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Freitag, 28. Juni 2019

Hirten nach dem Herzen Jesu




Liebe Weihekandidaten!
Liebe Brüder und Schwestern!

Nur eines erwartet Jesus von Euch! Nur eines ist wirklich wichtig für die Kirche, für die Gemeinden, in denen ihr Dienst tun werdet, nur eines ist letztlich bedeutsam für eine Sendung zu den Menschen: dass ihr Hirten nach dem Herzen Jesu seid.

Das Presbyterium unserer Erzdiözese ist bunt. Da gibt es Diözesanpriester und Ordenspriester, im Verhältnis von etwa 55 zu 45 Prozent, und es gibt hier an die 60 verschiedenen männlichen Ordensgemeinschaften, etwa ebenso viele weibliche. Welch große Vielfalt an Charismen! Und nicht wenige gemeinsame Sorgen. Was wäre unsere Diözese ohne diesen großen bunten Garten an geistlichen Gemeinschaften! Dazu kommen die neuen geistlichen Bewegungen mit ihren geistlichen Früchten. Eine ist der neokatechumenale Weg, dem einer unserer Kandidaten seine Priesterberufung verdankt. Das Presbyterium ist auch bunt bezüglich der Herkunftsländer. Schon fast ein Drittel der Diözesan- und Ordenspriester kommen aus anderen Ländern, Sprachen und Kulturen. Aber auch eine weitere Buntheit zeigt sich bei uns: es gibt ehelose und verheiratete Priester. Die Priester des lateinischen Ritus sind ehelos, die der östlichen Riten sind zum Teil verheiratet. Unter den heutigen Weihekandidaten ist einer, der evangelischer Pfarrer war und der, wie das in den letzten Jahrzehnten immer wieder geschehen ist, vom Heiligen Vater die Zulassung zur Priesterweihe erhielt, wohl auch ein Zeichen dafür, dass sein langjähriges evangelisches Pfarramt von der Katholischen Kirche als geistliches Amt eine gewisse Anerkennung erfährt.

Ja, bunt ist auch die Gruppe unserer sieben Weihekandidaten: Österreich, Polen, Brasilien, unterschiedlichste Wege hin zum gemeinsamen Ziel.

Ist diese Vielfalt nicht auch verwirrend? Wohin führt der Weg unserer Kirche? Wird die Vielfalt noch größer? Dazu zwei Worte der Orientierung:

1.) Ja, die Vielfalt wird größer. Wir leben und erleben Weltkirche im Kleinen: die anderssprachigen Gemeinden sind in unserer Erzdiözese ein wachsender Anteil. Sie sind Teil der Kirche von Wien. Sie sind zum Teil die Zukunft der Kirche bei uns. Sie bringen uns viel. Sie empfangen auch manches von uns. Wir gehören zusammen und wollen mehr zusammenwachsen.

2.) Die Kirche kann nicht leben ohne Priester. Wir wollen Priester! Wir suchen sie und hoffen auf sie. Auch aus unseren Gemeinden. Auch aus unseren Familien. Ich hoffe auf Seminaristen auch aus unseren anderssprachigen Gemeinden.

Das allerwichtigste aber ist etwas anderes. Nicht In- oder Ausländer, Diözesan- oder Ordenspriester ist das Entscheidende. Auch nicht ob jung oder alt, Früh- oder Spätberufener. Nur eines ist wichtig: Dass er ein Hirte nach dem Herzen Jesu ist. Wenn er ein Hirte ist wie Jesus ihn sich wünscht, wird er die Sprache der Herzen finden, auch wenn sein Deutsch noch unvollkommen ist. Wenn er mit dem Herzen Jesu die Menschen sieht, wird er die Wege zu ihnen finden, auch wenn er aus einem anderen Kulturkreis kommt. Kulturen sind keine geschlossenen Welten. Sie sind zueinander offen. Vor allem aber: die Kultur, um die es geht, ist nicht ein vorgegebenes "Model", in das die "Fremden" hineingepresst werden müssen. Der Glaube schafft Kultur. Hirten nach dem Herzen Jesu bauen mit den Gläubigen eine andere Kultur, eine Kultur eines anderen Menschen- und Gemeinschaftsbildes. Immer deutlicher wird es: Christliche Gemeinschaften "kopieren" nicht eine bestehende Kultur, sondern "generieren" Kultur aus der Kraft des Glaubens.

Hirten nach dem Herzen Jesu werden aber auch auf die Herzenstöne der Kultur unseres Landes achten und sie aufgreifen.

Ja, Hirten nach den Herzen Jesu: das ist die wirkliche Herausforderung an uns Priester und auch an Euch, liebe Gläubige. Diese Hirten wachsen aus dem Glaubenszeugnis ihrer Familien, aus dem Vorbild anderer Priester, aus den Erfahrungen mit den Menschen und vor allem aus dem immer tieferen Hinhören auf den guten Hirten. "Auf Christus schauen" - das ist das Motto des Papstbesuches. Auf Christus schauen - das ist der Weg zu einer erfüllten, gelebten Hirtenschaft nach dem Herzen Jesu.

Gerne würde ich mit Euch, liebe Weihekandidaten, jetzt ausführlicher über den Hirtendienst nach Jesu Herz betrachten. Aber die große Hitze heute mahnt mich zur Barmherzigkeit. So will ich Euch eine "Hausaufgabe" mitgeben: das so starke und klare Kapitel von "Josef Ratzinger - Benedikt XVI., Jesus von Nazareth" über den Hirten zu lesen (317-331).

