Sonntag, 9. Juni 2019

Maria und die Apostel im Abendmahlsaal

Pfingsten, Dormitio Abtei, Jerusalem


Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war,
waren alle zusammen am selben Ort.
Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen,
wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt,
und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer,
die sich verteilten;
auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.
Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt
und begannen, in anderen Sprachen zu reden,
wie es der Geist ihnen eingab.
(Apostelgeschichte 2)


Der Abendmahlsaal in Jerusalem



Der hl. Lukas stellt die Erzählung über das Pfingstereignis, die wir in der ersten Lesung gehört haben, in das zweite Kapitel der Apostelgeschichte. Das Kapitel beginnt mit dem Satz: »Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort« (Apg 2,1). Diese Worte beziehen sich auf das vorhergehende Bild, in dem Lukas die kleine Gemeinschaft der Jünger beschrieben hat, die sich nach der Himmelfahrt Jesu standhaft in Jerusalem versammelte (vgl. Apg 1,12–14). Diese Beschreibung ist reich an Details: der Ort, »wo sie wohnten« – der Abendmahlssaal – befindet sich »im Obergemach«; die elf Apostel werden namentlich aufgezählt, und die ersten drei sind Petrus, Johannes und Jakobus, die »Säulen« der Gemeinde; zusammen mit ihnen werden »die Frauen« erwähnt, »Maria, die Mutter Jesu« und »seine Brüder«, die nunmehr in diese neue Familie aufgenommen sind, die nicht mehr in Blutsbanden, sondern im Glauben an Christus gründet

Auf dieses »neue Israel« spielt eindeutig die Gesamtzahl der Menschen an, die sich auf »etwa hundertzwanzig« belief, ein Vielfaches der »zwölf« des Apostelkollegiums. Die Gruppe bildet wirklich eine »qãhãl«, eine »Versammlung« entsprechend dem Vorbild des ersten Bundes: die Gemeinde, die zusammengerufen wird, um die Stimme des Herrn zu hören und auf seinen Wegen zu gehen. Das Buch der Apostelgeschichte hebt hervor, daß »sie alle dort einmütig im Gebet verharrten« (1,14). Das Gebet ist also die vorrangige Tätigkeit der entstehenden Kirche, durch die sie ihre Einheit vom Herrn empfängt und sich von seinem Willen führen läßt, was auch die Entscheidung beweist, durch das Los denjenigen zu wählen, der den Platz des Judas einnehmen wird (vgl. Apg 1,24–25).

Diese Gemeinde ist am selben Ort, dem Abendmahlssaal, am Morgen des jüdischen Pfingstfestes versammelt, dem Bundesfest, an dem des Geschehens auf dem Sinai gedacht wurde, als Gott durch Mose Israel vorgeschlagen hatte, sein Eigentum unter allen Völkern zu werden, um Zeichen seiner Heiligkeit zu sein (vgl. Ex 19). Nach dem Buch Exodus wurde dieser alte Bund von einem schreckenerregenden Machterweis des Herrn begleitet: »Der ganze Sinai«, so ist zu lesen, »war in Rauch gehüllt, denn der Herr war im Feuer auf ihn herabgestiegen. Der Rauch stieg vom Berg auf wie Rauch aus einem Schmelzofen. Der ganze Berg bebte gewaltig« (Ex 19,18). Wir finden die Elemente des Windes und des Feuers erneut im Pfingsten des Neuen Testaments vor, jedoch ohne einen Anklang von Furcht. Insbesondere nimmt das Feuer die Gestalt von Zungen an, die alle auf einen jeden der Jünger niederkamen, die »alle mit dem Heiligen Geist erfüllt wurden« und durch diese Ausgießung »begannen, in fremden Sprachen zu reden« (Apg 2,4). Es handelt sich um eine regelrechte Feuer- »Taufe« der Gemeinde, eine Art neue Schöpfung. An Pfingsten wird die Kirche nicht aus dem Willen eines Menschen heraus gestiftet, sondern durch die Kraft des Geistes Gottes. Und sofort wird erkennbar, wie dieser Geist einer Gemeinde Leben verleiht, die zugleich eins und universal ist und so den Fluch von Babel überwindet (vgl. Gen 11,7–9). Denn nur der Heilige Geist, der Einheit in der Liebe und in der gegenseitigen Annahme der Unterschiedlichkeit schafft, kann die Menschheit von der ständigen Versuchung des Willens zu irdischer Macht befreien, der alles beherrschen und gleichmachen will.
(Papst Benedikt XVI., Pfingstsonntag 2008, 11. Mai)



der Abendmahlsaal, Jerusalem

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen