Donnerstag, 6. April 2023

Eucharistie ist Hochzeit

 

im Abendmahlsaal, Verduner Altar, Stift Klosterneuburg

Liebe Brüder und Schwestern!

Qui, pridie quam pro nostra omniumque salute pateretur, hoc est hodie, accepit panem: So werden wir heute beim Hochgebet der heiligen Messe sagen. „Hoc est hodie“ – die Liturgie des Gründonnerstags fügt in den Wortlaut des Gebets das „Heute“ ein und unterstreicht damit die besondere Würde dieses Tages. „Heute“ war es, daß er dies getan, uns für immer sich selbst im Sakrament seines Leibes und Blutes geschenkt hat. Dieses „Heute“ ist zunächst Erinnerung an das Pascha von damals. Aber es ist doch mehr. Mit dem Hochgebet treten wir in dieses Heute hinein. Unser Heute berührt sich mit seinem Heute. Er tut es jetzt. Die Liturgie der Kirche will uns mit diesem Wort „Heute“ dazu bringen, mit großer innerer Wachheit auf das Geheimnis dieses Tages zu achten, auf die Worte, in denen es sich ausdrückt. Versuchen wir also, neu dem Einsetzungsbericht zuzuhören, wie ihn die Kirche von der Schrift her im Hinschauen auf den Herrn selber formuliert hat.

Da wird uns als erstes treffen, daß der Einsetzungsbericht gar kein selbständiger Satz ist, sondern mit einem Relativpronomen beginnt: qui pridie. Dieses „qui“ hängt den ganzen Bericht an das vorhergehende Gebetswort an: „Mache sie uns … zum Leib und Blut deines geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus“. Der Bericht ist so mit dem vorausgehenden Gebet, mit dem ganzen Hochgebet verknüpft und selbst zum Gebet gemacht. Er ist gar nicht einfach ein Bericht, der hier eingeschoben wäre, und es sind auch nicht selbständige Vollmachtsworte, die etwa das Gebet unterbrechen würden. Er ist Gebet. Und nur im Beten vollzieht sich der priesterliche Akt des Verwandelns, der Transsubstantiation unserer Gaben von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi. Betend steht die Kirche in diesem zentralen Moment ganz im Einklang mit dem Geschehen im Abendmahlsaal, denn Jesu Tun wird beschrieben mit den Worten: „Gratias agens benedixit Danksagend segnete er“. Die römische Liturgie hat damit in zwei Wörter auseinandergenommen, was im hebräischen Berakha eins ist und im Griechischen hingegen auch in den zwei Worten Eucharistia und Eulogia erscheint. Der Herr dankt. Im Danken anerkennen wir, daß etwas Gabe ist, die von einem anderen kommt. Der Herr dankt und gibt damit das Brot, „die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“, an Gott zurück, um es von ihm her neu zu empfangen. Danken wird segnen. Was Gott in die Hand gegeben ist, kehrt von ihm gesegnet, verwandelt zurück. Die römische Liturgie hat also recht, wenn sie unser Beten in diesem heiligen Moment mit den Worten auslegt: „wir bringen [die Opfergaben] dar“, „wir flehen“, „wir bitten, nimm diese Opfergaben an“, „segne sie“. All das verbirgt sich in dem Wort „Eucharistia

Im Einsetzungsbericht des Römischen Kanons gibt es noch eine Besonderheit, die wir in dieser Stunde bedenken wollen. Die betende Kirche blickt hin auf die Hände und auf die Augen des Herrn. Sie will gleichsam zusehen, sie will die Gebärde seines Betens und Tuns in dieser einzigartigen Stunde wahrnehmen, gleichsam auch über die Sinne der Gestalt Jesu begegnen. „Er nahm das Brot in seine heiligen und ehrwürdigen Hände…“ Wir schauen auf die Hände hin, mit denen er Menschen geheilt hat; auf die Hände, mit denen er Kinder gesegnet hat; auf die Hände, die er Menschen aufgelegt hat; und auf die Hände, die am Kreuz angenagelt wurden und die für immer die Wundmale als Zeichen seiner todbereiten Liebe tragen. Nun sind wir beauftragt zu tun, was er getan hat: das Brot in die Hände zu nehmen, damit es durch das eucharistische Gebet verwandelt werde. In der Priesterweihe sind unsere Hände gesalbt worden, damit sie Segenshände werden. Bitten wir den Herrn in dieser Stunde, daß unsere Hände immer mehr dem Heil, dem Segen, der Vergegenwärtigung seiner Güte dienen!