Auch ein Bischof darf für seine Predigt beim Papst Anleihen machen, was ich nun auch tue, indem ich nur abschließend Euch drei Betrachtungspunkte mitgebe:

1. Jesu große Hirtenrede beginnt mit dem überraschenden Wort: "Amen, Amen: Ich sage Euch: ich bin die Tür zu den Schafen" (Joh. 10,7). Der Hl. Vater schließt daraus: "Ob jemand ein wirklicher Hirte ist, zeigt sich darin, dass er durch Jesus als die Tür eintritt" (S. 321). Wer als Hirte der Herde Jesu vorangehen will, muss selber Jesus „nachfolgen" (Joh. 21,19).

2. Hirte und Herde müssen einander kennen: "… die Schafe folgen ihm, sie kennen seine Stimme" (Joh. 10,31). Die Herde ist nicht Eigentum des Hirten im Sinne Jesu. Je lebendiger die Gemeinschaft mit Christus, desto weniger "Klerikalismus" auf Seiten der Hirten, oder auch auf Seiten der Laien. Je deutlicher die Stimme des Hirten nicht seine, sondern die Christi ist, desto vertrauter klingt sie den Menschen.

3. Jesus ist Hirte und Lamm in eins: Sein Geheimnis ist, dass er nicht Leben nimmt, sondern gibt. Er hat uns geliebt, als wir noch Feinde waren, sagt Paulus heute. Es gibt kein Hirtenamt ohne das Kreuz Jesu und unsere Kreuzesnachfolge Jesu. Das ist wohl das schwerste am Hirtenamt nach dem Herzen Jesu. Es ist aber auch das Glaubwürdigste und das Stärkste, das Wirksamste! Nie ist Jesus mehr Hirte als am Kreuz, da er, von der Erde erhöht, alle an sich zieht. Fürchtet Euch deshalb nicht vor dem Kreuz in Eurem Hirtenleben. Es ist oft der Schlüssel zum pastoralen Erfolg. Es bildet in uns das Herz nach dem Herzen Jesu. Nichts braucht unsere Zeit so sehr als wirkliche Hirten nach den Herzen Jesu. Wir bitten jetzt den Hl. Geist, dass er Euch dazu präge. Amen.

(Predigt von Kardinal Schönborn zur Preisterweihe 2007)


Dreifaltigkeit mit Herz-Jesu und Herz-Mariä Darstellungen, Kathedrale von Malaga

Freitag, 21. April 2017

Anselm von Canterbury - warum so und nicht anders?



Anselm von Canterbury, Bischof und Kirchenlehrer. Anselm wurde um 1033 zu Aosta in Piemont aus lombardischem Adel geboren, lebte seit 1060 als Mönch im Kloster Bec, das er seit 1078 als Abt leitete. Seine Bemühungen, die Mönche zu einem höheren geistigen Leben zu führen, waren weit über sein Kloster hinaus von Erfolg gekrönt.
1093 zum Erzbischof von Canterbury erhoben, erwies sich Anselm als unentwegter Verteidiger der Freiheit der Kirche gegenüber dem englischen Königtum. Anselm war ein glühender Verfechter der gregorianischen Reform und lehnte Laieninvestitur und Lehenseid der Bischöfe ab. Dafür musste Anselm zweimal in die Verbannung gehen. Erst der Kompromiss von Bec brachte 1106 eine Verständigung zwischen dem Erzbischof und dem englischen König.
Als philosophisch-theologischer Schriftsteller hatte Anselm großen Einfluss auf die mittelalterliche Gotteslehre. Anselm wird mit Recht „Vater der Scholastik“ genannt. In seiner berühmten Schrift „Cur Deus homo“ vertieft er die kirchliche Lehre von der unendlichen Genugtuung, die Christus durch seinen Sühnetod dem Vater darbringt. Anselm starb am 21. April 1109 und wurde in der Kathedrale von Canterbury beigesetzt.
(Martyrologium Sancrucense)



In seiner Schrift "Cur Deus homo" CDH (Warum Gott Mensch geworden ist) behandelt Anselm die Frage, warum Gott Mensch geworden ist, so daß er durch seinen Tod die Menschen rettete, da er es doch augenscheinlich auf andere Weise hätte tun können.

Kardinal Schönborn kommt, nachdem er die Frage Anselms ausführlich im Buch "Gott sandte seinen Sohn" behandelt hat, zu folgendem Ergebnis (252f):

"Sünde bedeutet für Anselm, Gott das Geschuldete nicht zu geben, das heißt, den eigenen freien Willen nicht auf Gott auszurichten. Die Wiederherstellung der durch die Sünde gestörten Ordnung ist aus Gottes Gerechtigkeit heraus gefordert, die die göttliche Ordnung des Ganzen garantiert. Diese Wiederherstellung muß der Mensch erbringen, kann es aber nicht wegen der Schwere der Sünde. Deshalb wurde Gott selber Mensch, um als Mensch den Menschen zu geben, was sie brauchen, aber nicht leisten können: Die Wiedergutmachung der Sünde. Diese hat der Gottmensch Christus geleistet, indem er freiwillig, aus seinem menschlichen Willen heraus sein Leben hingab für alle Menschen, an ihrer Statt, stellvertretend für alle. Eine solche Wiedergutmachung ist von der Gerechtigkeit Gottes her gefordert, damit seine Ordnung nicht für immer durch die Sünde  zerstört wird.

