Montag, 25. März 2019

Der für immer bleibende König erscheint

Verkündigung durch den Engel, Ely Cathedral

Die Struktur des Stammbaums (nach Matthäus) und der von ihm erzählten Geschichte, ist freilich ganz von der Gestalt Davids bestimmt, des Königs, dem die Verheißung eines ewigen Reiches gegeben worden war: "Dein Thron soll auf ewig Bestand haben" (2 Sam 7,16).

Der Stammbaum, den Matthäus vorlegt, ist von dieser Verheißung geprägt. Er ist aufgebaut in dreimal 14 Generationen, zuerst aufsteigend von Abraham bis zu David, dann absteigend von Salomon bis zur Babylonischen Gefangenschaft und dann wieder aufsteigend bis zu Jesus hin, in dem die Verheißung ans Ziel kommt. Der für immer bleibende König erscheint - freilich ganz anders, als man vom Modell David her hätte denken können.

Diese Gliederung wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass die hebräischen Buchstaben des Namens David den Zahlenwert 14 ergeben und dass so auch von der Symbolik der Zahlen her David, sein Name und seine Verheißung den Weg von Abraham bis zu Jesus hin prägen. Man könnte von da aus sagen, der Stammbaum sei mit seinen dreimal 14 Generationen ein wahres Christkönigs-Evangelium: die ganze Geschichte schaut auf DEN hin, dessen Thron auf ewig Bestand haben soll.
(Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Prolog, 17)


Abstammung Jesu aus dem Hause David, beginnend mit Isai/Jesse,
dem Vater Davids, dann David und Salomon

Die orthodoxe Verkündigungskirche in Nazareth

Wie wird dies geschehen?

da ich keinen Mann erkenne? (Lukas 1,34)

Was nun das Zeugnis für die Jungfräulichkeit Marias im Lukasevangelium angeht, so ist es Maria selbst, die in der für das Marienbild des Neuen Testamentes in vieler Hinsicht bedeutsamen Verkündigungsszene ihre Jungfräulichkeit behauptet, wie das in der Frage geschieht: "Wie wird dies geschehen, da ich keinen Mann erkenne?" (Lk 1,34)

Dieses erste biblische Marienwort, das dem genauen geschichtlichen und psychologischen Verständnis manche Schwierigkeit bereitet, läßt doch soviel deutlich werden, daß die mit Joseph Verlobte noch nicht heimgeführt ist und sich deshalb eine baldige Erfüllung des göttlichen Willens nicht vorstellen kann. So verstanden, spräche Maria hier nur von ihrem gegenwärtigen jungfräulichen Stand.
Aber im Zusammenhang mit der Erklärung des Engels über die wunderbare Empfängnis betrachtet, die aus Heiligem Geist geschehen und im "Überschatten" durch die Kraft des Höchsten erfolgen wird, geschieht hier doch eine Bekundung der jungfräulichen Empfängnis des Gottessohnes aus dem Munde Marias selbst, die damit zugleich diese ihre Berufung bejaht und annimmt.

In diesem Sinn bezieht auch der Evangelist das Wort Marias in seine Darstellung ein, der es schließlich um nichts anderes geht als um die schon von Matthäus festgestellte jungfräuliche Empfängnis zu einem Zeitpunkt, "als Maria mit Joseph verlobt war, bevor sie zusammenkamen." (Mt 1,18).
Man hat freilich (nicht ohne Berechtigung) immer wieder gefragt, ob in diesem Marienwort nicht mehr enthalten sei als nur das Bekenntnis zur jungfräulichen Empfängnis des Messias und ob darin nicht auch ein Vorsatz zur Jungfräulichkeit oder gar ein Gelübde von seiten Marias eingeschlossen sei. Aus dem Wortlaut des Textes läßt sich diese Annahme freilich nicht zwingend ableiten.

