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Sonntag, 14. August 2022

Gott ist das Haus des Menschen

 


Aber jetzt fragen wir uns: Was gibt die Aufnahme Mariens in den Himmel unserem Weg, unserem Leben? Die erste Antwort lautet: In der Aufnahme Mariens in den Himmel sehen wir, daß in Gott Raum ist für den Menschen. Gott selbst ist das Haus mit den vielen Wohnungen, von dem Jesus spricht (vgl. Joh 14,2); Gott ist das Haus des Menschen, in Gott gibt es Raum Gottes. Und Maria, die sich mit Gott vereint, mit Gott vereint ist, entfernt sich nicht von uns, geht nicht in eine ferne Galaxie; vielmehr ist, wer zu Gott geht, uns nahe, weil Gott uns allen nahe ist, und Maria, die mit Gott vereint ist, hat teil an der Gegenwart Gottes, ist uns sehr nahe, einem jeden von uns. Es gibt ein schönes Wort des hl. Gregor des Großen über den hl. Benedikt, das wir auch auf Maria anwenden können: Der hl. Gregor der Große sagt, daß das Herz des hl. Benedikt so groß geworden ist, daß die gesamte Schöpfung in dieses Herz hineinpaßte. Das gilt noch mehr für Maria: Maria, die völlig mit Gott vereint ist, hat ein so großes Herz, daß die ganze Schöpfung in dieses Herz hineinpaßt, und die Votivgaben in allen Teilen der Welt zeigen das. Maria ist nahe, kann zuhören, kann helfen, sie ist uns allen nahe. In Gott ist Raum für den Menschen, und Gott ist nahe, und Maria, die mit Gott vereint ist, ist sehr nahe, sie hat ein Herz, das so weit ist wie das Herz Gottes.

Aber da ist auch der andere Aspekt: Es ist nicht nur in Gott Raum für den Menschen; im Menschen ist Raum für Gott. Auch das sehen wir in Maria, der heiligen Lade, die die Gegenwart Gottes trägt. In uns ist Raum für Gott, und diese Gegenwart Gottes in uns, die so wichtig ist, um der Welt in ihrer Traurigkeit, in ihren Problemen Licht zu schenken, diese Gegenwart wird im Glauben verwirklicht: Im Glauben öffnen wir die Türen unseres Daseins, damit Gott in uns hineinkommt, damit Gott die Kraft sein kann, die unserem Dasein Leben und Weg schenkt. In uns ist Raum, öffnen wir uns, wie Maria sich geöffnet hat, indem wir sagen: »Dein Wille möge verwirklicht werden, ich bin die Magd des Herrn.« Wenn wir uns Gott öffnen, verlieren wir nichts. Im Gegenteil: Unser Leben wird reich und groß. Und so gehören Glaube, Hoffnung und Liebe zusammen. Es gibt heute viele Worte über eine zu erwartende bessere Welt: das soll unsere Hoffnung sein. Ob und wann diese bessere Welt kommt, wissen wir nicht, weiß ich nicht. Sicher ist, daß eine Welt, die sich von Gott entfernt, nicht besser wird, sondern schlechter. Nur die Gegenwart Gottes kann auch eine gute Welt gewährleisten. Aber lassen wir das.
(B16, 15.8.2012)

Sonntag, 5. Juni 2022

Maria, erwirke uns eine erneute Ausgießung des Geistes auf die Kirche

 

 

Komm herab, o Heil’ger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.

Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.

Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not,

in der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.

Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.

Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.

Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit. Amen.

