Liebe Priester,
(….) In jenen Tagen wanderte ich in meinen Gedanken und mit dem Herzen
oftmals in die Privatkapelle der Erzbischöfe von Krakau, wo der unvergebliche
Metropolit von Krakau und spätere Kardinal Adam Stefan Sapieha mir die Hände
auflegte und die sakramentale Gnade des Priestertums übertrug. Voll innerer Bewegung
kehrte ich geistig zurück in die Kathedrale auf dem Wawel, wo ich am Tag nach
der Priesterweihe die erste heilige Messe gefeiert hatte. Als wir während der
Jubliäumsfeiern über die Worte der Liturgie nachdachten, spürten wir besonders
deutlich die Gegenwart Christi, des Hohenpriesters: »Seht, das ist der
Hohepriester, der in seinen Tagen Gott gefiel und gerecht erfunden ward.«
Ecce
Sacerdos magnus. Diese Worte finden ihre volle Verwirklichung in Christus
selbst. Er ist der Hohepriester des neuen und ewigen Bundes, der einzige
Priester, von dem wir Priester alle die Gnade der Berufung und des Dienstes
empfangen. Ich freue mich darüber, dab durch die Jubiläumsfeiern meiner
Priesterweihe das Priestertum Christi in seiner unvergleichlichen Wahrheit
aufscheinen konnte: als Geschenk und Geheimnis zum Wohl der Menschen aller
Zeiten bis zum Jüngsten Tag. (…..)
Iesu, Sacerdos in aeternum, miserere nobis! Diese Anrufung ist
aus der Litanei zu unserem Herrn Jesus Christus, dem Priester und Opfer,
genommen, die im Krakauer Priesterseminar am Tag vor der Priesterweihe gebetet
wurde. Ich wollte sie als Anhang an den Schluß des Buches
Geschenk und
Geheimnis setzen, das anlässlich meines Priesterjubiläums veröffentlicht
wurde. Auch im vorliegenden Brief möchte ich diese Litanei hervorheben, weil
sie mir das Priestertum Christi und unsere Verbindung mit ihm ganz besonders deutlich
und eingehend darzustellen scheint. Sie gründet auf Texten der Heiligen
Schrift, insbesondere auf dem Hebräerbrief, aber nicht ausschließlich. Wenn wir
zum Beispiel sprechen:
Iesu, Sacerdos in aeternum secundum ordinem
Melchisedek, greifen wir gedankenmäßig auf das Alte Testament, den Psalm
110 [109], zurück. Wir wissen sehr wohl, was es für Christus bedeutet, Priester
auf ewig nach der Ordnung des Melchisedek zu sein. Sein Priestertum fand in der
»ein für allemal« (
Hebr 10,10) dargebrachten Opfergabe seines Leibes
Ausdruck. Indem er sich im blutigen Opfertod am Kreuz dargebracht hat, setzte
er für alle Zeiten unter den Gestalten von Brot und Wein das unblutige
»Gedächtnis« ein. Und unter diesen Gestalten vertraute er dieses sein Opfer der
Kirche an. So also feiert die Kirche — und in ihr jeder Priester — das
einmalige Opfer Christi.
Ich erinnere mich deutlich der Gefühle, die die Wandlungsworte in mir
weckten, als ich sie zum ersten Mal zusammen mit dem Bischof sprach, der mich
kurz zuvor geweiht hatte: Worte, die ich am nachfolgenden Tag bei der heiligen
Messe wiederholte, die ich in der Krypta des hl. Leonhard feierte. Und seitdem
erklangen diese sakramentalen Worte viele, viele Male — unzählige Male — auf
meinen Lippen wieder, um Christus unter den Gestalten von Brot und Wein im
Augenblick der Heilstat, seines Opfertodes am Kreuz, gegenwärtig zu setzen.
Betrachten wir dieses erhabene Geheimnis noch einmal zusammen. Jesus nahm
das Brot, reichte es seinen Jüngern und sprach: »Nehmet und esset alle davon:
Das ist mein Leib...« Und dann nahm er den Kelch mit Wein in seine Hände,
dankte, reichte ihn seinen Jüngern und sprach: »Nehmet und trinket alle daraus:
Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für
alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden«. Und er fügte hinzu: »Tut dies zu
meinem Gedächtnis«.
