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Sonntag, 20. Mai 2018

Babylon und Pfingsten

Turmbau zu Babel, 1563, Pieter Bruegel d. Ä.


Liebe Brüder und Schwestern!

(....) Das Pfingstgeheimnis ist die Taufe der Kirche, es ist ein Ereignis, das ihr sozusagen die Anfangsform und den Antrieb für ihre Sendung verliehen hat. Diese »Form« und dieser »Antrieb« sind immer gültig, stets aktuell, und sie erneuern sich insbesondere durch die liturgischen Handlungen.
Heute vormittag möchte ich einen wesentlichen Aspekt des Pfingstgeheimnisses näher betrachten, der auch in unseren Tagen von großer Wichtigkeit ist. Pfingsten ist das Fest der Vereinigung, des Verstehens und des Miteinander der Menschen. Wir alle können feststellen, daß in unserer Welt das Verstehen und die Gemeinschaft der Menschen untereinander oft oberflächlich und schwierig sind, obwohl wir durch die Entwicklung der Kommunikationsmittel einander immer näher kommen und die geographischen Entfernungen zu schwinden scheinen. Es bleiben Ungleichgewichte, die nicht selten zu Konflikten führen; der Dialog zwischen den Generationen wird mühsam und zuweilen überwiegen die Gegensätze; wir erleben im Alltag, wie die Menschen immer aggressiver und streitsüchtiger werden; einander zu verstehen scheint zu anspruchsvoll zu sein, und man zieht es vor, sich im eigenen Ich, in den eigenen Interessen zu verschließen. Können wir in dieser Situation jene Einheit, die wir so sehr brauchen, wirklich finden und leben?

Der Bericht des Pfingstfestes in der Apostelgeschichte, den wir in der ersten Lesung gehört haben (vgl. Apg 2,1–11), enthält im Hintergrund eines der letzten großen Bilder, die wir am Beginn des Alten Testaments finden: die uralte Geschichte vom babylonischen Turmbau (vgl. Gen 11,1–9). Was aber ist Babylon? Es ist die Beschreibung eines Reiches, in dem die Menschen so viel Macht gesammelt hatten, daß sie glauben konnten, sie brauchten sich nun nicht mehr auf einen fernen Gott zu beziehen, sondern sie seien stark genug, selbst einen Weg zum Himmel hinauf zu bauen, um dessen Türen aufzustoßen und sich an die Stelle Gottes zu setzen. Aber gerade da geschieht etwas Merkwürdiges und Ungewöhnliches. Während die Menschen miteinander den Turm bauten, wurden sie sich plötzlich bewußt, daß sie gegeneinander bauten. Während sie versuchten wie Gott zu sein, liefen sie Gefahr, nicht einmal mehr Menschen zu sein, weil ihnen etwas für das Menschsein Grundlegendes abhanden gekommen ist: die Fähigkeit, sich zu einigen, sich zu verstehen und gemeinsam zu arbeiten.
Diese biblische Erzählung enthält eine ewige Wahrheit; das können wir in der Geschichte, aber auch in unserer Welt sehen. Durch den Fortschritt von Wissenschaft und Technik haben wir die Macht gewonnen, Kräfte der Natur zu beherrschen, die Bausteine der Welt zu manipulieren, Lebewesen zu fabrizieren, und wir sind damit fast bis zum Menschen selbst gekommen. In dieser Situation scheint es überholt und unnütz, Gott zu bitten, weil wir selbst alles, was wir wollen, errichten und verwirklichen können. Aber wir merken nicht, daß wir dieselbe Erfahrung machen wie Babylon. Es ist wahr, wir haben die Möglichkeiten der Kommunikation, der Information, der Nachrichtenübermittlung vervielfacht, aber können wir sagen, daß die Fähigkeit, einander zu verstehen, gewachsen ist, oder verstehen wir uns paradoxerweise nicht vielleicht immer weniger? Scheint sich unter den Menschen nicht Mißtrauen einzuschleichen, Argwohn, Furcht voreinander, was so weit geht, daß wir geradezu gefährlich füreinander werden? Kehren wir zu unserer Ausgangsfrage zurück: Kann es wirklich Einheit, Eintracht geben? Und wie? Die Antwort finden wir in der Heiligen Schrift: Einheit kann nur sein durch die Gabe des Geistes Gottes, der uns ein neues Herz und eine neue Sprache geben wird, eine neue Fähigkeit der Kommunikation. Und das ist an Pfingsten geschehen. An jenem Morgen, fünfzig Tage nach Ostern, bläst ein Sturmwind über Jerusalem, und die Flamme des Heiligen Geistes kommt auf die versammelten Jünger herab, läßt sich auf jedem von ihnen nieder und entzündet in ihnen das Feuer Gottes, ein Feuer der Liebe mit verwandelnder Kraft. Die Furcht schwindet, das Herz spürt neue Kraft, die Zungen lösen sich, und sie beginnen freimütig zu sprechen, damit alle die Verkündigung Jesu Christ, der gestorben und auferstanden ist, verstehen können. Wo Spaltung und Fremdheit war, wächst an Pfingsten Einheit und Verständnis.