Am Schluß von Cur Deus homo kommt Anselm nochmals auf die Frage zurück, wie sich diese Gerechtigkeit zur Barmherzigkeit Gottes verhalte. Was zeitweise so aussah wie ein streng rechtliches Gerechtigkeitsdenken erweist sich als höchster Ausdruck der Barmherzigkeit.

"Die Barmherzigkeit Gottes aber, die dir verloren zu gehen schien, als wir die Gerechtigkeit Gottes und die Sünde des Menschen betrachteten, haben wir so groß und so übereinstimmend mit der Gerechtigkeit gefunden, daß sie größer und gerechter nicht gedacht werden kann. Denn was könnte barmherziger gedacht werden, als wenn Gott Vater zu dem Sünder, der zu ewigen Peinen verurteilt ist und nichts hat, wodurch er sich daraus befreien könnte, spricht: nimm meinen Erstgeborenen und gib ihn für dich; und der Sohn: nimm mich und erlöse dich?
So sprechen sie gleichsam, wenn sie uns zum christlichen Glauben rufen und ziehen. Was ist auch gerechter, als daß jener, dem ein Preis, der größer ist als jede Schuld, gegeben wird, jede Schuld erläßt, wenn er mit der gebührenden Liebe gegeben wird?" (CDH II, 20,152-153)

Hier zeigt sich anschaulich, wie sehr Anselms Satisfaktionslehre Gnadenlehre ist: Gottes Barmherzigkeit ist die Quelle seines Heilsratschlusses. Er gibt uns, womit wir uns wieder mit ihm versöhnen können. "Nimm mich und erlöse dich!" - beide Pole werden durchgehalten, Gottes Gnadeninitiative und das Spiel der menschlichen Freiheit. Großartig kommt dies zum Ausdruck im Schlußsatz, der eine Art Synthese des Ganzen darstellt. Alle Elemente sind hier nochmals zusammen-
gefaßt. Es ist gerecht, daß Gott alle Schuld erläßt, wenn ihm ein Preis gezahlt wird, der größer ist als alle Schuld, wenn dieser Preis mit der gebührenden Liebe gegeben wird.
Am Ende dieser Darlegung der Satisfaktionslehre kann gesagt werden: Wiedergutmachung im Sinne Anselms kann nur im Preis der Liebe bestehen, denn Sünde als Raub dessen, was Gott geschuldet ist, ist letztlich ein Bruch des Bundes, der nur durch die Wiederherstellung des Bundes geheilt werden kann. Anselms Soteriologie ist wirkliche Bundestheologie, die deshalb die Verantwortung der menschlichen Freiheit so hoch ansetzt, weil der Mensch als Bundespartner ernst genommen wird."

Anselm von Canterbury, Glasfenster von Harry Stammers
Kathedrale von Canterbury

Freitag, 23. September 2016

Eher könnte die Welt ohne Sonne bestehen, als ohne das hl. Meßopfer (P. Pio)

alte Kirche hl. Maria der Gnaden, im Chorgewölbe ein Rundbild mit einer
Darstellung der Heimsuchung, "Magnificat anima mea dominum" - Hochpreist
meine Seele den Herrn, links der Beichtstuhl hinter Glas, wo P. Pio über fünfzig
Jahre die Beichte der Frauen hörte, hier feierte er viele Jahre das hl. Meßopfer

Am Tag der Heiligsprechung von P. Pio, am 16. Juni 2002, hat Kardinal Christoph Schönborn in einer Katechese über die Berufung zur Heiligkeit gesprochen und P. Pio als Beispiel angeführt:


Heute ist ein ganz besonderer Tag. Es ist der Tag der Heiligsprechung von Padre Pio. Ich glaube, es fügt sich gut, dass das letzte Thema unserer Katechesen dieses Jahres das ist, was P. Pio so einzigartig darstellt: die Heiligkeit. "Gerecht gemacht durch Gott" - Berufung zur Heiligkeit. Beides: "Gerecht gemacht durch Gott" (vgl. Röm 8,30), die so genannte Frage der Rechtfertigung, und die Berufung zur Heiligkeit, wird in besonderer Weise durch P. Pio sichtbar gemacht. Ich darf deshalb mit besonderer Freude zuerst etwas über P. Pio sagen. - Nicht, dass Sie nicht besser Bescheid wüssten über ihn! - Ich schließe mich einfach den vielen Hunderttausenden an, die heute in Rom bei der Heiligsprechung von P. Pio durch Papst Johannes Paul II. dabei waren, oder den vielen Millionen, die es über das Fernsehen miterlebt haben. Es ist schon faszinierend, welche Popularität dieser nun heilig gesprochene Kapuzinerpater aus Pietrelcina, der den Großteil seines Lebens in dem kleinen Kapuzinerkloster in S. Giovanni Rotondo bei Foggia verbrachte, heute hat. Mehr Pilger gehen heute an das Grab des P. Pio als nach Lourdes, 7 Millionen schätzt man im Jahr. Überall in Italien, besonders in Italien aber auch weltweit, begegnet man einer großen Liebe zu P. Pio.