Sind diese wunderbaren Worte nicht der Takt, nach dem jedes Priesterleben
schlägt? Wiederholen wir sie jedes Mal, als sei es zum ersten Mal! Sprechen wir
sie so, dass sie niemals zur Gewohnheit werden. Sie sind der höchste Ausdruck
der vollen Verwirklichung unseres Priestertums.
Wenn wir das Opfer Christi feiern, seien wir uns ständig der Worte bewusst,
die wir im Hebräerbrief lesen: »Christus aber ist gekommen als Hoherpriester
der künftigen Güter;... (er ist) ein für allemal in das Heiligtum
hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit
seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt. Denn wenn schon
das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer Kuh die Unreinen, die damit
besprengt werden, so heiligt, dass sie leiblich rein werden, wieviel mehr wird
das Blut Christi, der sich selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses
Opfer dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem
lebendigen Gott dienen. Und darum ist er der Mittler eines neuen Bundes«
(9,11-15).
Die Anrufungen der Litanei zu unserem Herrn Jesus Christus, dem Priester und
Opfer, knüpfen gewissermaßen an diese oder andere Worte desselben Briefes an:
Iesu,
Pontifex ex hominibus assumpte,
...pro hominibus constitute,
Pontifex confessionis nostrae,
...amplioris prae Moysi gloriae,
Pontifex tabernaculi veri,
Pontifex futurorum bonorum,
...sancte, innocens et impollute,
Pontifex fidelis et misericors,
...Dei et animarum zelo succense,
Pontifex in aeternum perfecte,
Pontifex qui (...) caelos penetrasti...
Während wir diese Anrufungen wiederholen, sehen wir mit den Augen des
Glaubens das, wovon der Hebräerbrief spricht: Christus ist mit seinem eigenen
Blut in das Heiligtum hineingegangen. Als vom Vater
Spiritu Sancto et
virtute in Ewigkeit eingesetzter Priester hat er »sich ... zur Rechten der
Majestät in der Höhe gesetzt« (
Hebr 1,3). Und von dort aus tritt er als
Mittler für uns ein —
semper vivens ad interpellandum pro nobis —, um
uns den Weg eines neuen, ewigen Lebens aufzuzeigen:
Pontifex qui nobis viam
novam initiasti. Er liebt uns und hat sein Blut vergossen, um unsere Sünden
hinwegzunehmen —
Pontifex qui dilexisti nos et lavisti nos a peccatis in
sanguine tuo. Er hat sich selbst für uns hingegeben:
tradidisti
temetipsum Deo oblationem et hostiam.
Christus führt gerade das Opfer seiner selbst, das der Preis unserer
Erlösung ist, in das ewige Heiligtum ein. Die Opfergabe, das heißt das Opfer,
ist vom Priester nicht zu trennen. Um all das besser zu verstehen, hat mir
gerade die Litanei zu unserem Herrn Jesus Christus, dem Priester und Opfer,
geholfen, die im Seminar gebetet wurde. Ständig komme ich auf diese
grundlegende Lektion zurück.
Heute ist Gründonnerstag. Die ganze Kirche versammelt sich geistig im
Abendmahlssaal, wo sich die Apostel mit Christus zum letzten Abendmahl
zusammenfanden. Lesen wir nochmals im Johannesevangelium die von Christus in
der Abschiedsrede gesprochenen Worte. Unter der Reichhaltigkeit dieses Textes
möchte ich bei den von Jesus an die Apostel gerichteten Worten verweilen: »Es
gibt keine gröbere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.
Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch
nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr
habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von
meinem Vater gehört habe« (15,13-15).
