Freitag, 21. August 2026

Das (leere) Grabmal von Pius X. in Riese, Gotteshaus und Gottesdienst

 

St Matthäus, Riese, Heimatkirche von Pius X.

Da es Unser lebhafter Wunsch ist, daß der wahre christliche Geist in jeder Weise wieder aufblühe und sich bei allen Gläubigen erhalte, so ist es notwendig, zu allererst für die Heiligkeit und Würde des Gotteshauses zu sorgen.
Im Gotteshaus versammeln sich die Gläubigen, um diesen Geist aus seiner ersten und unentbehrlichen Quelle zu schöpfen, nämlich durch die tätige Teilnahme an den hochheiligen Geheimnissen und an den öffentlichen und feierlichen Gebeten der Kirche.

Nichts darf im Hause Gottes geschehen, was die Frömmigkeit und Andacht der Gläubigen stören oder auch nur vermindern könnte.
Vergebens ist die Hoffnung auf den reichen Segen des Himmels, wenn unsere Ehrerbietung gegen den Allerhöchsten anstatt im Geruche der Lieblichkeit emporzusteigen, im Gegenteil dem herrn die Geißeln in die Hand drückt, mit denen der göttliche Erlöser einmal die unwürdigen Tempelschänder verjagt hat.

P. Justinus Albrecht, Der heilige Pius X., 1954, S 100.

ursprüngliche Grabmal von Pius X im Petersdom, S. Matteo di Riese

„Im ehrfurchtsvollen Schweigen der Vatikanischen Grotten bargen diese Grabmarmore von 1914 bis 1945 den verehrten Leichnam des heiligen Pius X. – als universales Zeugnis der Gebete, die voller Vertrauen an diesem heiligen Grab niedergelegt wurden. Die väterliche Güte des Heiligen Vaters Johannes XXIII. wollte, dass dieses Grabmal dieser Pfarrei geschenkt wurde.“



hinter dem Altar ist das leere Grabmal, S. Matteo di Riese



Büste in Riese
, über die Mitarbeit der Laien, 2024

Heimatkirche von Pius X. in Riese, 2021

Glasfenster im Kölner Dom, Frühkommunion Quam singulari, 2019

Pius X. über Maria, zur unbefleckten Empfängnis (Lourdes), 2018

Gemälde in Castel Gandolfo, Pius X. an die Priester über Gebet und Heiligkeit, 2017

Am Grab von Pius X. im Petersdom - Vorhersage des Krieges, 2015

Marmorstatue im Petersdom, Benedikt XVI. über Pius X., 2013

Wie es zur Frühkommunion der Kinder kam, 2013

Donnerstag, 20. August 2026

Umarmt durch den Gekreuzigten (Bernhard von Clairvaux)

Der heilige Bernhard von Clairvaux zeigte während seines Aufenthalts in Wertheim auf seiner Pilgerreise eines Tages nach einer Wildnis des Taubertals und sprach: „Auch dort wird ein Kloster meines Ordens gegründet werden.“ Noch zu seinen Lebzeiten ging diese Weissagung des berühmten Abtes in Erfüllung, weil einige fränkische Edelleute beschlossen hatten, ein Zisterzienserkloster zu stiften. Als sie hierfür im stillen Taubertal einen geeigneten Platz suchten, erhoben sich plötzlich aus jener Gegend drei weiße Lerchen, ihr Morgenlied zwitschernd. Die Stifter erblickten hierin einen Fingerzeig Gottes und bauten an der so bezeichneten Stelle die Abtei Bronnbach. In das Wappen derselben wurde eine der Lerchen aufgenommen. Sie ruht auf den Händen des Jesuskindes, das auf dem Schoß seiner Mutter sitzt.
(Quelle)

ehemalige Zisterziensterabteikirche Bronnbach Mariä Himmelfahrt

links Judas Thaddäusaltar, rechts Bronnbacher Amplexus Bernhardsaltar

Der Bronnbacher Amplexusaltar zeigt den heiligen Bernhard von Clairvaux, wie er kniend den gekreuzigten Christus anbetet. Bernhards Devotion findet Antwort in der Umarmung durch den Gekreuzigten. Christus hat seine Arme vom Querholz gelöst, beugt sich vom Kreuz herab und zieht den Betenden an sich. Bernhard nimmt die Geste auf, öffnet die Arme, um den Herrn zu empfangen. 

