Vernichtungskraft; der Mensch hat auch die menschliche Gesellschaft selbst nicht mehr im Griff, so dass er für seine Zukunft Lebensbedingungen herbeiführen kann, die für ihn ganz und gar unerträglich sind. Es handelt sich um die soziale Frage, die so weite Dimensionen hat, dass sie die gesamte Menschheitsfamilie erfasst. Derart neuen Aussichten müssen die Christen ihre Gedanken zuwenden, damit sie sich zusammen mit den übrigen Menschen der Verantwortung für das Schicksal bewusstwerden, das ein allen gemeinsames zu nennen ist.“

aus dem Apostolischen Schreiben „Octagesima adveniens“, 1971

Papst Paul VI. (Portrait in Castel Gandolfo, Heiligsprechung durch Papst Franziskus)
Am Grab des hl. Papstes Paul VI. (er erklärt Maria zur Mutter der Kirche) 

Gedanken über den Tod (Paul VI.)


Donnerstag, 7. Oktober 2021

Ein Abriß des ganzen Evangeliums - zum Rosenkranzfest

 

Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz, bitte für uns!

S. Maria sopra Minerva, nur zum Gottesdienst ab 17 Uhr geöffnet, wird z. Z. renoviert

 

Aus dem Apostolischen Schreiben "Marialis cultus" von Papst Paul VI.

42. Wir wollen nun jedoch, Ehrwürdige Brüder, noch etwas ausführlicher bei der Erneuerung jener Andachtsübung verweilen, die ein ”Abriß des ganzen Evangeliums” (110) genannt worden ist: dem Rosenkranz der seligen Jungfrau Maria. Ihm haben Unsere Vorgänger große Aufmerksamkeit und besondere Sorge zugewandt. Sie haben des öfteren das häufige Rosenkranzgebet empfohlen, seine Verbreitung gefördert, seine Natur erläutert, ihn als ein geeignetes Mittel anerkannt, um ein kontemplatives Gebet des Lobes und der Bitte zugleich zu entfalten, und an die ihm innewohnende Wirksamkeit erinnert, die das christliche Leben und den apostolischen Einsatz fördert. Auch Wir haben seit der ersten Generalaudienz Unseres Pontifikates, am 18. Juli 1963, Unser Interesse für das Rosenkranzgebet bekundet (111) und haben in der Folgezeit bei vielfältigen Anlässen, von denen einige gewöhnlicher, andere dringlicher Natur waren, seinen besonderen Wert unterstrichen. So, als Wir in einer Stunde der Bedrängnis und Unsicherheit die Enzyklika „Christi Matri“ (15. September 1966) veröffentlichten, damit Bittgebete zur Seligen Jungfrau des Rosenkranzes verrichtet würden, um von Gott das höchste Gut des Friedens zu erflehen, (112) einen Aufruf, den Wir in Unserem Apostolischen Schreiben „Recurrens mensis October“ (7. Oktober 1969) wiederholt haben, in dem Wir unter anderem auch der Vierhundertjahrfeier des Apostolischen Schreibens „Consueverunt Romani Pontifices“ Unseres Vorgängers des heiligen Pius V. gedacht haben, der darin die traditionelle Form des Rosenkranzes erläutert und in gewisser Weise festgesetzt hat. (113)

43. Unser ständiges Interesse für den geliebten Rosenkranz der seligen Jungfrau Maria hat Uns veranlaßt, mit Aufmerksamkeit die zahlreichen Tagungen zu verfolgen, die in den letzten Jahren der Pastoral des Rosenkranzes in der heutigen Welt gewidmet waren: Tagungen, die von Vereinigungen und Menschen veranstaltet wurden, denen die Verehrung des Rosenkranzes sehr am Herzen liegt und an denen Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien teilgenommen haben, die eine bewährte Erfahrung und einen anerkannten kirchlichen Sinn haben. Unter ihnen sind zu Recht die Söhne des heiligen Dominikus zu nennen, die traditionsgemäß die Hüter und Förderer dieser so heilsamen Andachtsübung sind. Zu den Arbeiten der Tagungen haben im besonderen die Forschung der Geschichtswissenschaftler beigetragen, die durchgeführt wurden, nicht etwa mit der fast archäologischen Zielsetzung, die ursprüngliche Form des Rosenkranzes zu bestimmen, sondern um die ursprüngliche Idee, die anfängliche Kraft, die wesentliche Struktur aufzufinden. Von diesen Tagungen und Forschungen her sind die hauptsächlichen Merkmale des Rosenkranzes, seine wesentlichen Elemente und ihr Verhältnisse zueinander deutlicher hervorgetreten.