Ich hatte selber das Glück, P. Pio zu sehen, zu erleben bei einer Wallfahrt mit unserer Heimatpfarre im Jahr 1961. Ich war damals sechzehnjährig und eher kritisch allen diesen Phänomenen gegenüber, wie man halt mit sechzehn eher zurückhaltend ist, wenn es um so begeisterte süditalienische Frauen geht, die an der Tür der Kirche sich streiten, wer den ersten Platz haben kann und hinein stürmen in die Kirche unter Hintanstellung jeglicher Formen der Nächstenliebe, wenn man das sieht und dann die vielen Devotionalien, die rund um dieses Kloster damals schon zu finden waren, P. Pio mit Schnee und P. Pio auf dem Thermometer und P. Pio überall. Als wir dann aber in der Kirche waren sehr früh am Morgen und die Messe begonnen hat - ja, ich glaube ich kann sagen, ich habe nie in meinem Leben mehr so eine Messe erlebt, so zelebrieren gesehen wie P. Pio dieses eine Mal, wo ich dabei sein konnte. Das war wohl für zahllose Menschen der unvergessliche Eindruck dieses einfachen Kapuzinerpaters, wie er die hl. Messe gefeiert hat. Wenn man ihn gesehen hat, beim Offertorium, der Darbringung der Gaben, bei der Wandlung, bei der Kommunion, hatte man den unwiderstehlichen Eindruck: Das ist absolut wirklich, was da geschieht, das ist nicht ein äußerer Ritus, an dem jemand äußerlich teilnimmt, sondern das Geschehen. Was das Sakrament bezeichnet, das geschieht: das Opfer Christi, das er in den Stigmaten, den Wundmalen, an seinem eigenen Leib mit gelebt hat und das er in der Feier der Messe so deutlich sichtbar gemacht hat.
Beichten gehen konnte ich nicht bei ihm, denn man musste italienisch können, und das konnte ich damals nicht. Aber ich habe von vielen Berichte gehört, die bei ihm beichten waren, und auch da das Unvergleichliche seiner Aufmerksamkeit, seines Humors aber auch seiner unerbittlichen Strenge, wenn es um die Bekehrung ging, um die Reue, und seine grenzenlose Barmherzigkeit, wenn er auch nur eine Spur von Reue gespürt hat.
Die Stigmaten, die Wundmale, hat er fünfzig Jahre lang an seinem Leib getragen hat. Er ist zwei Tage nach dem fünfzigsten Jahrestag seiner Stigmatisierung gestorben, im Jahr 1968. Sicher war das ein Grund, warum Menschen neugierig waren, nach S. Giovanni Rotondo zu gehen. Aber es war noch etwas anderes: die erschütternde, bewegende und zur Umkehr aufrüttelnde Begegnung mit der Liebe Christi.
Dann seine intensive Liebe zu den Armen und zu den kleinen, die Ströme an Spendengeldern, die zu ihm kamen, hat er verwendet, um ein riesiges Spital zu bauen, "Casa sollievo della sofferenza", das "Haus zur Erleichterung der Leiden", ein prachtvolles Spital, das immer noch vergrößert wird, mit den besten Ärzten, eines der besten Italiens. Er wollte, dass die Armen dort behandelt würden wie Christus selber, mit der größten Zuvorkommenheit und mit der besten medizinischen Pflege.
Dann die vielen Zeichen seiner Nähe, die so viele Menschen erfahren haben, die Erfahrung, dass der Himmel nahe ist, dass die Heiligen bei uns sind, außerordentliche Phänomene immer wieder erlebt, der Duft, der seine Gegenwart angezeigt hat, seine Erscheinungen, seine vielfach bezeugten Bilokationen aber auch vor allem die vielen, vielen Erfahrungen konkreter, einfacher, täglicher Hilfe des Himmels. Alles das ist Grund zu großer Freude und zu Dankbarkeit, dass Gott uns auch heute Zeichen seiner Nähe schenkt. (....)


Wie sieht der Weg zur Heiligkeit aus? Ich danke dem Internet, das es mir möglich gemacht hat, die Predigt, die der Heilige Vater heute in Rom zur Heiligsprechung von Padre Pio gehalten hat, schon zu kennen. Und so darf ich ihn befragen. Was hat der Heilige Vater heute am Petersplatz zur Heiligkeit des P. Pio gesagt? Er hat vier Elemente genannt, und ich glaube, sie haben universale Gültigkeit, auch wenn sie unterschiedlich in den verschiedenen Lebensständen zu leben sind.

Erstens: "Nehmt mein Joch auf euch und folgt mir nach, denn mein Joch ist sanft und meine Last, meine Bürde ist leicht" (Mt 11,30). Mit diesen Worten des Evangeliums von der heutigen Heiligsprechung hat der Heilige Vater begonnen. Und er sagt: P. Pio zeigt durch sein Leben, dass Jesu Joch tatsächlich "dolce", süß ist, sanft, leicht. Jesu Joch ist "dolce". P. Pio hat das in seinem Leben gezeigt: Nehmt mein Joch auf euch, es ist leicht. Verglichen mit vielen anderen Jochen, die Menschen, die wir auf uns nehmen, ist Jesu Joch leicht. Und er erklärt weiter: Aber dieses Joch ist das Kreuz, das Kreuz Jesu. P. Pio habe in seinem Leben eine immer größere Gleichförmigkeit mit dem Gekreuzigten gesucht und verwirklicht, und das nicht aus Liebe zum Leiden, sondern aus Leidenschaft für das Erlösungswerk Christi, um teilzunehmen am Erlösungswerk Jesu Christi. Das hat P. Pio motiviert, das war seine Leidenschaft, dafür hat er gelitten und gelebt, um Menschen die Gnade Christi zu schenken, zu erwerben, zu verdienen. Im Plan Gottes ist das Kreuz das wahre Instrument des Heils für alle Menschen. Es ist der Weg, den Jesus ausdrücklich seinen Nachfolgern vorgeschlagen hat. Nur auf diesem Weg der Selbstverleugnung und des Kreuzes können wir Christus ähnlich werden, sagt der Papst heute Vormittag in Rom. Wenn man ihn anschaut, dann wird das alles gleich sehr konkret und sichtbar, wie sehr er selber das lebt.

