Das Christkönigsfest bietet unserer Feier einen
äußerst bedeutsamen Hintergrund, der sich von den Schriftlesungen herleitet und
von ihnen erleuchtet wird. Es ist, als stünden wir vor einem imposanten Fresko
mit drei großen Szenen: in der Mitte die Kreuzigung nach dem Bericht des
Evangelisten Lukas; auf der einen Seite die Salbung Davids zum König durch die
Ältesten Israels, auf der anderen der Christushymnus, mit dem der hl. Paulus
den Brief an die Kolosser eröffnet. Das Ganze wird beherrscht von der Gestalt
Christi, dem einzigen Herrn, vor dem wir alle Brüder und Schwestern sind. Die
ganze Hierarchie der Kirche, jedes Charisma und Amt, alles und jeder einzelne
stehen im Dienst seiner Herrschaft.
Wir müssen vom zentralen Ereignis ausgehen: dem
Kreuz. Hier offenbart Christus sein einzigartiges Königtum. Auf Golgota stoßen
zwei entgegengesetzte Haltungen aufeinander. Einige Menschen zu Füßen des Kreuzes
und auch einer der beiden Verbrecher wenden sich voll Verachtung an den
Gekreuzigten: Wenn du der Christus bist, der König und Messias – sagen sie –,
so rette dich selbst und steige von der Hinrichtungsstätte herab. Jesus
hingegen offenbart seine Herrlichkeit, indem er dort am Kreuz als Opferlamm
bleibt. Auf seine Seite stellt sich unerwartet der andere Verbrecher, der
implizit das Königtum des unschuldigen Gerechten bekennt und fleht: »Denk an
mich, wenn du in dein Reich kommst« (Lk 23,42).
Der hl. Cyrill von
Alexandrien kommentiert: »Du siehst ihn als Gekreuzigten und rufst ihn als
König an. Du glaubst, daß der, der Schmach und Leid erträgt, zur göttlichen
Herrlichkeit gelangen wird« (Commentarii in Lucam, Predigt 153).
Nach dem Evangelisten Johannes ist die göttliche Herrlichkeit schon
gegenwärtig, wenn auch verborgen durch die Entstellung des Kreuzes. Aber auch
in der Sprache des Lukas wird die Zukunft in der Gegenwart vorweggenommen, als
Jesus dem guten Schächer verheißt: »Heute noch wirst du mit mir im Paradies
sein« (Lk 23,43).
Der hl. Ambrosius merkt an: »Dieser bat, daß der Herr
seiner gedenke, wenn er in sein Reich kommt, der Herr aber antwortete ihm:
Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.
Leben heißt bei Christus sein, denn wo Christus ist, da ist das Reich« (Expositio
in Lucam, 10,121). Die Anklage: »Das ist der König der Juden«, die auf
einer über dem Haupt Jesu festgenagelten Tafel geschrieben stand, wird so zur
Verkündigung der Wahrheit.
Der hl. Ambrosius merkt weiter an: »Richtigerweise
befindet sich die Inschrift über dem Kreuz, denn: Obwohl Jesus, der Herr, am
Kreuz hing, erstrahlte er doch von der Höhe des Kreuzes in königlicher
Majestät« (ebd., 10,113).
Die Szene der Kreuzigung bildet in den vier Evangelien
den Augenblick der Wahrheit, in dem der »Vorhang im Tempel« mitten entzwei
reißt und der Heilige der Heiligen in Erscheinung tritt. In Jesus, dem
Gekreuzigten, vollzieht sich die höchste Offenbarung Gottes, die in dieser Welt
möglich ist, da Gott die Liebe ist, und Jesu Tod am Kreuz der größte Akt der
Liebe der ganzen Geschichte ist. Daher ist auf dem Kardinalsring, den ich in
Kürze den Mitgliedern des Kardinalskollegiums überreichen werde, die Kreuzigung
dargestellt. Dies wird für euch, liebe neue Kardinäle und Brüder, immer eine
Einladung sein, euch daran zu erinnern, welchem König ihr dient, auf welchen
Thron er erhoben worden ist und wie er bis zum Ende treu war, um die Sünde und
den Tod mit der Kraft der göttlichen Barmherzigkeit zu besiegen. Die Mutter
Kirche, Braut Christi, schenkt euch dieses Zeichen zum Gedenken an ihren
Bräutigam, der sie geliebt und sich für sie hingegeben hat (vgl. Eph
5,25). Wenn ihr also den Kardinalsring tragt, seid ihr ständig dazu aufgerufen,
das Leben für die Kirche hinzugeben.
Wenn wir nun den Blick auf die Szene der Salbung
Davids zum König richten, die uns in der ersten Lesung vorgestellt wird,
beeindruckt uns ein wichtiger Aspekt des Königtums, das heißt seine
»korporative« Dimension. Die Ältesten Israels gehen nach Hebron, sie schließen
einen Vertrag mit David und erklären, daß sie sich mit ihm vereint fühlen und
zusammen mit ihm eins sein wollen. Wenn wir dieses Bild auf Christus beziehen,
so scheint es mir, daß sich dieses Bundesversprechen sehr gut dazu eignet, daß
ihr, liebe Brüder Kardinäle, es euch zu eigen macht. Auch ihr, die ihr den
»Senat« der Kirche bildet, könnt zu Jesus sagen: »Wir sind doch dein Fleisch
und Bein« (2 Sam 5,1). Dir gehören wir, und mit dir wollen wir eins
sein. Du bist der Hirt des Volkes Gottes, du bist das Haupt der Kirche (vgl. 2 Sam
5,2). In dieser festlichen Eucharistiefeier wollen wir unseren Bund, unsere
Freundschaft mit dir erneuern, denn nur in dieser innigen und tiefen Beziehung
mit dir, Jesus, unserem König und Herrn, erhalten die Würde, die uns verliehen
worden ist, und die Verantwortung, die diese mit sich bringt, Sinn und Wert.