44. So ist zum Beispiel der biblische Charakter des Rosenkranzes in hellerem Licht erschienen, insofern er vom Evangelium die Aussage der Geheimnisse und seine hauptsächlichen Formeln nimmt; er inspiriert sich am Evangelium, um dem Gläubigen vom freudigen Gruß des Engels und der religiösen Zustimmung der Jungfrau her die Haltung nahezubringen, in der er ihn beten soll; vom Evangelium stellt er in der harmonischen Folge der Ave-Maria ein grundlegendes Geheimnis vor – die Menschwerdung des Wortes –, das im entscheidenden Augenblick der Verkündigung an Maria betrachtet wird. Der Rosenkranz ist also ein biblisches Gebet, wie ihn heute vielleicht mehr als in der Vergangenheit die Seelsorger und Gelehrten mit Vorliebe zu nennen pflegen.

45. Es ist ferner leichter erkannt worden, wie der geordnete und graduelle Verlauf des Rosenkranzgebetes die Art selbst widerspiegelt, in der das Wort Gottes, da es nach gnädigem Ratschluß in die menschliche Geschichte eintrat, die Erlösung gewirkt hat. Der Rosenkranz betrachtet nämlich von ihr in harmonischer Folge die wichtigsten Heilsereignisse, die sich in Christus zugetragen haben: von der jungfräulichen Empfängnis und den Geheimnissen seiner Kindheit bis zu dem erhabenen Geschehen von Ostern – des seligen Leidens und der glorreichen Auferstehung – und weiter bis zu deren Auswirkung auf die bildende Kirche am Pfingsttag und auf die Heilige Jungfrau an dem Tage, an dem sie nach Beendigung ihres Erdenlebens mit Leib und Seele in die himmlische Heimat aufgenommen wurde. Es ist weiterhin bemerkt worden, wie die dreifache Aufteilung der Geheimnisse des Rosenkranzes nicht nur streng der zeitlichen Ordnung der Geschehnisse folgt, sondern vor allem das Schema der frühchristlichen Glaubensverkündigung widerspiegelt und das Geheimnis Christi auf dieselbe Weise vorstellt, wie es vom heiligen Paulus im berühmten ”Hymnus” des Briefes an die Philipper gesehen wird: Erniedrigung, Tod, Verherrlichung (2, 6 – 11).

46. Als biblisches Gebet, das auf das Geheimnis der erlösenden Menschwerdung ausgerichtet ist, ist der Rosenkranz also ein Gebet, das zutiefst christologisch geprägt ist. In der Tat wird sein charakteristisches Element – die litaneiartige Wiederholung des ”Gegrüßet seist du, Maria” – selbst zu einem unaufhörlichen Lobpreis Christi, dem Endziel der Verkündigung des Engels und des Grußes der Mutter des Täufers: ”Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes” (Lk 1, 42). Wir möchten noch mehr sagen: die Wiederholung des Ave-Maria bildet die Kette, entlang der sich die Betrachtung der Geheimnisse entfaltet. Jener Jesus, den jedes Ave-Maria anruft, ist derselbe, den die Folge der Geheimnisse uns nacheinander als Sohn Gottes und der Jungfrau vorstellt, der in einer Grotte zu Betlehem geboren ist; von der Mutter im Tempel dargestellt; als Jüngling, der voller Eifer für das eintritt, was seines Vaters ist; als von Todesängsten gepeinigter Erlöser im Garten; gegeißelt und mit Dornen gekrönt; mit dem Kreuz beladen und sterbend am Kreuze; auferstanden von den Toten und aufgefahren in die Herrlichkeit des Vaters, um von dort das Geschenk des Geistes auszugießen. Es ist bekannt, daß man, vor allem um die Betrachtung zu fördern und Geist und Wort miteinander in Einklang zu bringen, zu einer früheren Zeit – und der Brauch hat sich in manchen Ländern erhalten – an den Namen Jesus in jedem Ave-Maria einen Satz hinzufügte, der das bestimmte Geheimnis wiederholte.

47. Man hat ebenso mit größerer Dringlichkeit die Notwendigkeit gespürt, neben dem Wert des preisenden und fürbittenden Elementes auch noch die Bedeutung eines anderen wesentlichen Bestandteiles des Rosenkranzes zu betonen: die Betrachtung. Ohne sie ist der Rosenkranz ein Körper ohne Seele, und das rezitierende Gebet läuft Gefahr, zu einer mechanischen Wiederholung von Formeln zu werden und zur Ermahnung Jesu in Gegensatz zu treten: „Wenn ihr betet, so plappert nicht wie die Heiden! Die meinen, sie fänden Erhörung, wenn sie viele Worte machen” (Mt 6, 7). Von seiner Natur her verlangt das Rosenkranzgebet einen ruhigen Rhythmus und ein längeres besonnenes Verweilen, was im Betenden die Betrachtung der Geheimnisse des Lebens des Herrn fördert, die mit den Augen derjenigen geschaut werden, die dem Herrn am nächsten stand und dessen unergründliche Reichtümer erschließt.


Maria, Königin aller Heiligen, bitte für uns!

Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz in Pompej, Bartolo Longo

Die Lepantomonstranz in der Asamkirche

Lourdes und der Rosenkranz

Lepanto und der Rosenkranz

Eine kleine Geschichte des Rosenkranzes

Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz in Fatima

Pius V. und der Rosenkranz

Am Rosenkranzfest den ganzen Psalter beten

Papst Benedikt ermutigt Kinder, den Rosenkranz zu beten

Freitag, 29. Mai 2020

Paul VI. - die Zeit meines Aufbruchs ist nahe

Mercedes Benz 300SEL, Stoccarda, 1967; Nummernschild SCV 12, verwendet vom Staatssekretariat in der Amtszeit von
Papst Paul VI., Castel Gandolfo
 
Papst
Namensdeutung: der Geringe (lat.)
Namenstage: Paulus, Paul, Pablo, Paolo, Pál, Pavel, Pol, Poul, Pavo, weibl.: Paula, Paulina, Pauline
Gedenktag: 29. Mai
Lebensdaten: geboren am 26. September 1897 in Concesio bei Brescia, gestorben am 6. August 1978 in Castel Gandolfo
Lebensgeschichte: Giovanni Battista Enrico Antonio Maria Montini, genannt Giambattista, war der zweite von drei Söhnen eines Anwalts, katholischen Zeitungsverlegers und Abgeordneten sowie einer landadeligen Mutter. Er ging in Brescia unter anderem bei den Jesuiten der Stadt zur Schule, seiner schwachen Gesundheit wegen allerdings immer als Externer, und trat 1916 ins Priesterseminar ein. 1920 zum Priester geweiht, zog er zum Weiterstudium des Kirchen- und bürgerlichen Rechts nach Rom und vollendete seine Ausbildung an der Päpstlichen Diplomatenakademie. Ab 1923 zur Mitarbeit im Vatikanischen Staatssekretariat herangezogen, stieg er zu einem engen Mitarbeiter des Kardinalstaatssekretärs Eugenio Pacelli und späteren Papstes Pius XII. auf. Als dieser ihn 1954 zum Erzbischof von Mailand ernannte, munkelten einige, Montini wäre damit aus der Kurie entfernt worden, dabei war ganz das Gegenteil der Fall: Mailand war eines der wichtigsten Bistümer, Industriehauptstadt und einer der kulturellen Mittelpunkte Italiens: genau der Schnittpunkt für den Einfluss, den der Papst der Kirche in der Gesellschaft der Nachkriegszeit sichern wollte. Montini bewährte sich durch öffentliche Präsenz im gesellschaftlichen und kulturellen Leben, zahllose Vorträge, Förderung des Laienapostolats und Annäherung an die Arbeiterschaft. Papst Johannes XXIII., mit dem er befreundet war, verlieh ihm 1958 das mit dem Erzbistum Mailand traditionell verbundene Kardinalsbirett und entsandte ihn verschiedentlich als seinen Vertreter ins Ausland. Montini, der als eine der progressivsten Kirchenspitzen galt, gehörte der entscheidenden Vorbereitungskommission des Zweiten Vatikanischen Konzils an und setzte es, nachdem er am 21. Juni 1963 selbst zum Papst gewählt worden war, als Papst Paul VI. entschlossen fort. Er war immens gebildet und von tiefer Spiritualität, wirkte aber seiner natürlichen Reserviertheit wegen etwas farblos, obwohl er als erster Papst die Welt bereiste und durch aufsehenerregende Besuche Brücken zur Orthodoxie und zum Judentum baute sowie recht spektakuläre Zeichen wie den Verzicht auf die Tiara und die Abschaffung des Index der verbotenen Bücher setzte. Während er sich für eine Zusammenarbeit von Kirche und Welt am Gemeinwohl einsetzte, wurde er in diesen Umbruchszeiten verschiedentlich angegriffen. Mit seinem Namen sind die umfassende Reform der Liturgie und des kirchlichen Lebens verbunden sowie die Enzyklika Humanae vitae über die Weitergabe des menschlichen Lebens, die ihm 1968 traurige Berühmtheit einbrachte – bei denen, die sie nicht gelesen haben. Weil er in seinem päpstlichen Amt die traditionelle Lehre und die kirchliche Disziplin betonte, dabei aber nach den Weisungen des Konzils die Öffnung der Kirche zur Welt betrieb und damit ihren säkularisierten Zustand akzeptierte, war er für viele seiner Zeitgenossen schwer zu fassen. Papst Paul VI. gab sich keinen Illusionen hin. Er soll gesagt haben, die Kirche habe den Frühling gesät, gekommen sei aber der Sturm.