Der Bronnbacher Altar ist ungewöhnlich: Christus und Bernhard umarmen sich tatsächlich körperlich, während bei anderen fränkischen Amplexus-Darstellungen Christus sich lediglich vom Kreuz herabbeugt.


Dom Menardus, einst Abt von Mores, Tochterkloster von Clairvaux, ein tiefgläubiger Mann, erzählte seinen Mitbrüdern eine wunderhafte Begebenheit gleichsam wie über einen anderen; wir aber glauben, dass sie ihm selbst widerfahren ist.
Er berichtete Folgendes: Ich kenne einen Mönch, der einmal den seligen Abt Bernhard in der Kirche allein betend fand. Während er hingestreckt vor dem Altar lag, erschien ihm dort ein Kreuz mit seinem Gekreuzigten (crux cum suo crucifixo), das vor ihm über dem Boden aufgerichtet war, welches der hochselige Mann mit größter Andacht anbetete und küsste.
Da löste die Herrlichkeit selbst (ipsa maiestas) ihre Arme von den Enden des Kreuzes und schien den Knecht Gottes zu umarmen und an sich zu ziehen (videbatur Dei famulum amplecti atque astringere sibi). 

Erst schaute der Mönch eine Weile zu, starr vor großem Staunen und wie außer sich. Er fürchtete aber,
den heiligen Vater zu verletzten, wenn er ihn wie einen Beobachter seiner Geheimnisse in nächster Nähe lauern sähe. So zog er sich schweigend zurück, denn er erkannte und verspürte von diesem Heiligen, dass sein ganzes Beten und Leben wahrhaft über dem Menschen stehe.
Vision Bernhards in: Conrad von Eberbach, Gründungsgeschichte des Zisterzienserordens, zit. Geist und Leben 81/2 (2008), 140.


Wunderbar, Herr Jesus,
ist Dein Leiden,
das die Leiden von uns allen
abgewehrt hat,
das sich allen unseren Schlechtigkeiten
gnädig zeigte
und gegen keine Seuche,
die uns jemals befallen könnte,
unwirksam erscheint.
Was ist denn so des Todes würdig,
dass es nicht durch Deinen Tod
getilgt würde?


Traugott Ohse, Voll Güte bist du, Herr, Beten mit Bernhard von Clairvaux


Blick vom Kreuzgang auf die Klosterkirche


Orangerie

Kanzelfigur im Neuberger Münster, für vollkommen darf gelten, 2025

Figur am Eingang der Stiftskirche Rhein, Süß ists o Jesus denken dein, 2021

Bernhard und Maria in der Stiftskirche Schlierbach, B16, 21.10.2009, 2019

Bernhardsaltar in der Stiftskirche Rein, monstra esse matrem 

Amplexus in der Zisterzienserabtei Zirc, 2018

Bernhard feiert die Hl. Messe und hilft Armen Seelen, Tre Fontane, Rom, 2017 

Bernhard in Clairvaux, 2017 

Barocker Bilderzyklus im Heiligenkreuzer Kreuzgang, 2016

Bernhardsaltar in der Heiligenkreuzer Stiftskirche, zum zweiten, handle nun Herr, 2015

Bernhardsaltar in in der Heiligenkreuzer Stiftskirche, zum ersten, 2014 mit Bernhard und Benediktstatue im Eingang der Kirche

Mittwoch, 19. August 2026

Sich verlieren im Herz Jesu, dem Abgrund der Liebe (Johannes Eudes)

Johannes Eudes im Gebet, Saint Etienne, Caen

BENEDIKT XVI.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 19. August 2009

 Liebe Brüder und Schwestern!