Aus der Einleitung zum hohepriesterlichen Gebet Jesu (vgl. Joh 17, 1) entnimmt der Kanon dann die Worte: „Er erhob seine Augen zum Himmel, zu dir, seinem Vater, dem allmächtigen Gott.“ Der Herr lehrt uns, unsere Augen und vor allem unser Herz zu erheben. Aufzuschauen aus den Dingen dieser Welt und uns betend auf Gott hin auszurichten und aufzurichten. In einem Hymnus des Stundengebets bitten wir den Herrn, daß er unsere Augen behüte, damit sie nicht „vanitates“ schöpfen und in uns einlassen – das Eitle, das Nichtige, den bloßen Schein. Wir bitten darum, daß nicht durch die Augen das Böse in uns eintritt und unser Sein von innen her verfälscht und beschmutzt. Wir wollen aber vor allem darum bitten, daß wir Augen haben für alles Wahre, Helle, Gute; daß wir sehend werden für die Gegenwart Gottes in der Welt. Daß wir mit Augen der Liebe, mit Jesu Augen in die Welt schauen und so die Brüder und Schwestern erkennen, die unser bedürfen, die auf unser Wort und unsere Tat warten.

Segnend bricht der Herr dann das Brot und teilt es seinen Jüngern aus. Brotbrechen ist die Gebärde des Hausvaters, der für seine Familie sorgt und ihr gibt, was sie zum Leben braucht. Es ist aber auch die Gebärde der Gastlichkeit, mit der der Fremdling, der Gast in die Familie aufgenommen wird, Anteil an ihrem Leben erhält. Teilen – Aus-teilen ist Einen. Durch das Teilen wird Gemeinschaft gestiftet. Im gebrochenen Brot teilt der Herr sich selbst aus. Der Gestus des Brechens weist auch geheimnisvoll auf seinen Tod hin, auf die Liebe bis zum Tod. Er teilt sich aus, das wahre „Brot für das Leben der Welt“ (vgl. Joh 6, 51). Denn die Nahrung, die der Mensch im tiefsten braucht, ist die Gemeinschaft mit Gott selber. Im Danksagen und Segnen verwandelt Jesus das Brot, gibt nicht mehr irdisches Brot, sondern die Gemeinschaft mit sich selbst. Diese Verwandlung aber will der Anfang der Verwandlung der Welt sein. Daß sie Welt der Auferstehung, Welt Gottes werde. Ja, es geht um Verwandlung. Um den neuen Menschen und um die neue Welt, die im konsekrierten, verwandelten, transsubstantiierten Brot anbricht.

Wir hatten gesagt, daß Brotbrechen Gestus der Gemeinschaft, des Einens durch Teilen ist. So ist in der Gebärde selbst schon das innere Wesen der Eucharistie angedeutet: Sie ist Agape, sie ist leibhaftig gewordene Liebe. Im Wort Agape gehen die Bedeutungen Eucharistie und Liebe ineinander über. Im Brotbrechen Jesu hat die sich austeilende Liebe ihre äußerste Radikalität erlangt: Jesus läßt sich als lebendiges Brot brechen. Im ausgeteilten Brot erkennen wir das Geheimnis des Weizenkorns, das stirbt und so Frucht bringt. Wir erkennen die neue Brotvermehrung, die aus dem Sterben des Weizenkorns kommt und bis ans Ende der Welt reicht. Zugleich sehen wir, daß Eucharistie nie bloß liturgische Handlung sein kann. Sie ist nur ganz, wenn aus liturgischer Agape Liebe im Alltag wird. Im christlichen Kult ist beides eins – das Beschenktwerden durch den Herrn im gottesdienstlichen Akt und der Gottesdienst der Liebe dem Nächsten gegenüber. Bitten wir in dieser Stunde den Herrn, daß wir das ganze Geheimnis der Eucharistie immer mehr zu leben lernen und daß so die Verwandlung der Welt beginne.

Nach dem Brot nimmt Jesus den Kelch mit Wein. Der Römische Kanon bezeichnet den Kelch, den der Herr den Jüngern reicht, als præclarus calix (als „erhabenen Kelch“) und spielt damit auf Ps 23 [22] an, den Psalm von Gott, dem mächtigen und gütigen Hirten. Da heißt es: “Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde … Du füllst mir reichlich den Becher“ – calix præclarus. Der Römische Kanon versteht dieses Psalmwort als eine Prophetie, die in der Eucharistie sich erfüllt: Ja, der Herr deckt uns den Tisch mitten in den Bedrohungen dieser Welt, und er schenkt uns den herrlichen Kelch – den Kelch der großen Freude, des wahren Festes, nach dem wir uns alle sehnen. Den Kelch gefüllt mit dem Wein seiner Liebe. Der Kelch bedeutet Hochzeit: Nun ist die Stunde da, auf die die Hochzeit von Kana geheimnisvoll hingedeutet hatte. Ja, die Eucharistie ist mehr als Mahl, sie ist Hochzeit. Und diese Hochzeit beruht auf der Selbstschenkung Gottes bis in den Tod hinein. In den Abendmahlsworten Jesu und im Hochgebet der Kirche verbirgt sich das festliche Geheimnis der Hochzeit unter dem Wort „novum testamentum“. Dieser Kelch ist das Neue Testament – „der Neue Bund in meinem Blut“, so gibt Paulus in der zweiten Lesung das Kelchwort Jesu wieder (1 Kor 11, 25). Der Römische Kanon fügt hinzu, „des Neuen und ewigen Bundes“, um die Unauflöslichkeit dieser hochzeitlichen Verbindung Gottes mit der Menschheit auszudrücken. Daß die alten Übersetzungen der Bibel nicht von Bund, sondern von Testament sprechen, hat seinen Grund darin, daß da nicht zwei gleichberechtigte Partner einander begegnen, sondern der unendliche Abstand von Gott und Mensch waltet. Was wir Neuen und Alten Bund nennen, ist nicht ein Akt der Partnerschaft zwischen zwei gleichen Partnern, sondern reines Geschenk von Gott her, der uns seine Liebe – sich selbst – vermacht. Freilich – durch dieses Geschenk seiner Liebe macht er uns dann über allen Abstand hinweg wirklich zu Partnern, vollzieht sich das hochzeitliche Geheimnis der Liebe.