Verehrung: Paul VI. wurde nach seinem Tod in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo in den Vatikanischen Grotten unterhalb des Petersdoms in einem Erdgrab bestattet. Das 1993 eröffnete Seligsprechungsverfahren kam 2014 unter Papst Franziskus zum Abschluss. Nach der Anerkennung eines weiteren Wunders auf seine Fürsprache sprach Franziskus ihn am 14. Oktober 2018 heilig. Sein Gedenktag, der 29. Mai, ist der Tag seiner Priesterweihe – heute vor 100 Jahren.
(Bistum Augsburg)

Papst Paul VI. (Portrait in Castel Gandolfo, Heiligsprechung durch Papst Franziskus)
Am Grab des hl. Papstes Paul VI. (er erklärt Maria zur Mutter der Kirche)

Castel Gandolfo

GEDANKEN ÜBER DEN TOD
 * L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, 14. September 1979, Nr. 37.

Tempus resolutionis meae instatDie Zeit meines Aufbruchs ist nahe" (2 Tim 4, 6).

Certus quod velox est depositio tabernaculi mei . Ich weiß, dass mein Zelt bald abgebrochen wird (2 Petr 1, 14)Finis venit, venit finisDas Ende kommt, das Ende naht (Ez 7, 2).

Diese Meditation über die Hinfälligkeit des irdischen Lebens und das unvermeidliche und immer greifbarere Herannahen seines Endes drängt sich auf. Es wäre unklug, sich blind zu stellen vor diesem unausweichlichen Los, vor dem schrecklichen Zusammenbruch, der dazu gehört, vor der geheimnisvollen Verwandlung, die sich in meinem Ich vollziehen wird, vor dem, was sich vorbereitet.

Ich sehe, dass diese Überlegung sich sehr persönlich stellt: Ich, wer bin ich? Was bleibt von mir? Wohin gehe ich? Und deshalb stellt sie sich auch unter ausdrücklich moralischem Aspekt: Was muss ich tun? Was ist meine Verantwortung? Und ich sehe auch, dass es vergeblich ist, sich für das gegenwärtige Leben Hoffnungen zu machen. Ihm gegenüber gibt es Pflichten und funktionelle, augenblicksbedingte Erwartungen. Die Hoffnungen sind für das Jenseits da.

Und ich sehe, dass diese wichtigste aller Überlegungen sich nicht in einem subjektiven Monolog vollziehen kann, nicht im gewohnten Ablauf der menschlichen Ereignisse, der mit dem wachsenden Licht auch das Dunkel des menschlichen Schicksals wachsen lässt; nein, im Dialog mit der göttlichen Wirklichkeit, von der ich herkomme und zu der ich gewisslich hingehe, dem Licht folgend, das uns Christus für den großen Hinübergang in die Hand gibt. Ich glaube, Herr.

Die Stunde kommt. Seit einiger Zeit habe ich ein Vorgefühl davon. Mehr als die physische Müdigkeit, die Bereitschaft, jeden Augenblick wegzutreten, scheint mir die Dramatik meiner Verantwortung nahezulegen, dass mein Auszug aus dieser Welt die beste Lösung ist, damit die Vorsehung sichtbar werden und die Kirche zu einer besseren Zukunft hinführen kann. Ja, die Vorsehung hat so viele Weisen, in das gewaltige Spiel der Umstände einzugreifen, die meine Wenigkeit fesseln. Aber die meiner Abberufung in das andere Leben scheint die natürlichste, weil sie zwingender als andere ist und nicht an die gegenwärtigen Schwierigkeiten gebunden. Servus inutilis sum. Ich bin ein unnützer Knecht.

 Ambulate dum lucem habetis. „Geht euren Weg, solange ihr das Licht habt (Joh 12, 35).

