
27. Jetzt, an den Anfängen der Kirche, am Beginn ihres
langen Weges im Glauben, der mit dem Pfingstereignis in Jerusalem
anfing, war Maria mit allen zusammen, die den Keim des »neuen Israels«
bildeten. Sie war mitten unter ihnen als außerordentliche Zeugin des
Geheimnisses Christi. Und die Kirche verharrte zusammen mit ihr im Gebet
und »betrachtete sie« zugleich »im Licht des ewigen Wortes, das Mensch
geworden war«. So sollte es immer sein. Wenn die Kirche stets tiefer »in
das erhabene Geheimnis der Menschwerdung eindringt«, denkt sie ja dabei
in tiefer Verehrung und Frömmigkeit auch an die Mutter Christi [63].
Maria gehört untrennbar zum Geheimnis Christi, und so gehört sie auch
zum Geheimnis der Kirche von Anfang an, seit dem Tag von deren Geburt.
Zur Grundlage all dessen, was die Kirche von Anfang an ist und was sie
von Generation zu Generation inmitten aller Nationen der Erde
unaufhörlich werden muß, gehört diejenige, die »geglaubt hat, daß sich
erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (Lk 1, 45). Gerade dieser Glaube
Marias, der den Beginn des neuen und ewigen Bundes Gottes mit der
Menschheit in Jesus Christus anzeigt, dieser heroische Glaube »geht« dem
apostolischen Zeugnis der Kirche »voran« und bleibt im Herzen der
Kirche zugegen, verborgen als ein besonderes Erbe der Offenbarung
Gottes. Alle, die von Generation zu Generation das apostolische Zeugnis
der Kirche annehmen, haben an diesem geheimnisvollen Erbe Anteil und
nehmen gewissermaßen teil am Glauben Marias.
Auch im Pfingstereignis bleiben die Worte Elisabets
»Selig, die geglaubt hat« mit Maria verbunden; sie folgen ihr durch alle
Zeiten überall dorthin, wo sich durch das apostolische Zeugnis und den
Dienst der Kirche die Kenntnis vom Heilsgeheimnis Christi ausbreitet.
Auf diese Weise erfüllt sich die Verheißung des Magnifikats: »Siehe, von
nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat
Großes an mir getan, und sein Name ist heilig« (Lk 1, 48–49). Die
Erkenntnis des Geheimnisses Christi führt ja zur Lobpreisung seiner
Mutter in der Form einer besonderen Verehrung für die Gottesgebärerin.
In dieser Verehrung ist aber immer der Lobpreis ihres Glaubens
eingeschlossen, weil die Jungfrau von Nazaret nach den Worten Elisabets
vor allem durch diesen Glauben selig geworden ist. Alle, die unter den
verschiedenen Völkern und Nationen der Erde die Generationen hindurch
das Geheimnis Christi, des menschgewordenen Wortes und Erlösers der
Welt, gläubig aufnehmen, wenden sich nicht nur mit Verehrung an Maria
und gehen vertrauensvoll zu ihr wie zu einer Mutter, sondern suchen auch
in ihrem Glauben Kraft für den eigenen Glauben. Und gerade diese
lebendige Teilnahme am Glauben Marias entscheidet über ihre besondere
Gegenwart bei der Pilgerschaft der Kirche als neues Gottesvolk auf der
ganzen Erde.
28. Das Konzil sagt hierzu: »Maria ... (ist) zuinnerst
in die Heilsgeschichte eingegangen. ... Daher ruft ihre Verkündigung und
Verehrung die Gläubigen hin zu ihrem Sohn und seinem Opfer und zur
Liebe des Vaters« [64].
Deshalb wird in gewisser Weise der Glaube Marias auf der Grundlage des
apostolischen Zeugnisses der Kirche unaufhörlich zum Glauben des
Gottesvolkes auf seinem Pilgerweg: zum Glauben der Personen und
Gemeinden, der Kreise und Gemeinschaften sowie der verschiedenen
Gruppen, die es in der Kirche gibt. Es ist ein Glaube, der mit Verstand
und Herz zugleich vermittelt wird; man findet ihn oder erlangt ihn
wieder stets durch das Gebet. »Daher blickt die Kirche auch in ihrem
apostolischen Wirken mit Recht zu ihr auf, die Christus geboren hat, der
dazu vom Heiligen Geist empfangen und von der Jungfrau geboren wurde,
daß er durch die Kirche auch in den Herzen der Gläubigen geboren werde
und wachse« [65].