Aber blicken wir auf das heutige Evangelium, in dem Jesus sagt: »Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen« (Joh 16,13). Indem Jesus über den Heiligen Geist spricht, erklärt er uns, was die Kirche ist und wie sie leben muß, um sie selbst zu sein, um Ort der Einheit und der Gemeinschaft in der Wahrheit zu sein; er sagt uns, daß als Christ handeln heißt, nicht im eigenen »Ich« verschlossen zu bleiben, sondern sich auf das Ganze auszurichten; es bedeutet, die Kirche als ganze in sich aufzunehmen, oder besser, sich innerlich von ihr aufnehmen zu lassen.
Wenn ich dann als Christ spreche, denke, handle, tue ich dies nicht, indem ich mich in meinem Ich verschließe, sondern ich tue dies immer innerhalb des Ganzen und ausgehend vom Ganzen: So kann der Heilige Geist, der Geist der Einheit und der Wahrheit, in unseren Herzen und im Geist der Menschen widerhallen, und sie dazu führen, einander zu begegnen und anzunehmen. Gerade weil der Heilige Geist so handelt, führt er uns in die ganze Wahrheit ein, die Jesus ist, er führt uns zu Vertiefung und Verständnis: Wir wachsen nicht in der Erkenntnis, wenn wir uns in unserem Ich verschließen, sondern nur indem wir zum Hören und Teilen fähig werden, nur im »Wir« der Kirche, in einer Haltung tiefer innerer Demut. Und so wird klarer, warum Babylon Babylon und warum Pfingsten Pfingsten ist. Wo Menschen Götter sein wollen, können sie nur gegeneinander stehen. Wo sie aber in die Wahrheit des Herrn hineintreten, öffnen sie sich für das Wirken seines Geistes, der sie trägt und vereint.

Der Gegensatz zwischen Babylon und Pfingsten klingt auch in der zweiten Lesung an, wo der Apostel sagt: »Laßt euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen« (Gal 5,16). Der hl. Paulus erklärt uns, daß unser persönliches Leben von einem inneren Konflikt gekennzeichnet ist, einem Gegensatz zwischen den Anregungen, die vom Fleisch kommen, und denen, die vom Heiligen Geist stammen; und wir können nicht allen Anregungen folgen. Denn wir können nicht gleichzeitig egoistisch und großherzig sein, der Tendenz nachgeben, über die anderen zu herrschen, und gleichzeitig die Freude des uneigennützigen Dienstes verspüren. Wir müssen uns immer entscheiden, welchem Impuls wir folgen wollen, und das können wir in rechter Weise nur mit der Hilfe des Geistes Christi. Der hl. Paulus zählt, wie wir gehört haben, die Werke des Fleisches auf, es sind die Sünden des Egoismus und der Gewalt, wie Feindschaft, Streit, Eifersucht, Spaltungen; es sind Gedanken und Taten, die uns nicht in wahrhaft menschlicher und christlicher Weise leben lassen: in der Liebe. Das führt zum Verlust des eigenen Lebens. Der Heilige Geist dagegen führt uns zur Höhe Gottes, damit wir schon auf dieser Erde den Keim des göttlichen Lebens leben können, der in uns ist. Denn der hl. Paulus sagt: »Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede« (Gal 5,22). Und wir sehen, daß der Apostel den Plural gebraucht, um die Werke des Fleisches zu beschreiben, die zur Zersplitterung des Menschseins führt, während er den Singular gebraucht, um das Wirken des Geistes zu beschreiben, er spricht von »der Frucht«, genauso wie der Zersplitterung von Babylon die Einheit von Pfingsten entgegengesetzt ist.