Ja, mir wäre es recht, im Licht zu sterben. Gewöhnlich hat das Ende des irdischen Lebens, wenn es nicht von Krankheit verdunkelt ist, eine bestimmte Klarheit: die der schönen, angenehmen, nostalgischen und klaren Erinnerungen, die uns jetzt sagen, dass sie unwiderruflich vorüber sind und dass ihre verzweifelten Versprechungen Illusion sind. Hier fällt Licht auf die Enttäuschungen eines Lebens, das auf vergängliche Güter und trügerische Hoffnungen gegründet war. Hier fällt Licht auf die dunklen und jetzt wirkungslosen Selbstpeinigungen. Hier leuchtet das Licht der Weisheit, die endlich die Eitelkeit der Dinge einsieht und den Wert der Tugenden, die das Leben auszeichnen sollten: Vanitas vanitatum. „Eitelkeit der Eitelkeiten. Was mich betrifft, möchte ich endlich eine zusammenfassende und weise Kenntnis der Welt und des Lebens haben. Ich meine, dass eine solche Erkenntnis sich in Dank ausdrücken müsste: Alles war Geschenk, alles war Gnade. Und wie schön die ganze Vergangenheit war, zu schön, so dass sie uns anzog und bezauberte, während sie Zeichen und Aufforderung sein wollte. Auf jeden Fall scheint mir, der Abschied müsse sich in einem großen und schlichten Akt des Dankes ausdrücken, der Danksagung: Dieses sterbliche Leben ist trotz seiner Mühen, seiner dunklen Geheimnisse, seiner Leiden, seiner fatalen Hinfälligkeit eine sehr schöne Tatsache, ein immer originelles und bewegendes Wunder, ein Ereignis, wert in Freude und Jubel besungen zu werden. Leben, Leben des Menschen! Nicht weniger wert der Bewunderung und des seligen Staunens ist der Rahmen, der das Leben des Menschen umgibt: Diese unermessliche, geheimnisvolle, herrliche Welt, dieses Universum von tausend Kräften, tausend Gesetzen, tausend Schönheiten, tausend Tiefen. Ein bezauberndes Panorama. Es scheint Verschwendung ohne Maß.

Bei diesem Rückblick steigt das Bedauern auf, dieses Bild nicht genug bewundert zu haben; die Wunder der Natur, den überraschenden Reichtum der großen und kleinen Welt nicht im verdienten Maß bemerkt zu haben. Warum habe ich den Raum, in dem sich das Leben vollzieht, nicht genug studiert, durchforscht, bewundert? Welche unverzeihliche Zerstreuung, welche tadelnswerte Oberflächlichkeit! Trotzdem muss man, zumindest am Ende, erkennen, welches Wunder diese Welt, qui per Ipsum factus est, „die durch Ihn geschaffen ist, darstellt. Dich grüße und Dich und feiere ich, wenn auch im letzten Augenblick, mit unendlicher Bewunderung und, wie ich schon sagte, mit Dank: Alles ist Geschenk. Hinter dem Leben, hinter der Natur, dem Weltall steht die Weisheit und, das sage ich bei diesem leuchtenden Abschied (Du hast es uns offenbart, Herr Christus), steht die Liebe! Die Bühne der Welt ist ein heute großenteils unbegreiflicher Plan eines Schöpfergottes, der sich „Unser Vater im Himmel nennt.. Dank Dir, Gott, Dank und Herrlichkeit Dir, Vater! In diesem letzten Augenblick bemerke ich, dass diese faszinierende und geheimnisvolle Szenerie eine Widerspiegelung, ein Reflex des ersten und einzigen Lichts ist. Sie ist die natürliche Offenbarung eines außergewöhnlichen Reichtums und einer Schönheit, die Einfüllung, Vorspiel, Vorwegnahme, Einladung sein sollte zur Schau jener unsichtbaren Sonne, quem nemo vidit unquam, die „niemand je gesehen hat (vgl. Joh 1, 18): unigenitus Filius, qui est in sinu Patris, Ipse enarravit, „der eingeborene Sohn im Schoß des Vaters, er selbst hat uns das offenbart. Amen, Amen.

Aber jetzt, im Glanz der untergehenden Sonne, drängt sich mir über dieses letzte Abendlicht, Verheißung der ewigen Morgenröte, hinaus, ein anderer Gedanke in den Sinn: die Sehnsucht, die elfte Stunde zu nutzen, der eilige Wunsch, etwas Wichtiges zu tun, ehe es zu spät ist. Wie all die missratenen Dinge in Ordnung bringen, die verlorene Zeit wiedergewinnen, in der letzten Möglichkeit der Entscheidung, das unum necessarium,  „das einzig Notwendige, wählen?
Auf den Dank folgt die Reue. Auf das Gloria vor Gott, dem Schöpfer und Vater, folgt der Schrei nach Barmherzigkeit und Vergebung. Könnte ich wenigstens das eine tun: Deine Güte anrufen und mit meiner Schuld Deine grenzenlosen Heilsmöglichkeiten bekennen. Kyrie eleison; Christe eleison; Kyrie eleison. „Herr, erbarme Dich; Christus, erbarme Dich; Herr, erbarme Dich.
Hier steigt aus meiner Erinnerung die arme Geschichte meines Lebens auf; dieses Geflecht einzigartiger und ungezählter Wohltaten, die ihren Ursprung unsagbarer Güte verdanken (die eines Tages sehen und „in Ewigkeit singen zu dürfen ich hoffe). Und da stehen auf der anderen Seite, von einer Kette nichtswürdiger Handlungen durchzogen, an die ich lieber nicht erinnern möchte, so viele Mängel, Unvollkommenheiten, Irrtümer, Dummheiten, Lächerlichkeiten. Tu scis insipientiam meam. „Gott, du kennst meine Torheit (Ps 68, 6). Armes, mühseliges, beengtes, dürftiges Leben, das sehr viel, sehr viel Geduld, Heilung, unendliche Barmherzigkeit braucht. Die höchste Synthese scheint mir noch immer die des hl. Augustinus: miseria et misericordia. „Meine Erbärmlichkeit, Gottes Barmherzigkeit. Könnte ich Dich doch wenigstens jetzt als den ehren, der Du bist, nämlich der Gott unendlicher Güte, indem ich Deine liebevolle Barmherzigkeit anrufe, annehme, feiere.
Und dann endlich ein Akt guten Willens: Nicht mehr zurückblicken, sondern gern, einfach, demütig, tapfer meine Schuldigkeit tun, wie sie sich aus den Umständen ergibt, in denen ich mich befinde, so wie es Dein Wille ist.