Das zweite Kennzeichen von P. Pio gilt zweifellos für alle, die den Weg der Heiligkeit suchen: Gottes Barmherzigkeit. Ich glaube, es gehört zu den großen Kennzeichen der Heiligkeit im 20. Jahrhundert, dass wie kaum zuvor Gottes Barmherzigkeit verkündet und gelebt wird: die kleine hl. Theresia, noch im 19. Jahrhundert, die hl. Sr. Faustina und ganz besonders P. Pio. Eine geradezu Maßlosigkeit der Barmherzigkeit Gottes, sie kommt aus der Gleichförmigkeit mit dem Kreuz Christi. Je mehr er sich Christus, dem Gekreuzigten, genähert hat, desto größer ist sein Erbarmen geworden. Ich könnte manche Anekdote aus dem Leben des P. Pio erzählen, die mir berichtet würde über diese grenzenlose Barmherzigkeit. Vor allem, wenn er das Messopfer gefeiert hat, hat man das gespürt, für alle Menschen. Wenn er die Patene hochgehalten hat bei dem Offertorium, das oft lange gedauert hat, hat man gewusst, für wie viele Menschen er jetzt da ist und ihnen die Barmherzigkeit Gottes erfleht. Dann vor allem in der Beichte.
Freilich, P. Pio konnte auch sehr streng sein. Mir hat jemand erzählt, der das selber erlebt hat, dass er sich während der Messe, die noch zum Altar zelebriert wurde, plötzlich umgedreht, jemand in der Kirche gesucht und ganz laut gerufen hat: "Via! Via!" - "Raus! Raus!" Er ist mit hochrotem Kopf aus der Kirche hinausgegangen. P. Pio hat ihn mit den Finger hinausgewiesen und sich erst umgedreht, als er draußen war - Barmherzigkeit Gottes. Offensichtlich wusste P. Pio in seinem Innersten: Dieser Mensch braucht einen Anstoß, den muss man schütteln, dass er sich bekehrt. Er ist auch tatsächlich nach drei Tagen zu P. Pio beichten gegangen, wie mir ein lieber Freund, Priester, Italiener erzählt hat, der die Szene selber erlebt hat - Barmherzigkeit, die Leidenschaft für das Heil, für die Bekehrung, für die Liebe Gottes zu den Menschen.

Drittens, sagt der Heilige Vater heute in seiner Predigt: Der tiefste Grund für den apostolischen Erfolg des P. Pio war seine innigste Verbindung mit Gott im Gebet. Lange Stunden des Gebets, und er pflegte zu sagen: "Io sono un povero frate, qui prega." - "Ich bin ein armer Ordensbruder, der betet." Er hat gesagt: Das Gebet ist die beste Waffe, die wir haben, ein Schlüssel, der das Herz Gottes öffnet.

Als viertes nennt der Heilige Vater, dass bei ihm das Gebet immer verbunden war mit der Caritas, mit der caritativen Tätigkeit, vor allem mit seiner leidenschaftlichen Liebe für die Armen, die Kleinen, die Notleidenden, konkretisiert in dem großartigen Spital in S. Giovanni Rotondo. Gebet und Nächstenliebe, sagt der Heilige Vater, sind die Synthese des Lebens der Heiligkeit von P. Pio.

Vier Schritte zur Heiligkeit: Kreuzesnachfolge, Barmherzigkeit, Gebet, Nächstenliebe. Das hat der Heilige Vater heute Vormittag am Petersplatz gesagt. Ich möchte schließen mit dem Gebet, mit dem er heute Vormittag seine Predigt beendet hat:

"Ich preise dich Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du diese Dinge ... den kleinen geoffenbart hast" (Mt 11,25). Wie geeignet scheinen diese Worte Jesu, wenn wir sie auf dich beziehen, du demütiger und geliebter P. Pio. Lehre auch uns, so bitten wir dich, die Demut des Herzens, damit auch wir zu den Kleinen des Evangeliums gezählt werden, denen der Vater versprochen hat, ihnen die Geheimnisse seines Reiches zu offenbaren. Hilf uns zu beten, ohne jemals müde zu werden, gewiss, dass Gott weiß, wessen wir bedürfen, auch noch bevor wir es ihn gebeten haben. Erbitte uns einen Blick des Glaubens, der fähig ist, in den Armen und Leidenden sofort das Antlitz Jesu Christi selbst zu erkennen. Stütze uns in der Stunde des Kampfes und der Prüfung. Und wenn wir fallen, hilf uns, dass wir die Freude des Sakraments der Versöhnung erfahren. Vermittle uns deine zarte Verehrung für Maria, die Mutter Jesu und unsere Mutter. Begleite uns auf unserer irdischen Pilgerschaft zur ewigen Heimat, wo wir hoffen, auch selber einmal hinzugelangen, um in Ewigkeit die Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes zu betrachten.