Heute begehen wir den liturgischen Gedenktag des hl. Johannes Eudes, des unermüdlichen Apostels der Verehrung der Heiligsten Herzen Jesu und Mariä. Er lebte in Frankreich im 17. Jahrhundert, einem Jahrhundert, das von gegensätzlichen religiösen Phänomenen und auch von schweren politischen Problemen gezeichnet war. Es ist die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der nicht nur einen großen Teil Mitteleuropas verwüstet, sondern auch den Seelen großen Schaden zugefügt hat. Während sich die Verachtung des christlichen Glaubens von seiten einiger der damals vorherrschenden Denkströmungen ausbreitete, rief der Heilige Geist eine von Eifer erfüllte geistliche Erneuerung hervor, durch Persönlichkeiten von hoher Bedeutung wie Pierre de Bérulle, den hl. Vinzenz von Paul, den hl. Ludwig Maria Grignon de Montfort und den hl. Johannes Eudes. Zu den Früchten dieser großen »französischen Schule« der Heiligkeit gehört auch der hl. Johannes Maria Vianney. Durch einen geheimnisvollen Plan der Vorsehung hat mein verehrter Vorgänger Pius XI. am 31. Mai 1925 Johannes Eudes und den Pfarrer von Ars gemeinsam heiliggesprochen und so der Kirche und der ganzen Welt zwei außerordentliche Vorbilder priesterlicher Heiligkeit geschenkt.

Im Rahmen des Priester-Jahres möchte ich gern den apostolischen Eifer des hl. Johannes Eudes hervorheben, der besonders auf die Ausbildung des Diözesanklerus ausgerichtet war. Die Heiligen sind die wahre Auslegung der Heiligen Schrift. In ihrer Lebenserfahrung haben die Heiligen die Wahrheit des Evangeliums bestätigt; so führen sie uns dahin, das Evangelium kennenzulernen und zu verstehen. Im Jahr 1563 hatte das Konzil von Trient Normen für die Errichtung der Diözesanseminare und für die Ausbildung der Priester erlassen, weil das Konzil sehr gut wußte, daß die ganze Krise der Reformation auch durch eine unzureichende Ausbildung der Priester bedingt war, die nicht richtig – intellektuell und spirituell, im Herzen und in der Seele – auf das Priesteramt vorbereitet wurden. Das war 1563. Die Anwendung und Umsetzung der Normen verzögerte sich jedoch sowohl in Deutschland als auch in Frankreich, und so erlebte der hl. Johannes Eudes die Folgen dieses Versäumnisses. Getrieben von dem klaren Bewußtsein um die große Not an geistlichem Beistand, in der sich die Seelen aufgrund der Unzulänglichkeit eines großen Teils des Klerus befanden, gründete der Heilige, der als Pfarrer tätig war, eine Kongregation, die sich besonders der Priesterausbildung widmete. In der Universitätsstadt Caen gründete er sein erstes Seminar – eine Erfahrung, die äußerst großen Zuspruch bekam und sich schon bald auf andere Diözesen ausweitete.
Der Weg der Heiligkeit, den er ging und seinen Schülern vorschlug, hatte als Grundlage ein festes Vertrauen auf die Liebe, die Gott im priesterlichen Herzen Jesu und im mütterlichen Herzen Mariä der Menschheit offenbart hat. In jener Zeit der Grausamkeit, des Verlustes der Innerlichkeit, wandte er sich an das Herz, um dem Herzen ein Psalmwort zu übermitteln, das der hl. Augustinus sehr gut ausgelegt hatte. Er wollte die Personen, die Menschen und vor allem die zukünftigen Priester an das Herz erinnern, indem er ihnen das priesterliche Herz Jesu und das mütterliche Herz Mariä zeigte. Von dieser Liebe der Herzen Christi und Mariä muß jeder Priester Zeuge und Apostel sein. Und hier kommen wir zu unserer Zeit.

Auch heute spürt man, wie notwendig es ist, daß die Priester die unendliche Barmherzigkeit Gottes bezeugen durch ein Leben, das ganz von Christus »erobert« ist, und daß sie dies von den Jahren ihrer Ausbildung im Seminar an lernen. Papst Johannes Paul II. hat nach der Synode von 1990 das Apostolische Schreiben Pastores dabo vobis veröffentlicht, in dem er die Normen des Konzils von Trient wieder aufgreift und aktualisiert und vor allem die notwendige Kontinuität zwischen der anfänglichen Ausbildung und der ständigen Weiterbildung hervorhebt. Das ist für ihn, für uns ein wahrer Ausgangspunkt für eine echte Reform des Lebens und des Apostolats der Priester, und es ist auch der entscheidende Punkt, damit die »Neuevangelisierung« nicht einfach nur ein attraktiver Slogan bleibt, sondern Wirklichkeit wird. Die Grundlagen, die in der Ausbildung im Seminar gelegt werden, sind der unersetzliche »geistliche Nährboden«, auf dem man »Christus lernt«, indem man sich ihm, dem einzigen Hohenpriester und Guten Hirten, nach und nach gleichgestalten läßt. Die Zeit im Seminar muß daher als Verwirklichung des Augenblicks betrachtet werden, in dem der Herr Jesus die Apostel – nachdem er sie eingesetzt hat und bevor er sie aussendet, damit sie predigen – bittet, bei ihm zu sein (vgl. Mk 3,14). In seinem Bericht über die Einsetzung der zwölf Apostel sagt uns der hl. Markus, daß Jesus ein zweifaches Ziel hatte: Erstens sollten sie bei ihm sein, und zweitens sollten sie ausgesandt werden, damit sie predigen. Indem sie jedoch stets mit ihm gehen, verkündigen sie wirklich Christus und bringen der Welt die Wirklichkeit des Evangeliums.