Ohne den Heiligen Geist würde die Kirche auf die Ebene einer rein menschlichen, von ihren eigenen Einrichtungen belasteten Organisation verkürzt werden. Zumeist jedoch bedient sich der Geist in Gottes Plänen seinerseits menschlicher Vermittlung, um in der Geschichte zu wirken. Gerade deshalb hat Christus, der seine Kirche auf das Fundament der um Petrus gescharten Apostel gründete, sie auch mit der Gabe seines Geistes bereichert, damit er sie im Laufe der Jahrhunderte tröste (vgl. Joh 14,16) und sie zur vollen Wahrheit führe (vgl. Joh 16,13). Möge die kirchliche Gemeinschaft dem Wirken des Heiligen Geistes gegenüber stets aufgeschlossen und fügsam bleiben, um glaubhaftes Zeichen und wirksames Werkzeug von Gottes Tun unter den Menschen zu sein!

Diesen Wunsch vertrauen wir der Jungfrau Maria an, die wir heute im glorreichen Geheimnis des Pfingstfestes betrachten. Der Heilige Geist, der in Nazaret auf sie herabkam, um sie zur Mutter des menschgewordenen Wortes zu machen (vgl. Lk 1,35), ist an diesem Tag auf die werdende, um Maria im Abendmahlssaal versammelte Kirche herabgekommen. Vertrauensvoll rufen wir die allerseligste Jungfrau an, damit sie eine erneute Ausgießung des Geistes auf die Kirche in unserer Zeit erwirke.

(B16, Regina Coeli, 15. Mai 2005)

Glasfenster im Stift Lambrecht (Gebet von Johannes Baptist de la Salle)

Glasfenster in Our Lady and the English Martyrs Church (Weihegebet von Johannes Paul II. 1980 in Altötting)

Holzrelief in der Kathedrale von Orleans (Gebet von Johannes Paul II. in Vita consecrata)

 
 
Glasbilder zum glorreichen Rosenkranz, St Aloysius R.C Church, London

Samstag, 6. Februar 2021

Maria, hilf!


Maria, breit den Mantel aus,
Mach Schirm und Schild für uns daraus;
Laß uns darunter sicher stehn,
bis alle Stürm’ vorübergehn.
    Patronin voller Güte,
    uns allezeit behüte.

Sonntag, 20. Mai 2018

Babylon und Pfingsten

Turmbau zu Babel, 1563, Pieter Bruegel d. Ä.


Liebe Brüder und Schwestern!

(....) Das Pfingstgeheimnis ist die Taufe der Kirche, es ist ein Ereignis, das ihr sozusagen die Anfangsform und den Antrieb für ihre Sendung verliehen hat. Diese »Form« und dieser »Antrieb« sind immer gültig, stets aktuell, und sie erneuern sich insbesondere durch die liturgischen Handlungen.
Heute vormittag möchte ich einen wesentlichen Aspekt des Pfingstgeheimnisses näher betrachten, der auch in unseren Tagen von großer Wichtigkeit ist. Pfingsten ist das Fest der Vereinigung, des Verstehens und des Miteinander der Menschen. Wir alle können feststellen, daß in unserer Welt das Verstehen und die Gemeinschaft der Menschen untereinander oft oberflächlich und schwierig sind, obwohl wir durch die Entwicklung der Kommunikationsmittel einander immer näher kommen und die geographischen Entfernungen zu schwinden scheinen. Es bleiben Ungleichgewichte, die nicht selten zu Konflikten führen; der Dialog zwischen den Generationen wird mühsam und zuweilen überwiegen die Gegensätze; wir erleben im Alltag, wie die Menschen immer aggressiver und streitsüchtiger werden; einander zu verstehen scheint zu anspruchsvoll zu sein, und man zieht es vor, sich im eigenen Ich, in den eigenen Interessen zu verschließen. Können wir in dieser Situation jene Einheit, die wir so sehr brauchen, wirklich finden und leben?