Man führt gegen sie auch ins Feld, daß ein Jungfräulichkeitsvorhaben nicht zum Ehewillen Marias wie zu den geltenden jüdischen Vorstellungen über Ehe und Familie gepaßt hätte. Aber man sollte bei dieser Frage bedenken, daß die Nichtannahme eines förmlichen Vorhabens oder Gelübdes die Größe und Bedeutung der von diesem Zeitpunkt an von Maria gewählten Jungfräulichkeit nicht schmälern würde.
Auch so bliebe sie die erste Repräsentantin einer um Christi wilen gewählten neuen Lebensform, die erst in der neuen Heilszeit in ihren vollen Bedeutung aufging (Guardini).
Das alles wäre zu bedenken und zu erwägen, ohne daß man die andere Annahme als völlig willkürlich bezeichnen dürfte, die etwa sagt: "Es ist keine Willkür, bei einer Auserwählten wie dieser auch eine innere Sonderführung anzunehmen" (Köster).
(Leo Kardinal Scheffczyk, Maria, Mutter und Gefährtin Christi, 34f)


Verkündigung an Maria, Mosaik aus dem 6. Jh., Euphrasius-Basilika, Porec

Sonntag, 24. März 2019

Vater und Sohn



Mose und der brennende Dornbusch

Mose und der brennende Dornbusch, Raphael, Vatikanische Museen


Lesung aus dem Buch Exodus Ex 3, 1-8a.13-15
1In jenen Tagen weidete Mose die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb.
2Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlug. Er schaute hin: Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht.
3Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht?
4Als der Herr sah, dass Mose näher kam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.
5Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.
6Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
7Der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid.
8aIch bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen.
13Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf sagen?
14Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der „Ich-bin-da“. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der „Ich-bin-da“ hat mich zu euch gesandt.
15Weiter sprach Gott zu Mose: So sag zu den Israeliten: Jahwe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer, und so wird man mich nennen in allen Generationen.

(1. Lesung vom 3. Fastensonntag, Lesejahr C)




Vertreibung des Heliodor, darüber Mose und der brennende Dornbusch, Vatikanische Museen, Rom

Liebe Brüder und Schwestern, die wichtige Zeit der Fastenzeit lädt einen jeden von uns ein, das Geheimnis Gottes zu erkennen, das in unserem Leben gegenwärtig wird, wie wir in der ersten Lesung gehört haben.
Mose sieht in der Wüste einen Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt. In einem ersten Moment kommt er von Neugier gedrängt näher, um sich dieses geheimnisvolle Geschehen anzusehen, als plötzlich aus dem Dornbusch eine Stimme seinen Namen ruft und fortfährt: »Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs« (Ex 3,6). Und gerade dieser Gott ist es, der ihn mit dem Auftrag nach Ägypten zurückschickt, das Volk Israel in das verheißene Land zu führen und den Pharao in seinem Namen um die Befreiung Israels zu bitten.
Daraufhin fragt Mose Gott nach seinem Namen, nach dem Namen, mit dem Gott seine besondere Hoheit zeigt, so daß er sich dem Volk und dann dem Pharao vorstellen kann. Die Antwort Gottes mag merkwürdig anmuten; sie scheint eine Antwort und gleichzeitig keine Antwort zu sein. Er sagt von sich einfach: »Ich bin der ›Ich-bin-da‹«. »Er ist«, und das muß genügen. 

Gott hat also die Bitte des Mose nicht abgeschlagen, er offenbart seinen Namen und schafft auf diese Weise die Möglichkeit der Anrufung, des Rufes, der Beziehung. Indem er seinen Namen offenbart, stiftet Gott eine Beziehung zwischen sich und uns. Er kann angerufen werden, er tritt in eine Beziehung mit uns und gibt uns die Möglichkeit, in einer Beziehung mit ihm zu stehen. Das bedeutet, daß er sich in gewisser Weise unserer menschlichen Welt überläßt und so zugänglich wird, gleichsam einer von uns. Er nimmt die Gefahr der Beziehung auf sich, des Mit-uns-Seins.

Das, was seinen Anfang beim brennenden Dornbusch in der Wüste genommen hatte, erfüllt sich im brennenden Dornbusch des Kreuzes, wo Gott, der in seinem menschgewordenen Sohn zugänglich, wirklich einer von uns geworden ist, unseren Händen überlassen wird und auf diese Weise die Befreiung der Menschheit verwirklicht. Gott, der sich in der Nacht der Flucht aus Ägypten als der Befreier von der Knechtschaft offenbart hat, offenbart sich auf Golgota als der, der jeden Menschen mit der heilbringenden Kraft des Kreuzes und der Auferstehung umarmt und ihn von Sünde und Tod befreit, ihn in der Umarmung seiner Liebe annimmt. 