Damit wir verstehen können, was in der Tiefe da geschieht, müssen wir noch genauer auf die Worte der Bibel und auf ihre ursprüngliche Bedeutung hören. Da sagen uns die Forscher, daß „einen Bund herstellen“ in der frühen Zeit, von der die Geschichten der Väter Israels sprechen, die Bedeutung hat: „in einen fremden Blutsverband eintreten bzw. den Partner in den eigenen Verband einbeziehen und so in Rechtsgemeinschaft miteinander treten“. Auf diese Weise wird eine reale, wenn auch nicht materielle Blutsverwandtschaft geschaffen. Die Partner werden zu „Brüdern aus demselben Fleisch und Bein“. Der Bund bewirkt eine Ganzheit, die Friede ist (ThWNT II 105–137). Ahnen wir nun, was in der Stunde des Abendmahls geschah und seither sich immer wieder vollzieht, wenn wir Eucharistie feiern? Gott, der lebendige Gott, tritt mit uns in eine Gemeinschaft des Friedens, mehr, er schafft „Blutsverwandtschaft“ zwischen sich und uns. Durch Jesu Menschwerdung, durch sein vergossenes Blut sind wir in eine ganz reale Blutsverwandtschaft mit Jesus und so mit Gott selbst hineingezogen. Das Blut Jesu ist seine Liebe, in der göttliches und menschliches Leben eins geworden sind. Bitten wir den Herrn, daß wir die Größe dieses Geheimnisses immer mehr verstehen. Daß es seine verwandelnde Kraft in unserm Innern entfalte, damit wir wahrhaft Blutsverwandte Jesu werden, von seinem Frieden durchdrungen und so auch einander zugehörig.

Nun steht aber noch einmal eine Frage auf. Christus reicht im Abendmahlssaal den Jüngern seinen Leib und sein Blut, das heißt sich selber in der Ganzheit seiner Person dar. Aber kann er das? Er steht doch noch physisch unter ihnen, ihnen gegenüber! Die Antwort lautet: In dieser Stunde tut Jesus das, was er zuvor in der Hirtenrede angekündigt hatte: „Niemand entreißt mir mein Leben, sondern ich gebe es von mir aus hin. Ich habe Macht, mein Leben hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen…“ (Joh 10, 18). Niemand kann ihm sein Leben entreißen: Er gibt es selbst. In dieser Stunde nimmt er Kreuzigung und Auferstehung voraus. Was dort sozusagen physisch an ihm geschehen wird, vollzieht er jetzt schon voraus in der Freiheit seiner Liebe. Er gibt sein Leben, und er nimmt es in der Auferstehung wieder, um es für immer austeilen zu können.

Herr, heute schenkst du uns dein Leben, schenkst uns dich selbst. Durchdringe uns mit deiner Liebe. Laß uns in deinem Heute leben. Mache uns zu Werkzeugen deines Friedens. Amen.

Benedikt XVI, Gründonnerstag, 9. April 2009

Mittwoch, 5. April 2023

Mit einem Kuß?

 

Verrat durch Judas, im Eingangsbereich der Santa Sanctorum, Rom

Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch wehe dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 26

In jener Zeit

14ging einer der Zwölf  namens Judas Iskariot zu den Hohenpriestern

15und sagte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere? Und sie zahlten ihm dreißig Silberstücke.

16Von da an suchte er nach einer Gelegenheit, ihn auszuliefern.

17Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote gingen die Jünger zu Jesus und fragten: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?

18Er antwortete: Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern.

19Die Jünger taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.

20Als es Abend wurde, begab er sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch.

21Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten und ausliefern.

22Da waren sie sehr betroffen, und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr?

23Er antwortete: Der, der die Hand mit mir in die Schüssel getaucht hat, wird mich verraten.

24Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.

25Da fragte Judas, der ihn verriet: Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus sagte zu ihm: Du sagst es.


Montag, 3. April 2023

Der Duft seiner Liebe hat das ganze Haus erfüllt (über Johannes Paul II.)

 

Maria salbt Jesus

GEDENKMESSE ZUM 2. JAHRESTAG DES TODES
DES DIENERS GOTTES JOHANNES PAUL II.

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Vorplatz des Petersdomes
Montag, 2. April 2007

 

Verehrte Mitbrüder im bischöflichen und im priesterlichen Dienst,
liebe Brüder und Schwestern!