Der Bericht des Pfingstfestes in der Apostelgeschichte, den wir in der ersten Lesung gehört haben (vgl. Apg 2,1–11), enthält im Hintergrund eines der letzten großen Bilder, die wir am Beginn des Alten Testaments finden: die uralte Geschichte vom babylonischen Turmbau (vgl. Gen 11,1–9). Was aber ist Babylon? Es ist die Beschreibung eines Reiches, in dem die Menschen so viel Macht gesammelt hatten, daß sie glauben konnten, sie brauchten sich nun nicht mehr auf einen fernen Gott zu beziehen, sondern sie seien stark genug, selbst einen Weg zum Himmel hinauf zu bauen, um dessen Türen aufzustoßen und sich an die Stelle Gottes zu setzen. Aber gerade da geschieht etwas Merkwürdiges und Ungewöhnliches. Während die Menschen miteinander den Turm bauten, wurden sie sich plötzlich bewußt, daß sie gegeneinander bauten. Während sie versuchten wie Gott zu sein, liefen sie Gefahr, nicht einmal mehr Menschen zu sein, weil ihnen etwas für das Menschsein Grundlegendes abhanden gekommen ist: die Fähigkeit, sich zu einigen, sich zu verstehen und gemeinsam zu arbeiten.
Diese biblische Erzählung enthält eine ewige Wahrheit; das können wir in der Geschichte, aber auch in unserer Welt sehen. Durch den Fortschritt von Wissenschaft und Technik haben wir die Macht gewonnen, Kräfte der Natur zu beherrschen, die Bausteine der Welt zu manipulieren, Lebewesen zu fabrizieren, und wir sind damit fast bis zum Menschen selbst gekommen. In dieser Situation scheint es überholt und unnütz, Gott zu bitten, weil wir selbst alles, was wir wollen, errichten und verwirklichen können. Aber wir merken nicht, daß wir dieselbe Erfahrung machen wie Babylon. Es ist wahr, wir haben die Möglichkeiten der Kommunikation, der Information, der Nachrichtenübermittlung vervielfacht, aber können wir sagen, daß die Fähigkeit, einander zu verstehen, gewachsen ist, oder verstehen wir uns paradoxerweise nicht vielleicht immer weniger? Scheint sich unter den Menschen nicht Mißtrauen einzuschleichen, Argwohn, Furcht voreinander, was so weit geht, daß wir geradezu gefährlich füreinander werden? Kehren wir zu unserer Ausgangsfrage zurück: Kann es wirklich Einheit, Eintracht geben? Und wie? Die Antwort finden wir in der Heiligen Schrift: Einheit kann nur sein durch die Gabe des Geistes Gottes, der uns ein neues Herz und eine neue Sprache geben wird, eine neue Fähigkeit der Kommunikation. Und das ist an Pfingsten geschehen. An jenem Morgen, fünfzig Tage nach Ostern, bläst ein Sturmwind über Jerusalem, und die Flamme des Heiligen Geistes kommt auf die versammelten Jünger herab, läßt sich auf jedem von ihnen nieder und entzündet in ihnen das Feuer Gottes, ein Feuer der Liebe mit verwandelnder Kraft. Die Furcht schwindet, das Herz spürt neue Kraft, die Zungen lösen sich, und sie beginnen freimütig zu sprechen, damit alle die Verkündigung Jesu Christ, der gestorben und auferstanden ist, verstehen können. Wo Spaltung und Fremdheit war, wächst an Pfingsten Einheit und Verständnis.