(Papst Benedikt XVI., 7. März 2010)

Samstag, 23. März 2019

Der Sohn verliert sich (Lukas 15)

Vater, gib mir das Erbe, das mir zusteht, Ely Cathedral


+ Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas           15,1-3.11-32
In jener Zeit
1kamen alle Zöllner und Sünder  zu Jesus, um ihn zu hören.
2Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen.
3Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte:
11Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne.
12Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf.
13Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.
14Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht.
15Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.
16Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.
17Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um.
18Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.
19Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.
20Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
21Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.
22Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an.
23Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.
24Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wieder gefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.
25Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz.
26Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle.
27Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat.
28Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.
29Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.
30Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.
31Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.
32Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wieder gefunden worden.

Lesung vom Samstag der 2. Woche in der Fastenzeit



Dort führte er ein zügelloses Leben



Johannes Paul II. über das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Teil I)
aus der Enzyklika über das göttliche Erbarmen (Dives in misericordia)

Der Vergleich
Schon an der Schwelle zum Neuen Testament wird im Evangelium des heiligen Lukas eine einzigartige Entsprechung zwischen zwei Beschreibungen des göttlichen Erbarmens hörbar, in der die gesamte Tradition des Alten Testamentes machtvoll widerhallt. Hier finden die semantischen Inhalte der differenzierten Terminologie der alttestamentlichen Bücher ihren Niederschlag. Wir sehen Maria, die das Haus des Zacharias betritt und aus ganzer Seele den Herrn preist für »sein Erbarmen von Geschlecht zu Geschlecht über denen, die ihn fürchten«. Gleich darauf erwähnt sie Gottes Huld für Israel und rühmt die Erwählung Israels, »das Erbarmen«, an das er, sein Erwähler, eh und je »denkt«.60 Später, im selben Haus, lobpreist bei der Geburt Johannes' des Täufers dessen Vater Zacharias den Gott Israels und verherrlicht sein »Erbarmen mit unseren Vätern«, und daß er »seines heiligen Bundes gedachte«.61

In der Lehre Christi wird das vom Alten Testament übernommene Bild vereinfacht und zugleich vertieft. Das zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der Parabel vom verlorenen Sohn,62 wo das Wesen des göttlichen Erbarmens besonders deutlich aufleuchtet (wenn auch das Wort »Erbarmen« im Urtext nicht vorkommt). Dazu trägt nicht so sehr, wie in den alttestamentlichen Büchern, die Terminologie bei, sondern vielmehr die Analogie, der Vergleich, der es möglich macht, das Geheimnis des Erbarmens vollständiger zu erfassen, das sich wie ein tiefes Drama zwischen der Liebe des Vaters und der Verlorenheit und Sünde des Sohnes ereignet.

Dieser Sohn, der vom Vater das ihm zustehende Erbteil erhält und von zuhause weggeht, um es in einem fernen Land mit seinem »zügellosen Leben« zu verschleudern, ist in gewisser Hinsicht der Mensch aller Zeiten, angefangen von dem, der als erster das Erbteil der Gnade und der Gerechtigkeit des Urstandes verlor. Die Analogie ist hier sehr weitgespannt. Die Parabel bezieht sich indirekt auf jeden Bruch des Liebesbundes, auf jeden Verlust der Gnade, auf jede Sünde. In dieser Analogie wird weniger die Untreue des Volkes Israel hervorgehoben, als dies in der Tradition der Propheten der Fall war, obwohl auch sie mitgemeint sein kann. Als dieser Sohn »alles durchgebracht hatte, ging es ihm sehr schlecht«, um so mehr als »in dem Land«, in das er sich nach Verlassen des väterlichen Hauses begeben hatte, »eine große Hungersnot ausgebrochen war«. In dieser Lage »hätte er gerne seinen Hunger gestillt«, ganz gleich womit, sogar »mit den Futterschoten, die die Schweine fraßen«, welche er für »einen Bürger des Landes« auf dem Feld hütete. Aber selbst das wurde ihm verweigert.