Vor zwei Jahren, ungefähr um diese Stunde, ist der geliebte Papst Johannes Paul II. aus dieser Welt geschieden und in das Haus des Vaters heimgekehrt. Mit diesem Gottesdienst wollen wir vor allem Gott danken, daß er ihn uns für gut 27 Jahre zum Vater und sicheren Führer im Glauben gegeben hat; zum eifrigen Hirten und mutigen Propheten der Hoffnung, zum unermüdlichen und leidenschaftlichen Diener der Liebe Gottes. Zugleich bringen wir das eucharistische Opfer dar für das Heil seiner erwählten Seele, in unauslöschlicher Erinnerung an die große Hingabe, mit der er die heiligen Geheimnisse feierte und das Altarsakrament anbetete, die Mitte seines Lebens und seines unermüdlichen apostolischen Wirkens.

Ich möchte euch allen, die ihr an dieser heiligen Messe teilnehmt, meinen Dank aussprechen. Einen besonderen Gruß richte ich an Kardinal Stanislaw Dziwisz, Erzbischof von Krakau, wobei ich die Gefühle nachempfinde, die in diesem Augenblick sein Inneres bewegen. Ich grüße die übrigen Kardinäle, die Bischöfe, die Priester und Ordensleute, die hier zugegen sind; die Pilger, die aus Polen gekommen sind; die vielen Jugendlichen, die Papst Johannes Paul II. besonders innig geliebt hat, und die vielen Gläubigen, die aus ganz Italien und aus der ganzen Welt hierher auf den Petersplatz gekommen sind.

Der zweite Jahrestag des frommen Heimgangs dieses geliebten Papstes findet zu einer Zeit statt, die für die innere Sammlung und das Gebet besonders geeignet ist. Denn wir sind gestern, am Palmsonntag, in die Karwoche eingetreten, und die Liturgie läßt uns die letzten Tage des Lebens unseres Herrn Jesus auf Erden neu erleben. Heute führt sie uns nach Betanien, wo genau »sechs Tage vor dem Paschafest« – wie der Evangelist Johannes berichtet – Lazarus, Marta und Maria dem Meister ein Gastmahl bereiten. Die Erzählung des Evangeliums verleiht unserer Betrachtung eine intensive österliche Atmosphäre. Das Gastmahl in Betanien geht dem Tod Jesu voraus im Zeichen der Salbung, die Maria zu Ehren des Meisters vornahm und die er im Hinblick auf seine Grablegung angenommen hat (vgl. Joh 12,7). Aber es ist auch Ankündigung der Auferstehung durch die Anwesenheit des auferweckten Lazarus, ein deutliches Zeugnis der Macht Christi über den Tod. Neben der prägnanten österlichen Bedeutung hat die Erzählung vom Gastmahl in Betanien auch einen gefühlvollen Nachhall an sich und ist von Zuneigung und Verehrung erfüllt; sie ist eine Mischung aus Freude und Schmerz: von großer Freude über den Besuch Jesu und seiner Jünger, über die Auferweckung des Lazarus und über das nahende Paschafest; von tiefer Bitterkeit, weil dieses Paschafest das letzte sein könnte, wie es die Feindseligkeiten der Juden, die Jesus töten wollten, und die Drohungen sogar gegen Lazarus, den man beseitigen wollte, befürchten ließen.

Es gibt in diesem Abschnitt des Evangeliums eine Geste, die unsere Aufmerksamkeit weckt und die auch jetzt unsere Herzen in besonderer Weise berührt: Maria von Betanien nahm mit einem Mal »ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihrem Haar« (Joh 12,3). Dies ist eine jener Einzelheiten aus dem Leben Jesu, die Johannes in seinem Herzen bewahrt hat und die eine unglaubliche Ausdruckskraft beinhalten. Sie spricht von der Liebe zu Christus, einer wunderbaren, überströmenden Liebe, wie diese über seine Füße ausgegossene »kostbare« Salbe. Eine Tat, die Judas Iskariot natürlich empörte: Die Logik der Liebe kollidiert mit der Logik des Profits.

In uns, die wir im Gebet vereint sind zum Gedächtnis meines verehrten Vorgängers, weckt Marias Geste der Salbung starken Widerhall und geistliche Eindrücke. Sie ruft das leuchtende Zeugnis in Erinnerung, das Johannes Paul II. von einer vorbehaltlosen und vollen Liebe zu Christus gegeben hat. Der »Duft« seiner Liebe »hat das ganze Haus erfüllt« (vgl. Joh 12,3), das heißt die Kirche. Sicher, wir, die wir ihm nahestanden, haben es in besonderer Weise wahrgenommen, und dafür danken wir Gott. Aber auch die Fernstehenden hatten davon Nutzen, denn die Liebe von Papst Wojtyla zu Christus war so stark und so tief, daß sie in alle Teile der Welt sozusagen übergeflossen ist. Sind nicht die Wertschätzung, die Achtung und die Zuneigung, die Glaubende und Nichtglaubende bei seinem Tod zum Ausdruck brachten, ein deutlicher Beweis dafür? Augustinus schreibt in seinem Kommentar zu diesem Abschnitt des Johannesevangeliums: »Das Haus wurde vom Wohlgeruch des Salböls erfüllt; das heißt, die Welt wurde mit einem guten Ruf erfüllt; denn ein Wohlgeruch ist ein guter Ruf … Durch die guten Christen wird der Name Gottes gepriesen« (In Io. Evang. Tr. 50,7). Das ist wirklich wahr: Der intensive und fruchtbare Hirtendienst und noch mehr das Martyrium der Agonie und der ruhige Tod unseres geliebten Papstes haben die Menschen unserer Zeit erkennen lassen, daß Jesus Christus für ihn wahrhaftig »alles« war.