Heute, da wir uns auf dieser Pilgerschaft des Glaubens
dem Ende des zweiten christlichen Jahrtausends nähern, erinnert die
Kirche durch die Lehre des II. Vatikanischen Konzils daran, wie sie sich
selber sieht, als »dieses eine Gottesvolk«, das »in allen Völkern der
Erde wohnt«; sie erinnert an die Wahrheit, nach der alle Gläubigen, auch
wenn sie »über den Erdkreis hin verstreut (sind), mit den übrigen im
Heiligen Geiste in Gemeinschaft stehen« [66],
so daß man sagen kann, daß sich in dieser Einheit das Pfingstgeheimnis
ständig verwirklicht. Zugleich bleiben die Apostel und die Jünger des
Herrn unter allen Völkern der Erde »beharrlich im Gebet zusammen mit
Maria, der Mutter Jesu« (vgl. Apg 1, 14). Indem sie von Generation zu
Generation das Zeichen des Reiches bilden, das nicht von dieser Welt ist
[67],
sind sie sich auch bewußt, daß sie sich inmitten dieser Welt um jenen
König sammeln müssen, dem die Völker zum Erbe gegeben sind (Ps 2, 8),
dem Gott Vater »den Thron seines Vaters David« gegeben hat, so daß er
ȟber das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft kein
Ende haben wird«.
Mit diesem Glauben, der sie besonders vom Augenblick
der Verkündigung an selig gemacht hat, ist Maria in dieser Zeit der
Erwartung zugegen in der Sendung der Kirche, zugegen im Wirken der
Kirche, die das Reich ihres Sohnes in die Welt einführt [68].
Diese Gegenwart Marias findet heute wie in der ganzen Geschichte der
Kirche vielfältige Ausdrucksweisen. Sie hat auch einen vielseitigen
Wirkungsbereich: durch den Glauben und die Frömmigkeit der einzelnen
Gläubigen, durch die Traditionen der christlichen Familien oder der
»Hauskirchen«, der Pfarr- und Missionsgemeinden, der
Ordensgemeinschaften, der Diözesen, durch die werbende und ausstrahlende
Kraft der großen Heiligtümer, in denen nicht nur einzelne oder örtliche
Gruppen, sondern bisweilen ganze Nationen und Kontinente die Begegnung
mit der Mutter des Herrn suchen, mit derjenigen, die selig ist, weil sie
geglaubt hat, die die erste unter den Gläubigen ist und darum Mutter
des Immanuel geworden ist. Das ist der Ruf der Erde Palästinas, der
geistigen Heimat aller Christen, weil es die Heimat des Erlösers der
Welt und seiner Mutter ist. Das ist der Ruf so vieler Kirchen, die der
christliche Glaube in Rom und über die ganze Welt hin die Jahrhunderte
hindurch errichtet hat. Das ist auch die Botschaft der Orte wie
Guadalupe, Lourdes, Fatima und der anderen in den verschiedenen Ländern,
unter denen auch, wie könnte ich nicht daran denken, jener Ort meiner
Heimat ist, Jasna G-ra. Man könnte von einer eigenen »Geographie« des
Glaubens und der marianischen Frömmigkeit sprechen, die alle diese Orte
einer besonderen Pilgerschaft des Gottesvolkes umfaßt, das die Begegnung
mit der Muttergottes sucht, um im Bereich der mütterlichen Gegenwart
»derjenigen, die geglaubt hat«, den eigenen Glauben bestärkt zu finden.
Im Glauben Marias hat sich ja schon bei der Verkündigung und dann
endgültig unter dem Kreuz von seiten des Menschen jener innere Raum
wieder geöffnet, in welchem der ewige Vater uns »mit allem geistlichen
Segen« erfüllen kann: der Raum »des neuen und ewigen Bundes« [69].
Deser Raum bleibt in der Kirche bestehen, die in Christus »gleichsam
das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste
Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit« ist [70].
Im Glauben, den Maria bei der Verkündigung als »Magd
des Herrn« bekannte und mit dem sie dem Gottesvolk auf seinem Pilgerweg
ständig »vorangeht«, strebt die Kirche »unablässig danach, die ganze
Menschheit ... unter dem einen Haupt Christus zusammenzufassen in der
Einheit seines Geistes« [71].