Jesus allein kann begreifen, welche Pein es für mich bedeutet, wenn ich die qualvolle Szene des Kalvarienbergs vor mir sehe.
Genauso schwer zu verstehen ist es, welchen Trost es für Jesus bedeutet, wenn man wegen Seiner Schmerzen nicht nur Mitleid mit Ihm verspürt, sondern wenn Er eine Seele findet, die aus Liebe zu Ihm nichts für sich selbst um Hilfe bittet, sondern darum, Seine Schmerzen mit Ihm teilen zu können.
(132, dieser und die folgenden Texte sind dem Buch "Guten Tag", Gedanke von P. Pio für jeden Tag des Jahres entnommen)

Kelch und Patene von P. Pio, die er bei seiner letzten hl. Messe am 22. September 1968 verwendete

In der heiligen Messe erneuere deinen Glauben und bedenke, wer das Opferlamm ist, das sich für dich der göttlichen Gerechtigkeit darbietet, um sie zu versöhnen uns uns wieder gewogen zu machen.
Wenn es dir gut geht, hörst du die Messe. Wenn es dir schlecht geht und du nicht an ihr teilnehmen kannst, bist du es, der die Messe feiert. (133)

P. Pio werden 1931 alle Amtsbefugnisse entzogen, zwei Jahre lang durfte er die
hl. Messe nur privat ohne Teilnahme von Gläubigen feiern.

Während der Feier der hl. Messe hänge ich mit Jesus am Kreuz und erleide alles, was Jesus auf dem Golgota erlitten hat, so weit das einer menschlichen Natur möglich ist. (Derobert, P. Pio, 720f)




Albe, Zingulum und Stola von P. Pio

In diesen so traurigen Zeiten, in denen der Glaube erloschen ist, in denen die Gottlosigkeit ihren Triumpf feiert, ist die eucharistische Speise das sicherste Mittel, um sich von dieser tückischen Krankheit, die uns umgibt, frei zu halten.
Und das wird denen schwerlich gelingen, die monatelang dahinleben, ohne sich von dem Unbefleckten Fleisch des Gotteslammes zu sättigen. (135)


In Erinnerung an seine Priesterweihe

Aber mein Vater, wohin eilen meine Gedanken, während ich dies schreibe? Zu dem schönen Tag meiner Priesterweihe! Morgen, am Fest des hl. Laurentius, ist auch mein Festtag. Ich spüre aufs neue die Freude jenes für mich so heiligen Tages. Seit heute morgen schon erlebe ich den Vorgeschmack des Paradieses...
Wie wird es erst sein, wenn wir es auf ewig genießen werden!? Ich vergleiche die Ruhe des Herzens, die ich an jenem Tag empfunden habe, mit der Ruhe des Herzens, die ich heute am Vortag des Festes verspüre, und ich kann keinen Unterschied feststellen.
Der Tag des hl. Laurentius war der Tag, wo ich mein Herz am meisten von der Liebe zu Jesus entbrannt fühlte. Wie glücklich war ich, wie habe ich jenen Tag genossen!

(P. Pio an P. Augustino,  am 9. August 1912, in: P. Pio v. Pietrelcina, Briefe I, 355)


Grabeskapelle von P. Pio von Pietrelcina

Mein Jesus, rette alle;
ich biete mich für alle zum Opfer an:
gib mir Kraft;
nimm mein Herz,
erfülle es mit Deiner Liebe
und befiehl mir dann,
was Du willst. (137) 

Sonntag, 3. April 2016

Johannes Paul II. und Schwester Faustyna

Anbetung der Weisen und Johannes Paul II, der auf Maria und Jesus verweist, Johannes Paul II. Heiligtum, Krakau


(....) Treten wir also mit einem Blick auf den Papst der Barmherzigkeit, auf Papst Johannes Paul II., in dieses große Geheimnis ein. Ich beginne mit dem 2. April 2005, seinem "dies natalis", seinem Geburtstag zum ewigen Leben. Wir erinnern uns alle an diesen unvergesslichen Tag. Schon lange hatte sich die Krankheit des Papstes hingezogen. Er konnte die Ostertage nicht mehr selber feiern. Am Ostersonntag 2005 ist er vielen unvergesslich in Erinnerung. Er erschien an seinem Fenster und wollte einen Ostergruß sagen, aber es war nur mehr eine stumme Geste des Segens und dieses unvergesslich schmerzliche Gesicht des verstummten Papstes, der nur mehr stumm leiden und den Segen geben konnte.

Ich verbrachte die Osterwoche anschließend im Heiligen Land, und am Freitag der Osteroktav hatte ich das sehr seltene Glück und Privileg, in Jerusalem im Abendmahlsaal die Heilige Messe zu feiern. Wir waren acht Kardinäle, etwa 30 Bischöfe, Priester und Laien. Der Abendmahlsaal war ganz dicht gefüllt.

Zu Beginn der Messe kam die Nachricht aus Rom, der Heilige Vater liege im Sterben, jeden Moment sei mit seinem Ableben zu rechnen. Sie können sich denken, wie intensiv wir in diesem Moment im Abendmahlsaal, dort wo Jesus das Testament seiner Liebe, die Eucharistie eingesetzt hat, bei dieser Eucharistie für den Heiligen Vater gebetet haben. Am Ende der Feier kam eine gewisse Entwarnung, es gehe ihm wieder etwas besser, und mein erster Gedanke war dabei: Möge er es noch bis zum Sonntag schaffen. Der Weiße Sonntag, der Sonntag der Barmherzigkeit wäre doch das richtige Sterbedatum für Papst Johannes Paul II.
Wir erinnern uns, wie es dann weiterging. Am Samstag fiel er in Agonie. Um 20 Uhr feierte sein Sekretär, der heutige Kardinal Dziwisz, die Heilige Messe, es war die Messe vom Sonntag der Barmherzigkeit. Der Heilige Vater hat noch einige Tropfen vom kostbaren Blut und so zum letzten Mal die Kommunion empfangen. Um 21:37 Uhr ist er zum barmherzigen Vater heimgekehrt.


