Gestern
haben wir die zeitliche Geburt unseres ewigen Königs gefeiert, heute
feiern wir das siegreiche Leiden seines Kämpfers. Gestern ging unser
König, gehüllt in den Mantel des Fleisches, aus dem Schoß der Jungfrau
hervor und besuchte in Gnaden die Welt, heute verließ der Streiter das
Zelt des Leibes und zog als Sieger ein in den Himmel. Obwohl
er der höchste König ist, kam Christus für uns in Niedrigkeit. Er
konnte nicht mit leeren Händen kommen und brachte seinen Streitern ein
großes Geschenk mit. Damit machte er sie reich und stärkte sie zu
siegreichem Kampf. Er brachte das Geschenk der Liebe mit, um die
Menschen zur Teilnahme an der göttlichen Natur zu führen. Die Liebe, die
Christus den Herrn vom Himmel auf die Erde geführt hat, hob den
Stephanus von der Erde zum Himmel empor. Die Liebe, die zuerst im König
erschien, leuchtete danach auf in seinem Streiter. Um
den Kranz zu gewinnen, von dem er den Namen trug, nahm Stephanus die
Liebe als Waffe und siegte durch sie überall. Aus Liebe zu Gott wich er
nicht vor den wütenden Juden, aus Liebe zum Nächsten betete er für sie,
als sie ihn steinigten. Aus Liebe stritt er mit den Irrenden, um sie zur
Wahrheit zu führen, aus Liebe betete er für die, welche ihn steinigten,
damit sie der Strafe entgingen. In der Kraft der Liebe besiegte er den
grausam wütenden Saulus, und der ihn auf Erden verfolgte, durfte im
Himmel sein Freund werden. Siehe, nun freut
sich Paulus mit Stephanus, genießt mit ihm die Herrlichkeit Christi,
jubelt und herrscht mit ihm. Getötet durch die Steine des Paulus,
schritt Stephanus (zum Himmel) voraus: Paulus folgte, sein Helfer war
das Gebet des Stephanus.
Altarbild Stephanus empfängt die Märtyrerkrone, rechts klein: Steinigung des Stephanus
FEST DES
HL. STEPHANUS - PROTOMÄRTYRER
BENEDIKT
XVI., ANGELUS
Petersplatz, Mittwoch, 26. Dezember 2007
Liebe Brüder und Schwestern!
Am Tag nach Weihnachten läßt uns die Liturgie die »Geburt zum Himmel« des
ersten Märtyrers, des hl. Stephanus, feiern. »Erfüllt vom Glauben und vom
Heiligen Geist« (Apg 6,5), wurde er zusammen mit sechs weiteren Jüngern
aus dem griechischen Kulturraum zum Diakon der Gemeinde von Jerusalem gewählt.
Mit der Kraft, die ihm von Gott zuteil wurde, wirkte Stephanus zahlreiche
Wunder und verkündete in den Synagogen das Evangelium »mit Weisheit und Geist«.
Er wurde vor den Toren der Stadt gesteinigt und starb, wobei er wie Jesus um
Vergebung für seine Mörder bat (vgl. Apg 7,59–60). Das tiefe Band, das
Christus mit seinem ersten Märtyrer Stephanus vereint, ist die göttliche Liebe:
Dieselbe Liebe, die den Sohn Gottes dazu bewegte, sich zu erniedrigen und bis
zum Tod am Kreuz gehorsam zu sein (vgl. Phil 2,6–8), bewegte dann die
Apostel und Märtyrer dazu, das Leben für das Evangelium hinzugeben.
Dieses unterscheidende Merkmal des christlichen Martyriums muß stets
hervorgehoben werden: Es ist ausschließlich ein Akt der Liebe zu Gott und zu
den Menschen, eingeschlossen die Verfolger. Deshalb bitten wir heute in der
heiligen Messe den Herrn, daß er uns lehre, »daß auch wir unsere Feinde lieben
und so das Beispiel des heiligen Stephanus nachahmen, der sterbend für seine
Verfolger gebetet hat« (Tagesgebet). Wie viele Söhne und Töchter der Kirche
sind im Lauf der Jahrhunderte diesem Beispiel gefolgt! Von der ersten
Verfolgung in Jerusalem bis hin zu jenen der römischen Kaiser und zu den
Scharen von Märtyrern unserer Tage. Denn nicht selten erreichen uns aus
verschiedenen Teilen der Welt Nachrichten von Missionaren, Priestern,
Bischöfen, Ordensmännern, Ordensfrauen und gläubigen Laien, die verfolgt,
gefangengenommen, gefoltert, ihrer Freiheit beraubt oder an deren Ausübung
gehindert werden, da sie Jünger Christi und Apostel des Evangeliums sind;
einige leiden und sterben auch aufgrund ihrer Gemeinschaft mit der
Universalkirche und ihrer Treue zum Papst. In der Enzyklika Spe
salvi (vgl. Nr. 37) erinnere ich an die Erfahrung des vietnamesischen
Märtyrers Paul Le-Bao-Thin († 1857) und weise darauf hin, daß das Leid in
Freude verwandelt wird durch die Kraft der Hoffnung, die aus dem Glauben kommt.
Der christliche Märtyrer – wie Christus und durch die Einheit mit ihm – »nimmt
[den Tod] von innen her an und verwandelt ihn in eine Tat der Liebe. Was von
außen her brutale Gewalt ist […], wird von innen her ein Akt der Liebe, die
sich selber schenkt, ganz und gar. […] Gewalt wird in Liebe umgewandelt und so
Tod in Leben« (Predigt
auf dem Marienfeld, Köln, 21. August 2005; in O.R. dt., Nr. 34,
26.8.2005, S.15f.). Der christliche Märtyrer setzt den Sieg der Liebe über Haß
und Tod in die Tat um.
Beten wir für alle, die aufgrund der Treue zu Christus und seiner Kirche
leiden. Die allerseligste Jungfrau Maria, Königin der Märtyrer, helfe uns,
glaubhafte Zeugen des Evangeliums zu sein und den Feinden mit der entwaffnenden
Kraft der Wahrheit und der Liebe zu antworten.
Hochaltar v. Caspar Leusering, 1647, Türblätter Verkündigung des Herrn, Konsolenfiguren Petrus und Paulus, Auszugsbild Laurentius