Die Fruchtbarkeit dieses Zeugnisses, das wissen wir, kommt vom Kreuz. Im Leben Karol Wojtylas war das Wort »Kreuz« nicht nur ein Wort. Schon von Kindheit und Jugend an kannte er Leid und Tod. Als Priester und als Bischof und vor allem als Papst hat er den letzten Ruf des auferstandenen Christus an Simon Petrus am Ufer des See Gennesaret ernst genommen: »Folge mir nach! … Du aber folge mir nach!« (Joh 21,19.22). Besonders während des langsamen, aber unaufhaltsamen Fortschreitens der Krankheit, die ihm nach und nach alles genommen hat, ist sein Dasein eine Ganzhingabe an Christus geworden, eine lebendige Verkündigung seines Leidens, in der Hoffnung, die vom Glauben an die Auferstehung erfüllt war.

Sein Pontifikat stand ganz unter dem Zeichen der »Großherzigkeit«, der großmütigen vorbehaltlosen Selbsthingabe. Was hat ihn bewegt, wenn nicht die mystische Liebe zu Christus, zu dem, der ihn am 16. Oktober 1978 hatte rufen lassen mit den Worten des Zeremoniells: »Magister adest et vocat te – Der Meister ist da und ruft dich«? Am 2. April 2005 kam der Meister wieder, diesmal ohne Vermittler, und rief ihn, um ihn heimzuführen, in das Haus des Vaters. Und er antwortete wieder spontan, aus furchtlosem Herzen, und flüsterte: »Laßt mich zum Herrn gehen« (vgl. S. Dziwisz, Una vita con Karol, S. 223).

Seit langem hatte er sich auf diese letzte Begegnung mit Jesus vorbereitet, wie die vielen Entwürfe des Testaments beweisen. Während seines langen Verweilens in der Privatkapelle sprach er mit ihm, überließ sich völlig seinem Willen und vertraute sich Maria an, indem er das »Totus tuus« wiederholte. Wie sein göttlicher Meister lebte er seine Agonie im Gebet. An seinem letzten Lebenstag, am Vortag des Sonntags der Göttlichen Barmherzigkeit, bat er darum, daß ihm gerade das Johannesevangelium vorgelesen werde. Mit Hilfe der Personen, die ihm beistanden, wollte er an allen täglichen Gebeten und am Stundengebet teilnehmen, er wollte bei der Anbetung und der Meditation mitwirken. Er ist betend gestorben. Er ist wahrhaftig im Herrn entschlafen.

»Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt« (Joh 12,3). Kommen wir auf diese so eindrucksvolle Aussage des Evangelisten Johannes zurück. Der Duft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe des Papstes erfüllte sein ganzes Haus, erfüllte den Petersplatz, erfüllte die Kirche und verbreitete sich in der ganzen Welt. Was nach seinem Tod geschehen ist, war für den, der glaubt, die Wirkung dieses »Duftes«, der alle, die Nahen und die Fernen, berührt hat; und er hat sie zu einem Menschen hingezogen, den Gott allmählich seinem Christus gleichförmig gemacht hat. Deshalb können wir auf ihn die Worte des ersten Liedes vom Gottesknecht anwenden, die wir in der Ersten Lesung gehört haben: »Seht, mein Knecht, den ich stütze, mein Erwählter, der mir gefällt. Ich habe auf ihn meinen Geist gelegt, er wird den Völkern das Recht bringen« (Jes 42,1). »Gottesknecht – Diener Gottes«: Das ist er gewesen, und so wird er jetzt in der Kirche genannt, während sein Seligsprechungsprozeß rasch fortschreitet, von dem heute morgen die Diözesanuntersuchung über das Leben, die Tugenden und den Ruf der Heiligkeit abgeschlossen wurde. »Diener Gottes«. Das ist ein Titel, der ihm besonders angemessen ist. Der Herr hat ihn in seinen Dienst gerufen auf dem Weg des Priestertums und hat ihm nach und nach immer weitere Horizonte eröffnet: von seiner Diözese bis zur universalen Kirche. Diese weltumspannende Dimension hat im Augenblick seines Todes die größte Ausdehnung erreicht; ein Ereignis, das die ganze Welt mit einer in der Geschichte noch nie dagewesenen Anteilnahme mitgelebt hat.