Aber blicken wir auf das heutige Evangelium, in dem Jesus sagt: »Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen« (Joh 16,13). Indem Jesus über den Heiligen Geist spricht, erklärt er uns, was die Kirche ist und wie sie leben muß, um sie selbst zu sein, um Ort der Einheit und der Gemeinschaft in der Wahrheit zu sein; er sagt uns, daß als Christ handeln heißt, nicht im eigenen »Ich« verschlossen zu bleiben, sondern sich auf das Ganze auszurichten; es bedeutet, die Kirche als ganze in sich aufzunehmen, oder besser, sich innerlich von ihr aufnehmen zu lassen.
Wenn ich dann als Christ spreche, denke, handle, tue ich dies nicht, indem ich mich in meinem Ich verschließe, sondern ich tue dies immer innerhalb des Ganzen und ausgehend vom Ganzen: So kann der Heilige Geist, der Geist der Einheit und der Wahrheit, in unseren Herzen und im Geist der Menschen widerhallen, und sie dazu führen, einander zu begegnen und anzunehmen. Gerade weil der Heilige Geist so handelt, führt er uns in die ganze Wahrheit ein, die Jesus ist, er führt uns zu Vertiefung und Verständnis: Wir wachsen nicht in der Erkenntnis, wenn wir uns in unserem Ich verschließen, sondern nur indem wir zum Hören und Teilen fähig werden, nur im »Wir« der Kirche, in einer Haltung tiefer innerer Demut. Und so wird klarer, warum Babylon Babylon und warum Pfingsten Pfingsten ist. Wo Menschen Götter sein wollen, können sie nur gegeneinander stehen. Wo sie aber in die Wahrheit des Herrn hineintreten, öffnen sie sich für das Wirken seines Geistes, der sie trägt und vereint.

Der Gegensatz zwischen Babylon und Pfingsten klingt auch in der zweiten Lesung an, wo der Apostel sagt: »Laßt euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen« (Gal 5,16). Der hl. Paulus erklärt uns, daß unser persönliches Leben von einem inneren Konflikt gekennzeichnet ist, einem Gegensatz zwischen den Anregungen, die vom Fleisch kommen, und denen, die vom Heiligen Geist stammen; und wir können nicht allen Anregungen folgen. Denn wir können nicht gleichzeitig egoistisch und großherzig sein, der Tendenz nachgeben, über die anderen zu herrschen, und gleichzeitig die Freude des uneigennützigen Dienstes verspüren. Wir müssen uns immer entscheiden, welchem Impuls wir folgen wollen, und das können wir in rechter Weise nur mit der Hilfe des Geistes Christi. Der hl. Paulus zählt, wie wir gehört haben, die Werke des Fleisches auf, es sind die Sünden des Egoismus und der Gewalt, wie Feindschaft, Streit, Eifersucht, Spaltungen; es sind Gedanken und Taten, die uns nicht in wahrhaft menschlicher und christlicher Weise leben lassen: in der Liebe. Das führt zum Verlust des eigenen Lebens. Der Heilige Geist dagegen führt uns zur Höhe Gottes, damit wir schon auf dieser Erde den Keim des göttlichen Lebens leben können, der in uns ist. Denn der hl. Paulus sagt: »Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede« (Gal 5,22). Und wir sehen, daß der Apostel den Plural gebraucht, um die Werke des Fleisches zu beschreiben, die zur Zersplitterung des Menschseins führt, während er den Singular gebraucht, um das Wirken des Geistes zu beschreiben, er spricht von »der Frucht«, genauso wie der Zersplitterung von Babylon die Einheit von Pfingsten entgegengesetzt ist.

Liebe Freunde, wir müssen dem Geist der Einheit und der Wahrheit gemäß leben, und deshalb müssen wir beten, damit der Heilige Geist uns erleuchten und dazu führen möge, der Verlockung zu widerstehen, unseren eigenen Wahrheiten zu folgen, und die von der Kirche überlieferte Wahrheit Christi anzunehmen. Der lukanische Pfingstbericht sagt uns, daß Jesus vor seiner Himmelfahrt die Apostel aufforderte, zusammen zu bleiben, um sich auf den Empfang der Gabe des Heiligen Geistes vorzubereiten. Und in Erwartung des verheißenen Ereignisses versammelten sie sich mit Maria betend im Abendmahlssaal (vgl. Apg 1,14). Wie die Kirche bei ihrem Entstehen mit Maria versammelt war, so betet sie auch heute:
 »Veni Sancte Spiritus! – 
Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen
und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe!« Amen.

(Papst Benedikt XVI., Predigt zu Pfingsten 2012)


Herabkunft des Hl. Geistes, St Aloysius R.C Church, London