Liebe Brüder und Schwestern, im derzeitigen Priester-Jahr lade ich euch ein, für die Priester zu beten und für alle, die sich darauf vorbereiten, das außerordentliche Geschenk des Priesteramtes zu empfangen. Zum Abschluß richte ich an alle die Worte, mit denen sich der hl. Johannes Eudes an die Priester wandte: »Schenkt euch Jesus hin, um einzugehen in die Unermeßlichkeit seines großen Herzens, das das Herz seiner heiligen Mutter und aller Heiligen enthält, und euch zu verlieren in diesem Abgrund der Liebe, der Güte, der Barmherzigkeit, der Demut, der Reinheit, der Geduld, der Fügsamkeit und der Heiligkeit« (Coeur admirable, III, 2).

In diesem Sinne singen wir jetzt gemeinsam das Vaterunser auf lateinisch.



Glasfenster im Sacre-Coeur, Paris, das Leben und das Königreich Jesu in den christlichen Seelen

Statue des hl. Johannes Eudes im Petersdom, Rom, Gebet aus J. Hektor: Apostel Jeus und Mariens


Bild des hl. Johannes Eudes in der Kapelle der Jeanne d´Arc, Saint Etienne, Caen

In diesem Jahr, 1639, hielt ich in Caen in der Abtei Saint Etienne
zwischen dem Advent und der Fastenzeit eine Volksmission ab,
deren Früchte weit größer waren, als man sie ausdrücken könnte
Jean Eudes


Abbaye aux Hommes, ehem. Benediktinerabtei, Abtei des hl. Stephanus in Caen

Montag, 17. August 2026

Ausgesandt, dem Worte Gottes Mund zu sein

 

Hyazinth von Polen, Chorgestühl der Nikolaikirche, Danzig

Als Pilger und als Prediger,
als Bote Christi ausgesandt,
dem Worte Gottes Mund zu sein,
ist er in aller Welt bekannt.

Den guten Samen sät er aus,
verbreitet Recht, wo Unrecht war,
sein Leben bricht dem Leben Bahn,
erhellt das Dunkel wunderbar.

Er kündet allen Gottes Reich,
geht selbst den Weg des Heils voran,
sein Wort der Umkehr zieht mit Kraft
Verlorene in Gottes Bann.

Dem Bösen nimmt er seinen Glanz
und harte Herzen macht er weich,
lädt sie in Gottes Herrschaft ein,
zu Tisch in Gottes Haus und Reich.

Dem Vater sei dies Lied geweiht,
dem Hyazinth ein Bote war,
dem Sohn und auch dem Heilgen Geist
gilt unser Loblied immerdar. Amen

(Hymnus zur Vesper v. Hyazinth von Polen) 

 

Statue in der Krakauer Dominikanerkirche 

Glasfenster in der Londoner Dominikanerkirche 

Warum der hl. Hyzinth Monstranz und Muttergottesstatue als Attribute hat

Am Grab des hl. Hyazinth von Polen

Statue in der Dominikanerkirche in Znaim

Nikolaikirche, Danzig

Samstag, 15. August 2026

Mit wieviel mehr Grund dann Maria

 

Osterkerze mit Marienmotiven, oben Aufnahme Mariens


Wenn er, Christus, seinen Heiligen das ganze Himmelreich gegeben
und mit einem Wort dem Schächer das Paradies geöffnet hat,
mit wieviel mehr Grund dann auch derjenigen,
die er selbst geschaffen hat und aus der er Fleisch angenommen hat.