Die Analogie verlagert sich eindeutig auf das Innere des Menschen. Das Vermögen, welches der Sohn vom Vater empfangen hatte, war eine Quelle materieller Güter; aber wichtiger als diese Güter war seine Würde als Sohn im Haus des Vaters. Die Lage, in der er sich nach dem Verlust der materiellen Güter vorfand, mußte ihm den Verlust dieser Würde zum Bewußtsein bringen. Früher, als er vom Vater sein Erbteil verlangte, um fortzugehen, hatte er daran nicht gedacht. Anscheinend denkt er auch jetzt noch nicht daran, wenn er zu sich selbst sagt: »Wieviele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um«. Er mißt sich mit dem Maß der Güter, die er verloren hat, die er nicht mehr »besitzt«, während die Tagelöhner im Haus seines Vaters sie »besitzen«. Aus seinen Worten spricht vor allem seine Ausrichtung auf die materiellen Güter. Nichtsdestoweniger verbirgt sich unter ihrer Oberfläche das Drama der verlorenen Würde, das Wissen um die leichtsinnig zerstörte Sohnschaft.

So faßt er denn den Entschluß: »Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner«.63 Diese Worte rücken das Kernproblem vollends ins Licht. Der materielle Engpaß, in den der verlorene Sohn durch seine Leichtfertigkeit und seine Sünde geraten war, hatte in ihm den Sinn für seine - jetzt verlorene - Würde zum Reifen gebracht. Sein Entschluß, in das väterliche Haus zurückzukehren und den Vater um Aufnahme zu bitten - nicht aufgrund der Rechte eines Sohnes, sondern als Tagelöhner - , scheint äußerlich durch den Hunger und das Elend veranlaßt, in die er gefallen war; diesen Beweggrund durchdringt jedoch das Wissen um einen viel tieferen Verlust: ein Tagelöhner im Haus des eigenen Vaters zu sein, ist sicher eine große Demütigung und Schande. Dennoch ist der verlorene Sohn bereit, diese Demütigung und Schande auf sich zu nehmen. Er ist sich klar darüber, daß er kein anderes Recht mehr hat als das, im Haus des Vaters Tagelöhner zu sein. Er faßt seinen Entschluß im vollen Bewußtsein dessen, was er verdient hat und worauf er nach den Normen der Gerechtigkeit noch Anspruch erheben kann. Gerade diese Überlegung beweist, daß in der Tiefe des Gewissens des verlorenen Sohnes der Sinn für die verlorene Würde auftaucht, für jene Würde, die dem Verhältnis des Sohnes zum Vater entspringt. Mit diesem Entschluß macht er sich auf den Weg.

In der Parabel vom verlorenen Sohn wird kein einziges Mal das Wort »Gerechtigkeit« verwendet; gleiches gilt - im Urtext - für das Wort »Erbarmen«. Aber das Verhältnis der Gerechtigkeit zur Liebe, die sich als Erbarmen kundtut, ist dem Inhalt der evangelischen Parabel in großer Genauigkeit eingeschrieben. Sie macht deutlich, daß die Liebe zum Erbarmen wird, wenn es gilt, die - genaue und oft zu enge - Norm der Gerechtigkeit zu überschreiten. Nachdem der verlorene Sohn das vom Vater erhaltene Vermögen aufgebraucht hat und ins väterliche Haus zurückgekehrt ist, kann er nur beanspruchen, sich seinen Lebensunterhalt als Tagelöhner verdienen zu dürfen und eventuell nach und nach zu einem gewissen materiellen Besitz zu kommen, der in seiner Größe aber vielleicht nie mehr an den heranreichen wird, den er verschleudert hat. Mehr kann er nicht beanspruchen in der Ordnung der Gerechtigkeit, umso weniger, als er nicht nur den ihm zustehenden Vermögensanteil vergeudet, sondern durch sein ganzes Verhalten auch den Vater verletzt und beleidigt hat. Dieses Verhalten, das ihn nach seinem eigenen Urteil die Würde eines Sohnes gekostet hat, konnte ja dem Vater nicht gleichgültig sein; es mußte ihm Schmerz bereiten und ihn in gewisser Hinsicht auch mit hineinziehen. Und doch, letzten Endes ging es um den eigenen Sohn, und diese Beziehung konnte durch keinerlei Verhalten gestört oder getroffen werden. Der verlorene Sohn ist sich dessen bewußt, und gerade dieses Wissen läßt ihn den Verlust seiner Würde klar erkennen und den Platz richtig einschätzen, der ihm im Haus des Vaters noch zustehen konnte.


und verschleuderte sein Vermögen

und zwar sein ganzes Vermögen
 
Gleichnis vom verlorenen Sohn und vom barmherzigen Vater, Ely Cathedral
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