Am Weißen Sonntag des Heiligen Jahres 2000 erklärte Papst Johannes Paul II., fortan soll dieser Sonntag nach Ostern "Sonntag der Barmherzigkeit" heißen. Gleichzeitig hat er an diesem Tag Schwester Faustyna Kowalska, die einfache Schwester aus Krakau, heilig gesprochen, die erste Heilige des neuen Jahrtausends. So endete sein irdischer Weg am Sonntag der Barmherzigkeit. Es ist schwer, in diesem Zusammentreffen nicht ein "Zeichen des Himmels" zu sehen, gewissermaßen die Unterschrift Gottes unter ein Lebensprogramm, das Papst Johannes Paul II. oft und ausdrücklich als seine Sendung bezeichnet hat. 1997 hat er in Łagiewniki, in dem Ort, wo Schwester Faustyna gelebt hat und begraben ist, gesagt: "Die Botschaft von der Göttlichen Barmherzigkeit hat in gewisser Weise das Bild meines Pontifikats geprägt" (7. Juni 1997).
So lade ich Sie jetzt ein, mit mir in den Weg von Papst Johannes Paul II. hineinzuschauen, wie er dieses Geheimnis erlebt, gelebt, durchdacht und vermittelt hat.




(...) 1942 war Karol Wojtyła in das "Geheimseminar" eingetreten, das Kardinal Sapieha, der mutige Erzbischof von Krakau, gegründet hat. Ein Mitseminarist, Andreas Deskur, heute Kurienkardinal im Rollstuhl, schwerkrank, machte ihn aufmerksam auf die Botschaft von der Göttlichen Barmherzigkeit von einer gewissen Schwester Faustyna Kowalska, die 1905 geboren war – im Geburtsjahr von Kardinal König – und 1938 33jährig gestorben war. Er wusste also damals schon von dieser einfachen Schwester, an deren Kloster er tagtäglich vorbeiging zur Zwangsarbeit in der Chemiefabrik. Er hörte schon damals von den Botschaften, die sie von Jesus bekommen hatte und in eindrucksvoller Weise in ihrem Tagebuch festhielt. Als Weihbischof von Krakau und dann als Erzbischof und Kardinal bemühte Karol Wojtyła sich sehr um die Seligsprechung von Schwester Faustyna. Er musste einige Widerstände überwinden, denn das Heilige Offizium, wie Glaubenskongregation damals hieß, hatte heftige Bedenken gegen die Schriften von Schwester Faustyna, wie sich dann herausstellte, vor allem durch fehlerhafte, missverständliche Übersetzungen. Als Papst konnte Johannes Paul II. sie dann schließlich 1993 selig- und im Jahr 2000 heiligsprechen.

Wie zentral dieses Thema in seinem Leben war, hat er immer wieder betont. Vor allem aber sah er in den Botschaften von Schwester Faustyna, die im Grunde nichts anderes sagen, als was das Evangelium uns sagt, eine Antwort auf die unbeschreiblichen Ausmaße des Bösen im 20. Jahrhundert, deren Zeuge er selber in seinem Leben wurde, die Gräuel des Nationalsozialismus, die unvorstellbaren Leiden des polnischen Volkes unter der Nazibesetzung und der nachfolgende Kommunismus. Im Rückblick auf die Jahre des Leidens hat er 1997 gesagt:
"Die Botschaft von der Göttlichen Barmherzigkeit ist mir immer nahe und lieb gewesen. Es ist, als hätte die Geschichte sie in die tragische Erfahrung des 2. Weltkrieges eingeschrieben. In diesen schweren Jahren war sie eine besondere Hilfe und eine unerschöpfliche Quelle der Hoffnung, nicht nur für das Volk von Krakau, sondern für die ganze polnische Nation. Das war auch meine persönliche Erfahrung, die ich mit mir nahm auf den Stuhl Petri, und die in gewissem Sinn das Bild meines Pontifikats prägt" (7. Juni 1997).

Nun muss man die Frage stellen: Wollte Papst Johannes Paul II. damit eine bestimmte Frömmigkeitsform besonders fördern? Sie kennen vielleicht das Bild von Krakau-Łagiewniki des barmherzigen Jesus mit den Strahlen, die von ihm ausgehen, sie kennen vielleicht den Rosenkranz der Barmherzigkeit, die Stunde der Barmherzigkeit. Er hat diese Frömmigkeitsformen sicher geschätzt, aber er hat sie selten thematisiert. Es geht dabei, so glaube ich, um etwas Umfassenderes. In den Botschaften von Schwester Faustyna fand er in einfacher Sprache das thematisiert, was die große Herausforderung für unsere Tage ist. Wir wissen nach der Lehre der Kirche: Privatoffenbarungen – und hier handelt es sich um Privatoffenbarungen, auch wenn sie wie diese von der Kirche anerkannt sind – sind für uns nicht verpflichtend. Niemand muss die Botschaften von Schwester Faustyna annehmen. Aber Papst Johannes Paul II. hat im Licht dieser Botschaften, die diese einfache Ordensfrau bekommen hat, ein Leben lang über das große Geheimnis der Göttlichen Barmherzigkeit nachgedacht und versucht, es auch in seine Bischofstätigkeit und schließlich in sein Papstamt einfließen zu lassen. Ich denke, es waren vor allem zwei Themen, die ihn dabei bewegt haben: das Geheimnis des Vaters und die Frage, was die Flut des Bösen in unserer Zeit eindämmen kann.