Liebe Brüder und Schwestern, der Antwortpsalm hat uns Worte voll Zuversicht in den Mund gelegt. In der Gemeinschaft der Heiligen scheint es uns, sie mit der lauten Stimme des geliebten Johannes Pauls II. zu hören, der vom Haus des Vaters aus – dessen sind wir sicher – den Weg der Kirche unaufhörlich begleitet. »Hoffe auf den Herrn und sei stark! Hab festen Mut und hoffe auf den Herrn! (Ps 27,14). Ja, haben wir festen Mut, liebe Brüder und Schwestern, und lebendige Hoffnung! Mit dieser Einladung im Herzen setzen wir die Eucharistiefeier fort, wobei wir schon das Licht der Auferstehung Christi ahnen, das in der Osternacht nach der dramatischen Finsternis des Karfreitags erstrahlen wird. Das »Totus tuus« des geliebten Papstes sporne uns an, ihm auf dem Weg der Selbsthingabe an Christus durch die Fürsprache Marias zu folgen. Das erwirke uns gerade sie, die heilige Jungfrau, während wir ihren Händen diesen unseren Vater, Bruder und Freund anvertrauen, damit er in Gott in Frieden ruhe und sich freue. Amen.

Magdalen College - Oxford

Sonntag, 2. April 2023

Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen

 

Petrusfenster in St Peter´s church, Nottingham
 

69E Petrus aber saß draußen im Hof.
Da trat eine Magd zu ihm
und sagte:
S Auch du warst mit diesem Jesus aus Galiläa zusammen.
70E Doch er leugnete es vor allen
und sagte:
S Ich weiß nicht, wovon du redest.
71E Und als er zum Tor hinausgehen wollte,
sah ihn eine andere Magd
und sagte zu denen, die dort standen:
S Der war mit Jesus dem Nazoräer zusammen.
72E Wieder leugnete er
und schwor:
S Ich kenne den Menschen nicht.
73E Wenig später kamen die Leute, die dort standen,
und sagten zu Petrus:
S Wirklich, auch du gehörst zu ihnen,
deine Mundart verrät dich.
74E Da fing er an zu fluchen
und zu schwören:
S Ich kenne den Menschen nicht.
E Gleich darauf krähte ein Hahn
75und Petrus erinnerte sich an das Wort, das Jesus gesagt hatte:
Ehe der Hahn kräht,
wirst du mich dreimal verleugnen.
Und er ging hinaus
und weinte bitterlich.

 

Ich kenne den Menschen nicht

Samstag, 1. April 2023

Dort wollte er Leiden und Tod auf sich nehmen

 

Einzug in Jerusalem, St Peter´s church, Nottingham

 

Liebe Brüder und Schwestern,

In den Tagen der Fastenzeit haben wir uns auf Ostern vorbereitet; wir haben uns bemüht um die Bekehrung unseres Herzens und um tätige Nächstenliebe. Heute aber sind wir zusammengekommen, um mit der ganzen Kirche in die Feier der österlichen Geheimnisse unseres Herrn einzutreten.

Christus ist in seine Stadt Jerusalem eingezogen; dort wollte er Leiden und Tod auf sich nehmen, dort sollte er auch auferstehen. Mit Glauben und innerer Hingabe begehen wir das Gedächtnis seines Einzugs.
Wir folgen dem Herrn auf seinem Leidensweg und nehmen teil an seinem Kreuz, damit wir auch Anteil erhalten an seiner Auferstehung und seinem Leben.


(Einleitung  in die Liturgie des Palmsonntags)


Hosanna dem Höchsten, Hosanne dem Sohne Davids
Gesegnet der kommt im Namen des Herrn

Einzug in Jerusalem

eine kleine Darstellung des Einzugs

Glasfenster in der Kathedrale von Brüssel (B16, Palmsonntag 2012)

Jesus auf einem Esel in St. Nikolaus in Hall in Tirol

Chorgestühl in der Kathedrale von Cordoba

Der Einzugsesel war ein weißer Esel😄😄😄

Fresko in der Unterkirche von Assisi (Adrienne v. Speyr, Johannesevangelium)

Relief in Notre Dame de Paris (Ratzinger, Mitarbeiter der Wahrheit)

es war einer meiner Vorfahren😁

Fresko in rumän.-orthodoxer Kirche in Knittelfeld/Ö (Papst Benedikt, Palmsonntag 2012) 

Glasfenster in Chartres (Papst Benedikt, Palmsonntag 2009) 

Glasfenster in der Kathedrale von Canterbury

Dienstag, 28. März 2023

Der Anfang der guten Werke ist das Bekenntnis der bösen Werke (Augustinus)

 

Wenn jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben

Lesung aus dem Buch Numeri 21,4-9 (Lesung vom Dienstag der 5. Fastenwoche)

In jenen Tagen

4brachen die Israeliten vom Berg Hor auf und schlugen die Richtung zum Schilfmeer ein, um Edom zu umgehen. Unterwegs aber verlor das Volk den Mut,

5es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser. Dieser elenden Nahrung sind wir überdrüssig.

6Da schickte der Herr Giftschlangen unter das Volk. Sie bissen die Menschen, und viele Israeliten starben.

7Die Leute kamen zu Mose und sagten: Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den Herrn und gegen dich aufgelehnt. Bete zum Herrn, dass er uns von den Schlangen befreit. Da betete Mose für das Volk.