Liebe Freunde, wir müssen dem Geist der Einheit und der Wahrheit gemäß leben, und deshalb müssen wir beten, damit der Heilige Geist uns erleuchten und dazu führen möge, der Verlockung zu widerstehen, unseren eigenen Wahrheiten zu folgen, und die von der Kirche überlieferte Wahrheit Christi anzunehmen. Der lukanische Pfingstbericht sagt uns, daß Jesus vor seiner Himmelfahrt die Apostel aufforderte, zusammen zu bleiben, um sich auf den Empfang der Gabe des Heiligen Geistes vorzubereiten. Und in Erwartung des verheißenen Ereignisses versammelten sie sich mit Maria betend im Abendmahlssaal (vgl. Apg 1,14). Wie die Kirche bei ihrem Entstehen mit Maria versammelt war, so betet sie auch heute:
 »Veni Sancte Spiritus! – 
Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen
und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe!« Amen.

(Papst Benedikt XVI., Predigt zu Pfingsten 2012)


Herabkunft des Hl. Geistes, St Aloysius R.C Church, London

Samstag, 19. Mai 2018

Bruchstücke des Turmbaus zu Babel (Bruegel)





1 Die ganze Erde hatte eine Sprache und ein und dieselben Worte.
2 Als sie ostwärts aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an.
3 Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel.
4 Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis in den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.
5 Da stieg der HERR herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten.
6 Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, wenn sie es sich zu tun vornehmen.
7 Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.
8 Der HERR zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen.
9 Darum gab man der Stadt den Namen Babel, Wirrsal, denn dort hat der HERR die Sprache der ganzen Erde verwirrt und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut. 
(1. Lesung Vorabendmesse)











Freitag, 17. Februar 2017

Der Turmbau zu Babel heute: die gottlose Welt (Bischof Laun)




1 Und die ganze Erde hatte ein und dieselbe Sprache und ein und dieselben Wörter.
2 Und es geschah, als sie von Osten aufbrachen, da fanden sie eine Ebene im Land Schinar und ließen sich dort nieder.
3 Und sie sagten einer zum anderen: Auf, lasst uns Ziegel streichen und hart brennen! Und der Ziegel diente ihnen als Stein, und der Asphalt diente ihnen als Mörtel.

4 Und sie sprachen: Auf, wir wollen uns eine Stadt und einen Turm bauen, und seine Spitze bis an den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Fläche der Erde zerstreuen!






5 Und der HERR fuhr herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten.
6 Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie zu tun ersinnen.
7 Auf, lasst uns herabfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass sie einer des anderen Sprache nicht mehr verstehen!
8 Und der HERR zerstreute sie von dort über die ganze Erde; und sie hörten auf, die Stadt zu bauen.
9 Darum gab man ihr den Namen Babel; denn dort verwirrte der HERR die Sprache der ganzen Erde, und von dort zerstreute sie der HERR über die ganze Erde.
(Genesis 11,1-9)


Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren (Gen 11,7)


Die alten Versuchungen kehren immer wieder zurück, wieder und wieder, der Teufel gibt nicht auf, dem Menschen das Gott-gleich-Sein zu versprechen und Gott einen Lügner zu nennen. Und die Menschen sind immer noch dieselben, sie neigen dazu, dem „Vater der Lüge“ Glauben zu schenken und es zu versuchen: Gott gleich zu werden in ihren Werken, in der Struktur der großen Weltstadt, in den Gesetzen ihres Zusammenlebens. Und das geht so:

Mit Hilfe der großen, atheistischen Ideologien des Zeitgeistes baut man an der „Stadt des Menschen“. Gott hat keinen Zutritt, ihm ist die Einreise verboten, nicht einmal als Tourist oder Flüchtling soll ihm der Eintritt gewährt sein! Dass Gott einmal als „Einwanderer“ kam und frühere Generationen seine Ankunft als das größte ihrer Feste gefeiert haben, ist ein Kuriosum, aber überholt. Inzwischen hat man gelernt, aus dem Advent, dem Ankommen Gottes, ein Event der Menschen zu machen! Und Weihnachten „feiert“ man, indem man „Weihnachtsmänner“ und bei Bedarf auch „Weihnachtsfrauen“ in lächerlichem Aufzug herumgehen lässt, aber bei näherem Zusehen zeigt sich: Es ist, als ob man eine Hochzeit ohne Bräutigam und Braut feiern wollte, ein rauschendes Fest, auf dem alles erlaubt ist, außer die peinliche Frage zu stellen: Wer heiratet denn, wer ist der Bräutigam, wo ist die Braut? Aber wenn auch unbelehrbare Minderheiten noch anders denken sollten: Es bleibt bei dem Ziel eine „Gott - freie“ Stadt zu bauen, die darum auch „Juden- und – Christen-frei“ sein sollte, weil es vor allem diese Unbelehrbaren sind, die die alten Märchen nicht, und nicht aufgeben wollen: die Einen, die glauben, dass Gott kommen wird, die Anderen, dass Gott schon gekommen ist, einig darin, dass Er am Ende unübersehbar sein wird! Gott? In dieser Menschenstadt behandelt man Gott wie einen Krankheitskeim, der durch hygienische Maßnahmen auszurotten ist. Seine Gebote hält man für nicht existent und als „Unterdrückungs-Instrument“, das den Menschen die Freiheit raubt.