Theoteknos von Livias (2. Hälfte des 6. Jahrhunderts)


Probsteikirche St. Mariä Himmelfahrt, Jülich

Auch für den Leib ist in Gott Raum (Benedikt XVI.)

 

Aufnahme Mariens, Nicola Filotesio alias Cola dell´Amatrice, 1515, Öl auf Holz

 

HL. MESSE AM HOCHFEST DER AUFNAHME MARIENS IN DEN HIMMEL

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Pfarrkirche von Castelgandolfo Montag, 15. August 2005

 Liebe Mitbrüder im Bischofsund im Priesteramt, liebe Brüder und Schwestern!

Zunächst richte ich einen herzlichen Gruß an euch alle. Es ist mir eine große Freude, am Tag der Aufnahme Marias in den Himmel die heilige Messe in dieser schönen Pfarrkirche zu feiern. Ich begrüße Kardinal Sodano und den Bischof von Albano, alle Priester, den Bürgermeister und euch alle. Danke für eure Anwesenheit. Das Hochfest der Aufnahme Marias in den Himmel ist ein Tag der Freude. Gott hat gesiegt. Die Liebe hat gesiegt. Das Leben hat gesiegt. Es hat sich gezeigt, daß die Liebe stärker ist als der Tod. Gott gehört die wahre Macht, und seine Macht ist Güte und Liebe.

Maria wurde mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen: Auch für den Leib ist in Gott Raum. Der Himmel ist für uns nicht mehr eine weit entfernte und unbekannte Sphäre. Wir haben eine Mutter im Himmel. Es ist die Mutter Gottes, die Mutter des Sohnes Gottes, sie ist unsere Mutter. Er selbst hat es gesagt. Er hat sie zu unserer Mutter gemacht, als er zu seinem Jünger und uns allen gesagt hat: »Siehe, deine Mutter!« Der Himmel steht offen, der Himmel hat ein Herz.

Im Evangelium haben wir das Magnificat gehört, diese großartige Dichtung, die aus dem Munde, ja aus dem Herzen Marias kam und vom Heiligen Geist inspiriert war. In diesem wundervollen Lied spiegelt sich die ganze Seele Marias wider, ihre ganze Persönlichkeit. Wir können sagen, daß dieser Gesang ein Porträt, eine wahre Ikone Marias ist, in der wir sie so sehen können, wie sie ist. Ich möchte nur zwei Aspekte dieses großartigen Gesangs hervorheben. Er beginnt mit dem Wort »Magnificat«: Meine Seele »macht den Herrn groß«, das heißt sie »preist die Größe des Herrn«. Maria möchte, daß der Herr in der Welt, in ihrem Leben groß ist, daß er unter uns allen gegenwärtig ist. Sie hat keine Angst, daß der Herr ein »Konkurrent« in unserem Leben sein könnte, daß er uns durch seine Größe etwas von unserer Freiheit, unserem Lebensraum nehmen könnte. Sie weiß, daß wenn Gott groß ist, auch wir groß sind. Unser Leben wird nicht unterdrückt, sondern es wird erhöht und weitet sich: gerade dann wird es groß im Glanz Gottes.

Die Tatsache, daß unsere Stammeltern das Gegenteil dachten, war der Kern der Erbsünde. Sie fürchteten, daß wenn Gott zu groß wäre, er ihnen etwas von ihrem Leben nehmen würde. Sie dachten, sie müßten Gott zurücksetzen, um Freiraum für sich selbst zu haben. Das war auch die große Versuchung der Moderne, der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Immer häufiger hat man gedacht und auch gesagt: »Aber dieser Gott läßt uns nicht unsere Freiheit, mit all seinen Geboten engt er unseren Lebensraum ein. Gott muß also verschwinden; wir wollen autonom sein, unabhängig. Ohne diesen Gott werden wir selbst Götter sein und das tun, was wir wollen.« Dies waren auch die Gedanken des verlorenen Sohnes, der nicht verstanden hat, daß er gerade dadurch, daß er im Haus des Vaters war, »frei« war. Er ging weit weg in fremde Länder und verschleuderte sein Vermögen. Letztendlich sah er ein, daß er – gerade weil er sich vom Vater entfernt hatte – anstatt frei zu werden, ein Sklave geworden war. Er erkannte, daß er nur durch die Rückkehr in das Haus des Vaters wirklich frei sein würde, in der ganzen Schönheit des Lebens. So ist es auch in der Moderne. Zuerst dachten und glaubten wir, wir würden, wenn wir Gott beiseite ließen und autonom würden und nur unseren Ideen, unserem Willen folgten, wirklich frei, weil wir alles tun könnten, was wir wollten, ohne daß uns irgend jemand irgendwelche Befehle geben könne. Aber wo Gott verschwindet, wird der Mensch nicht größer. Im Gegenteil: Er verliert seine göttliche Würde, er verliert den göttlichen Glanz auf seinem Angesicht. Schließlich erweist er sich nur als das Produkt einer blinden Evolution und als solches kann er gebraucht und mißbraucht werden. Gerade das hat die Erfahrung dieser unserer Zeit bestätigt.