Schnell handeln. Alles tun. Gut handeln. Freudig handeln. Das tun, was Du von mir willst, auch wenn es meine Kräfte unendlich übersteigt und mich das Leben kostet. Jetzt und endlich, in dieser letzten Stunde.

Ich beuge das Haupt und erhebe den Geist. Ich demütige mich selbst und erhebe Dich, Gott, „dessen Wesen die Güte ist(hl. Leo). Lass mich in dieser letzten Nachtwache Dir huldigen, lebendiger und wahrer Gott, der Du morgen mein Richter sein wirst. Lass Dir das Lob geben, das Du am meisten begehrst, den Namen, den Du vorziehst: Du bist Vater.

Dann meine ich, dass jetzt vor dem Tod, dem Lehrer der Philosophie des Lebens, das größte Ereignis von allen für mich, wie für alle, die das gleiche Glück haben, die Begegnung mit Christus, dem Leben, sei. All das wäre zu durchdenken mit jener Klarheit, mit der die Lampe des Todes eine solche Begegnung erhellt. Nihil enim nobis nasci profuit, nisi redimi profuisset. „Nichts hätte es uns geholfen, geboren zu werden, hätte es uns nicht zur Erlösung verholfen. Das ist die Entdeckung der österlichen Verkündigung, das ist das Kriterium zur Beurteilung aller Dinge, die das menschliche Dasein betreffen und seine wahre und einzige Bestimmung, die sich nicht anders umgrenzen lässt als in Richtung auf Christus: o mira circa nós tuae pietatis dignatio! „Oh wunderbare Herablassung Deiner Liebe zu uns! Wunder aller Wunder, das Geheimnis unseres Lebens in Christus. Hier besingen der Glaube, die Hoffnung, die Liebe die Geburt des Menschen und feiern seinen Tod. Ich glaube, ich hoffe, ich liebe in Deinem Namen, Herr.

Und dann frage ich mich noch: Warum hast Du mich gerufen, warum hast Du mich erwählt, so ungeeignet, so widerspenstig, so arm an Geist und Herz? Ich weiß: quae stulta sunt mundi elegit Deus... ut non glorietur omnis caro in conspectu eiu. „Gott hat das Törichte in der Welt erwählt ..., damit kein Mensch sich rühmt vor Gott (1 Kor 1, 27-29). Meine Erwählung zeigt zwei Dinge: meine Geringfügigkeit; Deine barmherzige und mächtige Freiheit, die nicht einmal vor meinem Unglauben, meiner Erbärmlichkeit, meiner Fähigkeit, Dich zu verraten, Halt gemacht hat: Deus meus, Deus meus, audebo dicere... in quodam aestasis tripudio de Te praesumendo dicam: nisi quia Deus es, iniustus esser, quia peccavimus graviter... et Tu placatus es. Nos Te provocamus ad iram, Tu autem conducis nos ad misericordiam! „Mein Gott, mein Gott, ich wage zu sagen... in ekstatischem Jubel nehme ich mir heraus zu sagen: Wenn Du nicht Gott wärst, wärst Du ungerecht, denn wir haben schwer gesündigt und Du hast Dich versöhnen lassen. Wir haben Dich zum Zorn gereizt, und Du hast uns statt dessen zur Barmherzigkeit hingeführt! (PL 40, 1150).