Nun bleibt der dritte Teil des »Triptychons« zu
bewundern, vor das uns das Wort Gottes stellt: der Christushymnus aus dem Brief
an die Kolosser. Vor allem wollen wir uns das Gefühl der Freude und der
Dankbarkeit zu eigen machen, dem er aufgrund der Tatsache entspringt, daß das
Reich Christi, das »Los der Heiligen, die im Licht sind«, nicht etwas ist, das
nur aus der Ferne gesehen wird, sondern daß es eine Wirklichkeit ist: wir sind
berufen, an ihr Anteil zu haben, und durch das Erlösungswerk des Sohnes Gottes
sind wir in sie »hineinversetzt« (vgl. Kol 1,12–14). Dieses Gnadenwirken
öffnet die Seele des hl. Paulus für die Betrachtung Christi und seines Geheimnisses
in seinen beiden hauptsächlichen Dimensionen: die Schöpfung aller Dinge und
ihre Versöhnung. In bezug auf den ersten Punkt besteht die Herrschaft Christi
darin, daß »alles […] durch ihn und auf ihn hin geschaffen [ist]… und in ihm
[…] alles Bestand [hat] (Kol, 1,16–17). Die zweite Dimension hat als
ihren Mittelpunkt das Ostergeheimnis: durch den Tod des Sohnes am Kreuz hat
Gott jedes Geschöpf mit sich versöhnt, er hat Frieden geschaffen zwischen
Himmel und Erde; indem er ihn von den Toten auferweckt hat, hat er ihn zum
Erstgeborenen der neuen Schöpfung gemacht, »Fülle« aller Wirklichkeit und
»Haupt« des mystischen »Leibes«, der die Kirche ist (vgl. Kol 1,18–20).
Erneut stehen wir vor dem Kreuz, dem zentralen Ereignis des Geheimnisses
Christi. In der Sicht des Paulus ist das Kreuz in die gesamte Heilsökonomie
eingefügt, wo sich das Königtum Jesu in seiner ganzen kosmischen Weite
entfaltet.
Dieser Text des Apostels drückt eine so mächtige
Synthese der Wahrheit und des Glaubens aus, daß wir von ihr nicht unbeeindruckt
bleiben können. Die Kirche ist Bewahrerin des Geheimnisses Christi: sie ist es
in aller Demut und ohne jeglichen Stolz oder Arroganz, denn es handelt sich um
das höchste Geschenk, das sie ohne jedes Verdienst empfangen hat; und sie ist berufen,
es umsonst der Menschheit aller Zeiten als Horizont des Sinnes und des Heils
anzubieten. Es ist keine Philosophie, keine Gnosis, obwohl es auch die Weisheit
und die Erkenntnis einschließt. Es ist das Mysterium Christi, es ist Christus
selbst, der Fleisch gewordene, gestorbene und auferstandene »Logos«,
eingesetzt als König des Universums. Wie sollte man da nicht ein Gefühl
dankerfüllter Begeisterung dafür verspüren, daß man zur Betrachtung der
Herrlichkeit dieser Offenbarung zugelassen worden ist? Wie sollte man nicht
gleichzeitig die Freude und die Verantwortung spüren, diesem König zu dienen,
seine Herrschaft durch Leben und Wort zu bezeugen? Das ist in besonderer Weise
unsere Aufgabe, liebe Brüder Kardinäle: der Welt die Wahrheit Christi, Hoffnung
für jeden Menschen und für die ganze Menschheitsfamilie, zu verkünden. In der
Linie des II. Ökumenischen Vatikanischen Konzils waren meine verehrten
Vorgänger, die Diener Gottes Paul VI., Johannes Paul I. und Johannes Paul II.,
wahre Boten des Königtums Christi in der heutigen Welt. Und es ist für mich ein
Grund des Trostes, immer auf euch zählen zu können, sei es in kollegialer Form,
sei es als einzelne, damit auch ich diese grundlegende Aufgabe des Petrusamtes
erfülle.
In engem Zusammenhang mit dieser Sendung steht ein
Aspekt, den ich zum Schluß ansprechen und eurem Gebet anempfehlen will: der
Friede zwischen allen Jüngern Christi als Zeichen des Friedens, zu dessen
Errichtung Jesus in die Welt gekommen ist. Wir haben im Christushymnus die
großartige Nachricht gehört: Gott hat es gefallen, durch das Kreuz Christi das
All zu »versöhnen« (vgl. Kol 1,20)! Die Kirche ist also jener Teil der
Menschheit, in dem das Königtum Christi schon offenbar ist, das als sein
privilegiertes sichtbares Zeichen den Frieden hat. Sie ist das neue Jerusalem,
noch unvollkommen, denn sie pilgert in der Geschichte, sie ist jedoch in der
Lage, in gewisser Weise das himmlische Jerusalem vorwegzunehmen. Hier können
wir uns schließlich auf den Antwortpsalm, den Psalm 122, beziehen: er gehört zu
den sogenannten »Aufstiegspsalmen« und ist ein Freudenhymnus der Pilger, die
sich, angekommen vor den Toren der heiligen Stadt, mit dem Friedensgruß an sie
wenden: Shalom! Nach einer verbreiteten Etymologie wurde Jerusalem
interpretiert als »Stadt des Friedens«, jenes Friedens, den der Messias, der
Sohn Davids, in der Fülle der Zeiten errichten sollte. In Jerusalem erkennen
wir das Bild der Kirche, das Sakrament Christi und seines Reiches.
(aus der Predigt zur Ernennung der Kardinäle, Benedikt XVI., 25.11.2007)