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| Turmbau zu Babel, 1563, Pieter Bruegel d. Ä. |
Liebe Brüder und Schwestern!
(....) Das
Pfingstgeheimnis ist die Taufe der Kirche, es ist ein Ereignis, das ihr
sozusagen die Anfangsform und den Antrieb für ihre Sendung verliehen
hat. Diese »Form« und dieser »Antrieb« sind immer gültig, stets aktuell,
und sie erneuern sich insbesondere durch die liturgischen Handlungen.
Heute vormittag möchte ich einen wesentlichen Aspekt des
Pfingstgeheimnisses näher betrachten, der auch in unseren Tagen von
großer Wichtigkeit ist.
Pfingsten ist das Fest der Vereinigung, des
Verstehens und des Miteinander der Menschen. Wir alle können
feststellen, daß in unserer Welt das Verstehen und die Gemeinschaft der
Menschen untereinander oft oberflächlich und schwierig sind, obwohl wir
durch die Entwicklung der Kommunikationsmittel einander immer näher
kommen und die geographischen Entfernungen zu schwinden scheinen. Es
bleiben Ungleichgewichte, die nicht selten zu Konflikten führen; der
Dialog zwischen den Generationen wird mühsam und zuweilen überwiegen die
Gegensätze; wir erleben im Alltag, wie die Menschen immer aggressiver
und streitsüchtiger werden; einander zu verstehen scheint zu
anspruchsvoll zu sein, und man zieht es vor, sich im eigenen Ich, in den
eigenen Interessen zu verschließen. Können wir in dieser Situation jene
Einheit, die wir so sehr brauchen, wirklich finden und leben?
Der Bericht des Pfingstfestes in der Apostelgeschichte, den wir in der ersten Lesung gehört haben (vgl.
Apg 2,1–11),
enthält im Hintergrund eines der letzten großen Bilder, die wir am
Beginn des Alten Testaments finden: die uralte
Geschichte vom
babylonischen Turmbau (vgl.
Gen 11,1–9). Was aber ist Babylon? Es
ist die Beschreibung eines Reiches, in dem die Menschen so viel Macht
gesammelt hatten, daß sie glauben konnten, sie brauchten sich nun nicht
mehr auf einen fernen Gott zu beziehen, sondern sie seien stark genug,
selbst einen Weg zum Himmel hinauf zu bauen, um dessen Türen aufzustoßen
und sich an die Stelle Gottes zu setzen. Aber gerade da geschieht etwas
Merkwürdiges und Ungewöhnliches. Während die Menschen miteinander den
Turm bauten, wurden sie sich plötzlich bewußt, daß sie gegeneinander
bauten. Während sie versuchten wie Gott zu sein, liefen sie Gefahr,
nicht einmal mehr Menschen zu sein, weil ihnen etwas für das Menschsein
Grundlegendes abhanden gekommen ist: die Fähigkeit, sich zu einigen,
sich zu verstehen und gemeinsam zu arbeiten.
Diese biblische Erzählung enthält eine ewige Wahrheit; das können wir
in der Geschichte, aber auch in unserer Welt sehen. Durch den
Fortschritt von Wissenschaft und Technik haben wir die Macht gewonnen,
Kräfte der Natur zu beherrschen, die Bausteine der Welt zu manipulieren,
Lebewesen zu fabrizieren, und wir sind damit fast bis zum Menschen
selbst gekommen. In dieser Situation scheint es überholt und unnütz,
Gott zu bitten, weil wir selbst alles, was wir wollen, errichten und
verwirklichen können. Aber wir merken nicht, daß wir dieselbe Erfahrung
machen wie Babylon. Es ist wahr, wir haben die Möglichkeiten der
Kommunikation, der Information, der Nachrichtenübermittlung
vervielfacht, aber können wir sagen, daß die Fähigkeit, einander zu
verstehen, gewachsen ist, oder verstehen wir uns paradoxerweise nicht
vielleicht immer weniger? Scheint sich unter den Menschen nicht
Mißtrauen einzuschleichen, Argwohn, Furcht voreinander, was so weit
geht, daß wir geradezu gefährlich füreinander werden? Kehren wir zu
unserer Ausgangsfrage zurück: Kann es wirklich Einheit, Eintracht geben?
Und wie? Die Antwort finden wir in der Heiligen Schrift:
Einheit kann
nur sein durch die Gabe des Geistes Gottes, der uns ein neues Herz und
eine neue Sprache geben wird, eine neue Fähigkeit der Kommunikation. Und
das ist an Pfingsten geschehen. An jenem Morgen, fünfzig Tage nach
Ostern, bläst ein Sturmwind über Jerusalem, und die Flamme des Heiligen
Geistes kommt auf die versammelten Jünger herab, läßt sich auf jedem von
ihnen nieder und entzündet in ihnen das Feuer Gottes, ein Feuer der
Liebe mit verwandelnder Kraft. Die Furcht schwindet, das Herz spürt neue
Kraft, die Zungen lösen sich, und sie beginnen freimütig zu sprechen,
damit alle die Verkündigung Jesu Christ, der gestorben und auferstanden
ist, verstehen können. Wo Spaltung und Fremdheit war, wächst an
Pfingsten Einheit und Verständnis.