Jesus nennt die Apostel »Freunde«. So will er auch uns nennen, die wir dank
des Weihesakraments an seinem Priestertum teilhaben. Hören wir diese Worte mit
tiefer innerer Bewegung und Demut. Sie enthalten die Wahrheit. Vor allem die
Wahrheit über die Freundschaft, aber auch eine Wahrheit über uns selbst, die
wir am Priestertum Christi als Diener der Eucharistie teilhaben. Hätte Jesus
uns seine Freundschaft noch deutlicher zum Ausdruck bringen können als in der
Weise, dass er uns als Priester des neuen Bundes erlaubt, an seiner Statt,
in
persona Christi Capitis, zu handeln? Gerade das geschieht in unserem ganzen
priesterlichen Dienst, wenn wir die Sakramente spenden und besonders wenn wir
die Eucharistie feiern. Wir wiederholen die Worte, die er über das Brot und den
Wein sprach, und kraft unseres Amtes vollzieht sich dieselbe Wandlung, die er
vollzog. Gibt es einen vollendeteren Ausdruck von Freundschaft als diesen? Er
ist die Mitte unseres priesterlichen Dienstes.
Christus spricht: »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch
erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass
eure Frucht bleibt« (
Joh 15,16). Zum Abschluss dieses Briefes möchte ich
euch diese Worte als Segenswunsch mitgeben. Liebe Brüder, am Tag der Erinnerung
an die Einsetzung des Sakramentes der Priesterweihe wünschen wir uns
gegenseitig, dass wir wie die Apostel Frucht bringen und dass unsere Frucht
bleibt.
Maria, die Mutter Christi, des ewigen Hohenpriesters, stütze mit ihrem
ständigen Schutz die Schritte unseres Dienstes, vor allem, wenn der Weg
beschwerlich und die Mühe stärker spürbar wird. Die treue Jungfrau trete bei
ihrem Sohn für uns ein, dass uns als seine Zeugen und Mitarbeiter auf den
verschiedenen Ebenen unseres Apostolates nie der Mut verlässt, damit die Welt
das Leben habe und es in Fülle habe (vgl.
Joh 10,10).
Im Namen Christi segne ich euch alle in tiefer Zuneigung.
Aus dem Vatikan, am 16. März, dem fünften Fastensonntag, des Jahres 1997,
dem 19. des Pontifikats.
(Johannes Paul II., aus dem Brief an die Priester)
 |
| Johannes Paul II., Glasfenster in der Kapelle der Schwarzen Madonna, Tschenstochau |
Litanei zu unserem Herrn Jesus Christus, Priester und Opfer
Herr, erbarme Dich unser!
Christus, erbarme Dich unser!
Herr, erbarme Dich unser
Christus, höre uns
Christus, erhöre uns
Gott Vater, vom Himmel, erbarme Dich unser!
Gott Sohn, Erlöser der Welt, ...
Gott Heiliger Geist, ...
Heilige Dreifaltigkeit, ein einiger Gott, ...
Jesus, Priester und Opfer, ...
Jesus, Priester auf ewig nach der Ordnung des Melchisedech, ...
Jesus, Priester, den Gott gesandt hat, den Armen die Frohe Botschaft zu
verkünden, ...
Jesus, Priester, der beim Letzten Abendmahl das Urbild des ewigen Opfermahls
eingesetzt hat, ...
Jesus, Priester stets da, um für uns einzutreten, ...
Jesus, Hoherpriester, den der Vater mit dem Heiligen Geist und mit Kraft
gesalbt hat, ...
Jesus, Hoherpriester aus den Menschen genommen, ...
Jesus, Hoherpriester für die Menschen bestellt, ...
Jesus, Hoherpriester unseres Bekenntnisses, ...
Jesus, Hoherpriester von größerer Herrlichkeit als Mose, ...
Jesus, Hoherpriester des wahren Zeltes, ...
Jesus, Hoherpriester der zukünftigen Güter, ...
Jesus, heiliger, unschuldiger, unbefleckter Hoherpriester, ...
Jesus, treuer und barmherziger Hoherpriester, ...
Jesus, Hoherpriester von glühendem Eifer für Gott und die Seelen, ...
Jesus, Hoherpriester vollkommen in Ewigkeit, ...
Jesus, Hoherpriester, der Du durch Dein eigenes Blut die Himmel durchschritten
hast, ...
Jesus, Hoherpriester, der Du uns den neuen Weg erschlossen hast, ...