8Der Herr antwortete Mose: Mach dir eine Schlange, und häng sie an einer Fahnenstange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht.

9Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Fahnenstange auf. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben.


Liebe Brüder und Schwestern!

(...) Es ist ein Weg, den wir zusammen mit Jesus durch die »Wüste« gehen, das heißt eine Zeit, um vermehrt die Stimme Gottes zu hören und auch die Versuchungen aufzudecken, die in uns ertönen. Am Horizont dieser Wüste zeichnet sich das Kreuz ab.

Jesus weiß, daß es der Höhepunkt seiner Sendung ist: Tatsächlich ist das Kreuz der Höhepunkt der Liebe, die uns das Heil schenkt. Er selbst sagt dies im heutigen Evangelium: »Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat« (Joh 3,14–15).
Der Verweis bezieht sich auf eine Begebenheit, bei der die Israeliten während des Auszugs aus Ägypten von giftigen Schlangen angegriffen wurden und viele starben; so gebot Gott dem Mose, eine Schlange aus Kupfer zu machen und sie an einer Fahnenstange aufzuhängen: wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, wurde er geheilt (vgl. Num 21,4–9). Auch Jesus wird am Kreuz erhöht werden, damit jeder, der wegen der Sünde in Todesgefahr ist und sich mit Glauben an ihn wendet, der für uns gestorben ist, gerettet werde. »Denn Gott«, schreibt der hl. Johannes, »hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern  damit die Welt durch ihn gerettet wird« (Joh 3,17).

Der hl. Augustinus kommentiert: »Soweit es auf den Arzt ankommt, kam er den Kranken zu heilen. Der tötet sich selbst, der die Vorschriften des Arztes nicht beobachten will. Es kam der Heiland in die Welt […] Du willst dich von ihm nicht heilen lassen, du wirst von dir selbst gerichtet werden« (Tractatus in Ioannis Evangelium 12,12: PL 35, 1190).
Wenn nun die barmherzige Liebe Gottes, der bis zu dem Punkt gegangen ist, seinen einzigen Sohn als Lösegeld für unser Leben hinzugeben, unendlich ist, dann ist auch unsere Verantwortung groß: ein jeder nämlich muß erkennen, daß er krank ist, um geheilt werden zu können; jeder muß seine Sünde bekennen, damit die schon am Kreuz geschenkte Vergebung Gottes in seinem Herzen und Leben wirksam werden kann.

Der hl. Augustinus schreibt weiter: »Gott klagt deine Sünden an; wenn auch du sie anklagst, bist du mit Gott verbunden […] Wenn dir aber einmal das zu mißfallen anfängt, was du gemacht hast, dann beginnen deine guten Werke, weil du deine schlechten Werke anklagst. Der Anfang der guten Werke ist das Bekenntnis der bösen Werke« (ebd., 13: PL 35,1191). 

Bisweilen liebt der Mensch mehr die Dunkelheit als das Licht, da er an seinen Sünden hängt. Doch nur wenn er sich dem Licht öffnet, nur wenn er Gott aufrichtig seine Schuld bekennt, findet er den wahren Frieden und die wahre Freude. Daher ist es wichtig, regelmäßig das Sakrament der Buße zu empfangen, vor allem in der Fastenzeit, um der Vergebung des Herrn teilhaftig zu werden und auf unserem Weg der Umkehr weiter voranzukommen.

(B16, 18.3.2013, Angelus)

Montag, 27. März 2023

Ewiger Gott, du kennst auch das Verborgene (Susanna)



91. Bereits im Alten Bund begegnen wir eindrucksvollen Zeugnissen einer Treue zum heiligen Gesetz Gottes, die mit der freiwilligen Annahme des Todes bezahlt wurde.
Beispielhaft ist die Geschichte der Susanna: Den beiden ungerechten Richtern, die sie für den Fall, daß sie sich geweigert hätte, ihrem unreinen Begehren zu Willen zu sein, mit dem Tode bedrohten, antwortete sie: »Ich bin bedrängt von allen Seiten: Wenn ich es tue, so droht mir der Tod; tue ich es aber nicht, so werde ich euch nicht entrinnen. Es ist besser für mich, es nicht zu tun und euch in die Hände zu fallen, als gegen den Herrn zu sündigen!« (Dan 13, 22-23).
Susanna, die es vorzieht, »unschuldig« in die Hände der Richter zu fallen, bezeugt nicht nur ihren Glauben und ihr Gottvertrauen, sondern auch ihren Gehorsam gegenüber der Wahrheit und der Absolutheit der sittlichen Ordnung: durch ihre Bereitschaft, das Martyrium auf sich zu nehmen, bekundet sie, daß es nicht recht ist, das zu tun, was das göttliche Gesetz als Übel bewertet, um dadurch irgendein Gut zu erlangen. Sie wählt für sich den »besseren Teil«: ein ganz klares und kompromißloses Zeugnis für die Wahrheit des Guten und für den Gott Israels; so tut sie in ihren Handlungen die Heiligkeit Gottes kund.