Auf diese beiden Fragen hat er immer wieder versucht, Antwort zu geben, ausdrücklich in der Enzyklika "Dives in misericordia", "Gott, der reich ist an Erbarmen". Es ist seine zweite Enzyklika, 1980 veröffentlicht, und sie steht im Zusammenhang mit der ersten und der dritten: die erste über Christus, "Redemptor hominis", kurz nach seinem Pontifikatsbeginn, die dritte 1986 über den Heiligen Geist, "Dominum et vivificantem". Die zweite also handelt vom Erbarmen und von Gottvater. Wir wissen, er hat früh seine Mutter verloren, bald starb auch sein Bruder, und er blieb mit seinem Vater alleine. Dieses große Vorbild einer gelebten Vaterschaft hat ihn zutiefst in seinem Glauben und in seiner Haltung geprägt. Papst Johannes Paul II. ist im Laufe seines Lebens immer mehr selber zu einem unvergleichlichen Bild der Vaterschaft geworden.
Ich werde nie vergessen, als in den Tagen vor seinem Begräbnis Hunderttausende, man schätzt vier Millionen, Menschen an seinem Katafalk vorbeigezogen sind. Ich habe immer wieder junge Menschen in Rom gefragt: "Was bewegt euch, warum kommt ihr her, warum steht ihr 15, 18 Stunden an, um dann kurz vorbeigehen zu können an dem aufgebahrten Papst?" Und fast unisono war immer die Antwort: "Wir haben einen Vater verloren. Er hat uns so viel gegeben."


Johannes Paul II. Heiligtum, Oberkirche, Mosaiken von Rupnik

(....) Ich möchte schließen mit einem der schönsten Gebete von Schwester Faustyna. Ich werde es nicht zur Gänze beten, da es etwas länger ist, aber ich empfehle es Ihnen. Es ist ein Gebet, in dem Schwester Faustyna darum bittet, dass die Barmherzigkeit Jesu, diese tiefste Haltung, die er gewissermaßen aus dem Herzen Gottes auf die Welt gebracht hat, uns durch und durch prägen möge, ja gewissermaßen unsere Seinsform, unsere Lebensform werden möge. (Aus: "Tagebuch der Schwester Maria Faustyna Kowalska". Seite 80-81, Parvis-Verlag, Hauteville, CH, 1990)
 

"Ich möchte mich ganz in Deine Barmherzigkeit umwandeln, um so ein lebendiges Abbild von Dir zu sein, o Herr, möge diese größte Eigenschaft Gottes, seine unergründliche Barmherzigkeit, durch mein Herz und meine Seele hindurch zu meinen Nächsten gelangen.
Hilf mir, o Herr, dass meine Augen barmherzig schauen, dass ich niemals nach äußerem Anschein verdächtige und richte, sondern wahrnehme, was schön ist in den Seelen meiner Nächsten und ihnen zu Hilfe komme.
Hilf mir, dass mein Gehör barmherzig wird, damit ich mich den Bedürfnissen meiner Nächsten zuneige, dass meine Ohren nicht gleichgültig bleiben für Leid und Klagen der Nächsten.
Hilf mir, Herr, dass meine Zunge barmherzig wird, dass ich niemals über meinen Nächsten abfällig rede, sondern für jeden ein Wort des Trostes und der Vergebung habe.
Hilf mir, Herr, dass meine Hände barmherzig und voll guter Taten sind, damit ich meinem Nächsten nur Gutes tue und schwierigere, mühevollere Arbeit auf mich nehme.
Hilf mir, Herr, dass meine Füße barmherzig sind, dass sie meinen Nächsten immer zu Hilfe eilen und die eigene Mattheit und Ermüdung beherrschen. Meine wahre Rast ist im Dienst am Nächsten.
Hilf mir, Herr, dass mein Herz barmherzig ist, auf dass ich alle Leiden der Nächsten empfinde, dass ich niemandem mein Herz versage, aufrichtigen Umgang auch mit denen pflege, von denen ich weiß, dass sie meine Güte missbrauchen werden; ich selbst werde mich im barmherzigsten Herzen Jesu verschließen. Über eigene Leiden will ich schweigen. Deine Barmherzigkeit, o mein Herr, soll in mir ausruhen (...)
O mein Jesus, verwandle mich in Dich, denn Du vermagst alles." (163)
Amen.


(aus der Katechese von Christoph Kardinal Schönborn vom 14. Oktober 2007 über die Barmherzigkeit)



Faustina,
Geschenk Gottes an unsere Zeit,
Geschenk Polens an die ganze Kirche,
lass uns auf deine Fürsprache die Tiefe
des göttlichen Erbarmens erkennen.
Hilf uns, es im eigenen Leben zu erfahren
und vor den Brüdern zu bezeugen.
Deine Botschaft des Lichtes und der Hoffnung
verbreite sich in der ganzen WElt,
dränge die Sünder zur Umkehr,
besänftige Rivalitäten und Hass,
erschließe die Herzen der Menschen und Nationen
für die Übung der Brüderlichkeit. Amen.
(Johannes Paul II., in: Meine Gebete für euch, 122)

Gnadenbild der Göttlichen Barmherzigkeit, Bazylika św. Floriana w Krakowie,
Basilika zum hl. Florian, Krakau