Jesus, Hoherpriester, der uns geliebt und uns in seinem Blut von unseren Sünden
rein gewaschen hat, ...
Jesus, Hoherpriester, der Du Dich selbst Gott als Gabe und Opfer dargebracht
hast, ...
Jesus, Du Opfer Gottes und der Menschen, ...
Jesus, Du heiliges und unbeflecktes Opfer, ...
Jesus, Du angenehmes Opfer, ...
Jesus, Du Friedensopfer, ...
Jesus, Du Opfer des Erbarmens und des Lobes, ...
Jesus, Du Opfer der Versöhnung und des Friedens, ...
Jesus, in dem wir Vertrauen und Zugang zu Gott haben, ...
Jesus, Du Opfer, lebendig in alle Ewigkeit, ...
Sei uns gnädig! Verschone uns, o
Jesus!
Sei uns gnädig! Erhöre uns, o
Jesus!
Von einem unüberlegten Eintritt in den Klerus, erlöse uns, o Jesus!
Von der Sünde des Sakrilegs, ...
Von dem Geist der Unenthaltsamkeit, ...
Von schnödem Gewinnstreben, ...
Von jedem Makel der Simonie, ...
Von dem unstatthaften Ausgeben des Kirchenvermögens, ...
Von der Liebe zur Welt und ihren Nichtigkeiten, ...
Von der unwürdigen Feier Deiner Sakramente, ...
Durch Dein ewiges Priestertum, ...
Durch die heilige Salbung, durch die Du von Gott Vater zum Priester eingesetzt
worden bist, ...
Durch Deinen priesterlichen Geist, ...
Durch Deinen Dienst, mit dem Du Deinen Vater auf Erden verherrlicht hast, ...
Durch Deine blutige Opferung, ein für allemal am Kreuz geschehen, ...
Durch eben dieses Opfer, das täglich am Altar erneuert wird, ...
Durch Deine göttliche Macht, die Du in Deinen Priestern unsichtbar ausübst, ...
Dass Du den ganzen Priesterstand in der heiligen Religion bewahren wollest, wir
bitten Dich, erhöre uns!
Dass Du für Dein Volk Hirten nach Deinem Herzen vorsehen wollest, ...
Dass Du sie mit dem Geist Deines Priestertums erfüllen wollest, ...
Dass die Lippen der Priester die Weisheit bewahren mögen, ...
Dass Du treue Arbeiter in Deinen Weinberg schicken wollest, ...
Dass Du treue Spender Deiner Sakramente vermehren wollest, ...
Dass Du ihnen stete Dienstbarkeit in Deinem Willen gewähren wollest, ...
Dass Du ihnen Milde im Dienstamt, Fleiß im Handeln, Beständigkeit im Gebet
verleihen wollest, ...
Dass Du durch sie die Verehrung des Heiligsten Sakramentes überall fördern
wollest, ...
Dass Du alle, die Dir gut gedient haben, in Deine Freude aufnehmen wollest, ...
Lamm Gottes, Du nimmst hinweg die Sünden der Welt, verschone uns, o Herr!
Lamm Gottes, Du nimmst hinweg die Sünden der Welt, erhöre uns, o Herr!
Lamm Gottes, Du nimmst hinweg die Sünden der Welt, erbarme Dich unser, o Herr!
Jesus, Du Priester, höre uns!
Jesus, Du Priester, erhöre uns!
Lasset uns
beten!
Gott, Heiligmacher und Hüter Deiner Kirche, erwecke in ihr durch Deinen
Geist geeignete und treue Spender Deiner heiligen Sakramente, dass durch ihren
Dienst und ihr Beispiel das christliche Volk unter Deinem Schutz auf den Weg
des Heils geleitet werde. Durch Christus, unsern Herrn. Amen.
Gott, der Du, während Deine Jünger dienten und fasteten, Saulus und Barnabas zu
dem Werk, zu dem Du sie aufgenommen hattest, auszusondern befohlen hast, stehe
auch jetzt Deiner betenden Kirche bei und zeige Du, der Du die Herzen aller
kennst, diejenigen, die Du zum Dienstamt erwählt hast. Durch Christus, unsern
Herrn.