Nur wenn Gott groß ist, ist auch der Mensch groß. Mit Maria sollen wir beginnen zu verstehen, daß dies so ist. Wir dürfen uns nicht von Gott entfernen, sondern wir müssen Gott gegenwärtig werden lassen. Wir sollen Ihn in unserem Leben groß sein lassen, dann werden auch wir göttlich werden, und all der Glanz der göttlichen Würde wird dann auch uns zuteil. Es ist wichtig, daß Gott unter uns groß ist, im öffentlichen und privaten Leben. Im öffentlichen Leben ist es wichtig, daß Gott zum Beispiel durch das Zeichen des Kreuzes in den öffentlichen Gebäuden gegenwärtig ist und daß er in unserem gemeinschaftlichen Leben gegenwärtig ist, denn nur wenn Gott gegenwärtig ist, haben wir eine Orientierung, einen gemeinsamen Weg. Andernfalls werden die Gegensätze unversöhnlich, weil die Anerkennung einer gemeinsamen Würde fehlt. Lassen wir Gott groß sein im öffentlichen und privaten Leben. Das bedeutet auch, daß wir Gott jeden Tag im persönlichen Leben Raum geben, angefangen beim morgendlichen Gebet, und daß wir Gott Zeit geben, indem wir den Sonntag Gott schenken. Wir verlieren unsere freie Zeit nicht, wenn wir sie Gott schenken. Wenn Gott in unsere Zeit eintritt, wird die ganze Zeit größer, weiter, reicher.

Eine zweite Bemerkung. Dieses Gedicht Marias – das Magnificat – ist vollkommen neuartig; dennoch ist es zugleich ein »Gewebe«, das ganz aus »Fäden« des Alten Testaments besteht, aus dem Wort Gottes. Und so sehen wir, daß Maria sozusagen im Wort Gottes »zu Hause« war, vom Wort Gottes lebte und vom Wort Gottes durchdrungen war. In dem Maß, in dem sie mit den Worten Gottes sprach, mit ihnen dachte, waren ihre Gedanken die Gedanken Gottes, waren ihre Worte die Worte Gottes. Sie war vom göttlichen Licht durchdrungen und deshalb war sie so leuchtend, so gütig, so strahlend vor Liebe und Güte. Maria lebt vom Wort Gottes, sie ist vom Wort Gottes durchdrungen. Und dieses Eingetaucht- Sein in das Wort Gottes, diese vollständige Vertrautheit mit ihm schenkt ihr auch das innere Licht der Weisheit. Wer mit Gott denkt, denkt gut, und wer mit Gott spricht, spricht gut. Er hat Urteilskriterien, die für alle Dinge dieser Welt gelten. Er wird klug, weise und gleichzeitig gut; er wird auch stark und mutig mit der Kraft Gottes, die dem Bösen widersteht und das Gute in der Welt fördert.