Aber blicken wir auf das heutige Evangelium, in dem Jesus sagt: »Wenn
aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze
Wahrheit führen« (
Joh 16,13). Indem Jesus über den Heiligen Geist
spricht, erklärt er uns, was die Kirche ist und wie sie leben muß, um
sie selbst zu sein, um Ort der Einheit und der Gemeinschaft in der
Wahrheit zu sein; er sagt uns, daß als Christ handeln heißt, nicht im
eigenen »Ich« verschlossen zu bleiben, sondern sich auf das Ganze
auszurichten; es bedeutet, die Kirche als ganze in sich aufzunehmen,
oder besser, sich innerlich von ihr aufnehmen zu lassen.
Wenn ich dann als Christ spreche, denke, handle, tue ich dies nicht,
indem ich mich in meinem Ich verschließe, sondern ich tue dies immer
innerhalb des Ganzen und ausgehend vom Ganzen: So kann der Heilige
Geist, der Geist der Einheit und der Wahrheit, in unseren Herzen und im
Geist der Menschen widerhallen, und sie dazu führen, einander zu
begegnen und anzunehmen. Gerade weil der Heilige Geist so handelt, führt
er uns in die ganze Wahrheit ein, die Jesus ist, er führt uns zu
Vertiefung und Verständnis: Wir wachsen nicht in der Erkenntnis, wenn
wir uns in unserem Ich verschließen, sondern nur indem wir zum Hören und
Teilen fähig werden, nur im »Wir« der Kirche, in einer Haltung tiefer
innerer Demut. Und so wird klarer, warum Babylon Babylon und warum
Pfingsten Pfingsten ist. Wo Menschen Götter sein wollen, können sie nur
gegeneinander stehen. Wo sie aber in die Wahrheit des Herrn
hineintreten, öffnen sie sich für das Wirken seines Geistes, der sie
trägt und vereint.
Der Gegensatz zwischen Babylon und Pfingsten klingt auch in der
zweiten Lesung an, wo der Apostel sagt: »Laßt euch vom Geist leiten,
dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen« (
Gal 5,16).
Der hl. Paulus erklärt uns, daß unser persönliches Leben von einem
inneren Konflikt gekennzeichnet ist, einem Gegensatz zwischen den
Anregungen, die vom Fleisch kommen, und denen, die vom Heiligen Geist
stammen; und wir können nicht allen Anregungen folgen. Denn wir können
nicht gleichzeitig egoistisch und großherzig sein, der Tendenz
nachgeben, über die anderen zu herrschen, und gleichzeitig die Freude
des uneigennützigen Dienstes verspüren. Wir müssen uns immer
entscheiden, welchem Impuls wir folgen wollen, und das können wir in
rechter Weise nur mit der Hilfe des Geistes Christi. Der hl. Paulus
zählt, wie wir gehört haben, die Werke des Fleisches auf, es sind die
Sünden des Egoismus und der Gewalt, wie Feindschaft, Streit, Eifersucht,
Spaltungen; es sind Gedanken und Taten, die uns nicht in wahrhaft
menschlicher und christlicher Weise leben lassen: in der Liebe. Das
führt zum Verlust des eigenen Lebens. Der Heilige Geist dagegen führt
uns zur Höhe Gottes, damit wir schon auf dieser Erde den Keim des
göttlichen Lebens leben können, der in uns ist. Denn der hl. Paulus
sagt: »Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede« (
Gal 5,22).
Und wir sehen, daß der Apostel den Plural gebraucht, um die Werke des
Fleisches zu beschreiben, die zur Zersplitterung des Menschseins führt,
während er den Singular gebraucht, um das Wirken des Geistes zu
beschreiben, er spricht von »der Frucht«, genauso wie der Zersplitterung
von Babylon die Einheit von Pfingsten entgegengesetzt ist.
Liebe Freunde, wir müssen dem Geist der Einheit und der Wahrheit
gemäß leben, und deshalb müssen wir beten, damit der Heilige Geist uns
erleuchten und dazu führen möge, der Verlockung zu widerstehen, unseren
eigenen Wahrheiten zu folgen, und die von der Kirche überlieferte
Wahrheit Christi anzunehmen. Der lukanische Pfingstbericht sagt uns, daß
Jesus vor seiner Himmelfahrt die Apostel aufforderte, zusammen zu
bleiben, um sich auf den Empfang der Gabe des Heiligen Geistes
vorzubereiten. Und in Erwartung des verheißenen Ereignisses versammelten
sie sich mit Maria betend im Abendmahlssaal (vgl.
Apg 1,14). Wie die Kirche bei ihrem Entstehen mit Maria versammelt war, so betet sie auch heute:
»Veni Sancte Spiritus! –
Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen
und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe!« Amen.
(Papst Benedikt XVI., Predigt zu Pfingsten 2012)
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| Herabkunft des Hl. Geistes, St Aloysius R.C Church, London |