(Johannes Paul II., Veritatis splendor)

Aus Daniel 13, Lesung vom Montag der 5. Fastenwoche

36Die Ältesten sagten: Während wir allein im Garten spazieren gingen, kam diese Frau mit zwei Mägden herein. Sie ließ das Gartentor verriegeln und schickte die Mägde fort.

37Dann kam ein junger Mann zu ihr, der sich versteckt hatte, und legte sich zu ihr.

38Wir waren gerade in einer abgelegenen Ecke des Gartens; als wir aber die Sünde sahen, eilten wir zu ihnen hin

39und sahen, wie sie zusammen waren. Den Mann konnten wir nicht festhalten; denn er war stärker als wir; er öffnete das Tor und entkam.

40Aber diese da hielten wir fest und fragten sie, wer der junge Mann war.

41Sie wollte es uns aber nicht verraten. Das alles können wir bezeugen. Die versammelte Gemeinde glaubte ihnen, weil sie Älteste des Volkes und Richter waren, und verurteilte Susanna zum Tod.

42Da rief sie laut: Ewiger Gott, du kennst auch das Verborgene; du weißt alles, noch bevor es geschieht.

43Du weißt auch, dass sie eine falsche Aussage gegen mich gemacht haben. Darum muss ich jetzt sterben, obwohl ich nichts von dem getan habe, was diese Menschen mir vorwerfen.

44Der Herr erhörte ihr Rufen.

45Als man sie zur Hinrichtung führte, erweckte Gott den heiligen Geist in einem jungen Mann namens Daniel.

 

Susanna im Bade, Georg Schweigger, Kunsthistorisches Museum, Wien

 

Jacobo Tintoretto, Susanna im Bade,

Sonntag, 26. März 2023

Glaubst du das?

 

Auferweckung des Lazarus, Salisbury Cathedral

Liebe Brüder und Schwestern!

Auf unserem Weg durch die Fastenzeit sind wir beim fünften Fastensonntag angekommen; ihn kennzeichnet das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus (Joh 11,1-45). Es ist dies das letzte große Zeichen, das Jesus vollbrachte, bevor die Hohenpriester den Hohen Rat einberiefen, um darüber zu beraten, ihn zu töten. Und sie fassten den Beschluss, auch Lazarus zu töten, der der lebende Beweis für die Göttlichkeit Christi war, des Herrn über das Leben und den Tod. Dieser Abschnitt aus dem Evangelium zeigt uns nämlich Jesus als wahren Menschen und wahren Gott.

Der Evangelist unterstreicht vor allem die Freundschaft mit Lazarus und den Schwestern Marta und Maria. Er betont, dass „Jesus sie liebte“ (Joh 11,5). Gerade deshalb wollte er das große Wunder vollbringen. „Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken“ (Joh 11,11), so sprach er zu seinen Jüngern. Und mit der Metapher des Schlafes brachte er Gottes Sichtweise hinsichtlich des leiblichen Todes zum Ausdruck: Gott sieht ihn als einen Schlaf, von dem man aufwachen kann. Jesus hat absolute Gewalt über diesen Tod an den Tag gelegt: Das zeigt sich, als er dem jungen Sohn der Witwe von Nain (vgl. Lk 7,11-17) und dem zwölfjährigen Mädchen (vgl. Mk 5,35-43) das Leben zurückerstattet. Eben von ihr sagt er: „Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur“ (Mk 5,39), und dadurch das Gelächter der Anwesenden erregt. In Wahrheit aber ist es so: Der leibliche Tod ist ein Schlaf, von dem Gott uns zu jedem Zeitpunkt wecken kann.

Diese Herrschaft über den Tod hielt Jesus nicht davon ab, angesichts des Schmerzes der Trennung aufrichtiges Mit-leid zu fühlen. Als er Marta und Maria sowie die anderen weinen sah, die gekommen waren, um sie zu trösten, „war er im Innersten erregt und erschüttert“, und „weinte“ schließlich (Joh 11,33.35). Das Herz Christi ist göttlich-menschlich: In ihm sind Gott und Mensch einander in vollkommener Weise begegnet, ungetrennt und unvermischt. Er ist das Bild, ja, mehr noch: die Fleischwerdung Gottes, der Liebe, Barmherzigkeit, väterliche und mütterliche Zärtlichkeit ist, des Gottes, der Leben ist. Deshalb erklärt er vor Marta feierlich: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ Und er fügte hinzu: „Glaubst du das?“ (Joh 11,25-26). Ja, Herr! Auch wir glauben, trotz unserer Zweifel und unserer dunklen Seiten. Wir glauben an dich, weil du Worte des ewigen Lebens hast. Wir wollen an dich glauben, da du uns eine verlässliche Hoffnung auf Leben jenseits des Lebens schenkst, auf  wahres und volles Leben in deinem Reich des Lichtes und des Friedens.

Stellen wir dieses Gebet der allerseligsten Maria anheim. Ihre Fürbitte möge unseren Glauben und unsere Hoffnung in Jesus beleben, besonders in den Momenten der größten Prüfung und Not.


(B16, 9.3.2008)

Lazare, veni foras - Lazarus, komm heraus!