Und so spricht Maria mit uns, sie spricht zu uns und lädt uns ein, das Wort Gottes kennenzulernen, das Wort Gottes zu lieben, mit dem Wort Gottes zu leben, mit dem Wort Gottes zu denken. Dies können wir auf ganz verschiedene Weise tun: indem wir die Heilige Schrift lesen, und vor allem indem wir an der Liturgie teilnehmen, in der die heilige Kirche im Lauf des Jahres vor uns das Buch der Heiligen Schrift öffnet. Sie öffnet es für unser Leben und läßt es in unserem Leben gegenwärtig werden. Aber ich denke auch an das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche, das wir vor kurzem veröffentlicht haben und in dem das Wort Gottes auf unser Leben angewendet, die Wirklichkeit unseres Lebens interpretiert wird. Es hilft uns, in den großen »Tempel« des Wortes Gottes einzutreten, es lieben zu lernen und wie Maria von diesem Wort durchdrungen zu werden. So wird das Leben voller Licht und wir haben ein Kriterium, auf dessen Grundlage wir Urteile fällen können; wir empfangen Güte und Stärke zugleich.

Maria wurde mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen, und mit Gott und in Gott ist sie die Königin des Himmels und der Erde. Ist sie etwa dadurch weit von uns entfernt? Das Gegenteil ist wahr. Denn gerade weil sie mit Gott und in Gott ist, ist sie jedem von uns ganz nahe. Als sie auf der Erde war, konnte sie nur wenigen Menschen nahe sein. Weil sie in Gott ist, der uns nahe ist, der vielmehr uns allen »innerlich« ist, hat Maria Anteil an dieser Nähe Gottes. Weil sie in Gott und mit Gott ist, ist sie jedem von uns nahe, sie kennt unser Herz, sie kann unsere Gebete hören, sie kann uns mit ihrer mütterlichen Güte helfen und sie ist uns – wie der Herr gesagt hat – als »Mutter« gegeben, an die wir uns in jedem Augenblick wenden können. Sie hört uns immer, sie ist uns immer nahe, und weil sie die Mutter des Sohnes ist, hat sie Anteil an der Macht des Sohnes, an seiner Güte. Wir können immer unser ganzes Leben dieser Mutter anvertrauen, die niemandem von uns fern ist.

Danken wir dem Herrn an diesem Festtag für das Geschenk seiner Mutter, und bitten wir Maria, daß sie uns hilft, jeden Tag den rechten Weg zu finden. Amen



Aufnahme Mariens, links Benedikt, Laurentius, rechts Maria Magdalena und Scholastika

 
 
 Hochaltar Aufnahme Mariens in den Himmel, BialystokPius XII., Aus der Konstitution "Munificentissimus Deus", 2023
 
 
Aufnahme Mariens, S. Ignazio, Rom, Tagesgebet, erzabteibeuron
 
Aufnahme Mariens, Konstanzer Dom, Heiser: Überwunden werden die Grenzen der Natur

Das Heiligtum Dormitio im Heiligen Land (Entschlafung Mariens)Papst Benedikt XVI., Generalaudienz, 15. August 2008

Peter Paul Rubens, Musee d´arts, Brüssel, Hymnus O Jungfrau rein und makellos

Mosaik der Aufnahme Mariens, Rosenkranzbasilika Lourdes, Heiser: Völker tanzt, Judith als Vorausbild, 2018

Hochaltarbild in S. Luigi dei Francesi, Rom, Matthäusbilder von Caravaggio

Hochaltar Figurengruppe mit Heilig Geist Glasfenster im Dom zu Neapel, dem hl. Januarius und der Aufnahme Mariä geweiht

Hochaltarbild Maria Himmelfahrt, Piaristenkirche, Krems

Glasfenster der Aufnahme Mariens, Dominikanerkirche, Brüssel

Tafelbild in der Kathedrale zur Aufnahme Mariens, Katedrala Marijina Uznesenja, Zagreb

Das Mariengrab in Jerusalem

Hochaltarbild in der Stiftskirche in Göttweig, am Grab von Altmann 

Aufnahme und Krönung Mariens in Santa Maria Maggiore, Schnitzler 

Bild von Aufnahme Mariens von 1696, J. M. Rottmayr in Stiftskirche Heiligenkreuz

Deckenfresko im Schatzsaal von Loreto 

Hochaltarbild in der Sachsler Pfarrkirche am Grab des hl. Niklaus von der Flüe 

Kathedrale Burgos, Glasfenster und Figurengruppe von Aufnahme und Krönung, Balthasar , 2013

Krönung Mariens an der Außenfassade des Doms von Orvieto, Balthsar, Du krönst das Jahr 

Glasfenster des Todes (Kommunionempfang) und der Aufnahme Mariens in La Salette, Adrienne v. Speyr