Siehe, ich stehe Dir zu Diensten, siehe, zu Diensten Deiner Liebe. Siehe, ich bin in einem Zustand der Erhebung, der mir nicht mehr erlaubt, in die Haltung des armen Menschen zurückzufallen, wenn nicht, um mir die Wirklichkeit meines Seins in Erinnerung zu bringen und in grenzenlosestem Vertrauen die Antwort zu geben, die ich schuldig bin: amen; fiat; Tu scis quia amo Te. „Amen, Amen. Du weißt, dass ich Dich liebe." Ein Zustand der Spannung tritt ein und fixiert in einem dauernden Akt absoluter Treue meinen Willen zum Dienst durch Liebe: in finem dilexit , „er liebte bis zum EndeNe permittas me separari a Te. „Erlaube nicht, dass ich mich von Dir trenne. Das Ende des gegenwärtigen Lebens, das man ruhig und heiter erträumen konnte, muss dagegen wachsende Bemühung um Wachsamkeit, Hingabe, Aufmerksamkeit sein. Das ist schwierig, aber es ist so, dass der Tod das Ziel der irdischen Pilgerschaft besiegelt und die Brücke zu der großen Begegnung mit Christus im ewigen Leben bildet. Ich sammle meine letzten Kräfte und weiche nicht vor der vollendeten Ganzhingabe zurück: consummatum est, „alles ist vollendet.

Ich erinnere mich der Worte, die der Herr dem Petrus über seinen Tod vorausgesagt hatte: amen, amen dico tibi... cum... senueris, extendes manus tuas, et alius et cinget, et ducet quo tu non vis. Hoc autem dixit significans qua morte clarificaturus esset Deum. Et, cum hoc dixisset, dicit et: sequere me. „Amen, Amen, ich sage dir wenn du alt geworden, bist, wirst, du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst. Dies sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen sollte. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir! (Joh 21, 18-19).

Ich folge Dir, und ich stelle fest, dass ich mich nicht verstohlen aus dieser Welt schleichen kann. Tausend Fäden verbinden mich mit der Menschheitsfamilie, tausend mit der Gemeinschaft der Kirche. Diese Fäden zerreißen von selbst, aber ich darf nicht vergessen, dass sie von mir letzte Pflichterfüllung verlangen. Discessus pius, „ein frommer Tod. Vor meinem Geist steht die Erinnerung daran, wie Jesus von dieser Welt Abschied genommen hat. Ich muss daran denken, wie er immer wieder sein Leiden vorausgesehen und oft davon gesprochen hat; wie er die Zeit in Erwartung „seiner Stunde gemessen hat; wie das Wissen um die endzeitliche Bestimmung seinen Geist und seine Lehre erfüllt hat; wie er von seinem bevorstehenden Tod zu den Jüngern beim letzten Abendmahl gesprochen hat; und schließlich, wie er wollte, dass sein Tod zum bleibenden Gedächtnis werde durch die Einsetzung des eucharistischen Opfers: mortem Domini annuntiabitis donec veniat . „Verkündet den Tod des Herrn bis er wiederkommt.

Ein Aspekt unter allen anderen ist grundlegend: tradidit semetipsum, „er hat sich selbst für mich hingegeben. Sein Tod war ein Opfer. Er starb für die anderen, er starb für uns. Die Einsamkeit dieses Todes war von unserer Gegenwart angefüllt, war von Liebe durchdrungen: dilexit Ecclesiam, „er liebte die Kirche (an „Le mystère de Jésus" von Pascal denken). Sein Tod war die Offenbarung seiner Liebe zu uns: in finem dilexit, „er liebte bis zum Ende. Und von dieser demütigen und unermesslichen Liebe gab er am Ende seines irdischen Lebens ein eindringliches Beispiel (die Fußwaschung). Er machte seine Liebe zum Gleichnis und Endgebot. Sein Tod war das Testament seiner Liebe. Es ist gut, sich daran zu erinnern.

Ich bitte deshalb den Herrn, mir die Gnade zu geben, dass mein baldiger Tod ein Geschenk der Liebe an die Kirche sei. Ich darf sagen, dass ich sie immer geliebt habe. Diese Liebe hat mich meinem engherzigen und wilden Egoismus entrissen und mich in ihren Dienst gestellt. Und durch sie habe ich, wie mir scheint, gelebt, und durch nichts anderes. Aber ich möchte, dass die Kirche das weiß. Und dass ich die Kraft hätte, ihr das zu sagen in jener Vertraulichkeit des Herzens, zu der man nur im letzten Moment des Lebens den Mut aufbringt. Ich möchte schließlich, dass sie alles begreift, was zu ihrer Geschichte gehört, zu dem Plan, den Gott von ihr hat, zu ihrer endzeitlichen Bestimmung, zu ihrer vielfältigen, ganzheitlichen, in sich geschlossenen Zusammensetzung, ihrem menschlichen und unvollkommenen Zusammenhalt, ihrem Unglück und Leid, den Schwächen und Erbärmlichkeiten so vieler ihrer Söhne, ihren weniger sympathischen Aspekten und ihrer fortdauernden Bemühung um Treue, Liebe, Vollkommenheit und Nächstenliebe. Mystischer Leib Christi. Ich möchte sie umarmen, begrüßen, lieben in jedem Wesen, das zu ihr gehört, in jedem Bischof und Priester, der ihr beisteht und sie leitet, in jeder Seele, die in ihr lebt und leuchtet; ich möchte sie segnen. Auch weil ich sie nicht verlasse, nicht von ihr fortgehe, sondern mich noch mehr und besser mit ihr vereinige und verschmelze: der Tod ist ein Schritt nach vorn in der Gemeinschaft der Heiligen.

Hier ist der Platz, an das letzte Gebet Jesu zu erinnern (Joh 17). Der Vater und die Meinen, sie sind alle eins: in der Auseinandersetzung mit dem Bösen und der Möglichkeit der Erlösung; im vollen Bewusstsein, dass es meine Mission war, sie zu berufen, ihnen die Wahrheit zu offenbaren, sie zu Kindern Gottes und zu Brüdern untereinander zu machen: sie zu lieben mit der Liebe, die in Gott ist und von Gott kommt, durch Christus; die gekommen ist in der Menschlichkeit und dem mir anvertrauten Dienst der Kirche; die ihr mitgeteilt wurde.

Ihr Menschen begreift mich. Ich liebe euch alle in der Ausgießung des Heiligen Geistes, den ich, als Diener, euch mitteilen sollte. So schaue ich auf euch, so grüße ich euch, so segne ich euch. Alle. Und euch, die ihr mir am nächsten steht, am herzlichsten. Der Friede sei mit euch. Und was soll ich der Kirche, der ich alles schulde und die die meinige war, sagen? Der Segen Gottes sei über dir; sei dir deiner Natur und deiner Sendung bewusst; habe ein Gespür für die wahren und tiefsten Bedürfnisse der Menschheit. Und geh deinen Weg arm, also frei, tapfer und liebend Christus entgegen.
Amen. Der Herr komme. Amen.

Mittwoch, 29. Mai 2019

Am Grab des hl. Papstes Paul VI.

Grab von Paul VI. in den Vatikanischen Grotten, Rom



Zu dieser Stunde des Angelus möchte ich die tiefe Verehrung in Erinnerung rufen, die der Diener Gottes Giovanni Battista Montini für die Jungfrau Maria hegte. Er feierte seine erste  Messe im Heiligtum „Santa Maria delle Grazie“, dem marianischen Herzen eurer Stadt (Brescia), unweit von diesem Platz. Auf diese Weise stellte er sein Priestertum unter den mütterlichen Schutz der Mutter Jesu, und dieses Band hat ihn ein Leben lang begleitet.
Als seine kirchliche Verantwortung Schritt für Schritt größer wurde, reifte in ihm in der Tat eine immer umfassendere und organischere Sicht der Beziehung zwischen der Seligen Jungfrau Maria und dem Geheimnis der Kirche heran. Diesbezüglich bleibt die Ansprache zum Abschluss der 3. Sitzungsperiode des II. Vatikanischen Konzils vom 21. November 1964 denkwürdig. In jener Sitzung wurde die Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ promulgiert, deren – nach den Worten Pauls VI. – „Höhepunkt und Krönung ein ganzes der Muttergottes gewidmetes Kapitel ist“. Der Papst wies darauf hin, dass es sich um die breiteste  Synthese der marianischen Lehre handelte, die jemals von einem Ökumenischen Konzil ausgearbeitet worden ist, mit dem Ziel, „das Antlitz der heiligen Kirche zu zeigen, mit der Maria zutiefst verbunden ist“ (Enchiridion Vaticanum, Bologna 1979, S. [185], Nr. 300-302).
In diesem Zusammenhang erklärte er die Selige Jungfrau Maria zur „Mutter der Kirche“ (vgl. ebd., Nr. 306) und wies mit großem ökumenischen Gespür darauf hin, dass die Verehrung Marias ein Mittel ist, das im Wesentlichen darauf ausgerichtet ist, die Seelen zu Christus zu führen und sie so in der Liebe des Heiligen Geistes mit dem Vater zu vereinen“, um sie auf diese Weise mit dem Vater in der Liebe des Heiligen Geistes zu vereinen“ (ebd., Nr. 315).

(Papst Benedikt XVI, Paul VI. erklärte Maria zur Mutter der Kirche, 8. November 2009)




Papst Paul VI. (Portrait in Castel Gandolfo, Heiligsprechung durch Papst Franziskus)