Die Menschenstadt soll die „bessere“, wirklich „menschengerechte Stadt“ werden, Stadt der Freiheit, Stadt der Wellness, Stadt des Friedens, weil alle Einwohner „gleich“ sind, genauer gesagt, gleich gemacht werden, und darum gleich denken, gleich funktionieren, gleich fügsam sind und somit keinen Grund mehr haben werden zu streiten.




Southwark cathedral

the Shard, mit 310 m das höchste Gebäude der EU, London


In dieser Menschenstadt leugnet man mit der Gender-Ideologie die Schöpfung überhaupt, vor allem auch ihre Vielfalt. Die Folge ist zum Beispiel: In dieser „neuen Welt“ wird es keine „traditionellen“ Familie mehr geben, keine wirklichen Männer und Frauen, keinen Vater und keine Mutter, sondern nur im Grunde Einheits-Menschen, die ihre „sexuelle Orientierung“ selbst bestimmt haben und darum selbstbestimmt „Eltern 1“ oder „Eltern 2“ (statt Vater und Mutter) werden können, sei es durch sexuelle Akte, sei es durch Manipulation im Labor, mit eigenen oder fremden Gameten, vielleicht mit Hilfe eines Menschen, der sich als „Eltern 2“ selbstbestimmt hat und früher Leihmutter genannt wurde.

In dieser Menschenstadt ist es nicht Sünde und Blindheit, wie noch Jesaja meinte, sondern Freiheits-Recht des Einzelnen, das Süße sauer und das Sauere süß, das Böse gut und das Gute böse zu nennen. Das ist so, weil der Begriff der „Gebote Gottes“ und in Folge auch die Bezeichnungen „Gut“ oder „Böse“ einer vergangenen Epoche der menschlichen Evolution angehören, die längst überwunden ist. Und an die Evolution muss „jeder Mensch glauben“, wenn er nicht für dumm gehalten werden will. Auf jeden Fall, die Begriffe gut und böse, „Gebot“ oder gar Gott erzeugen nur ein Lächeln zwischen Mitleid und Hohn, wenn sie jemand ernsthaft zu verwenden scheint! Dem modernen Menschen sind sie jedenfalls nicht mehr zumutbar, obwohl eigentlich niemand sagen kann, was der „moderner Mensch“ im Unterschied zum gewöhnlichen Menschen sein soll! Fest steht jedenfalls: Wenn es Gott nicht gibt, kann es auch keine Gebote Gottes geben. Gebote natürlich gibt es, aber nur solche Gebote, die Mehrheit erlassen haben!

In dieser Menschenstadt proklamiert man dennoch „Menschenrechte“, die man nicht so nennt, weil sie von Gott im Schöpfungsakt in den Menschen hineingelegt worden und in seiner Natur erkennbar wären, sondern in dieser „Menschenstadt ohne Gott“ spricht man von Menschenrechten, insofern diese Rechte vom Menschen gemacht werden, demokratisch natürlich, durch Mehrheitsentscheidungen! Darum kann auch wirklich alles zum „Menschenrecht“ werden, auch Verhaltensweisen, die man früher für Verbrechen hielt, Abtreibung zum Beispiel.

Die Stadt der Menschen ist aber auch eine Stadt der inneren Widersprüche: Man proklamiert die absolute Freiheit von Schöpfung und Gottes Geboten, zugleich verpflichtet man den Einzelnen auf das Wollen und Denken der Mehrheit. Ja man redet ihm ein und schreibt ihm vor, wodurch er glücklich zu sein hat und was auf keinen Fall sein Wohlgefallen finden darf: Frauen zum Beispiel dürfen nur nach Karriere streben, müssen im noch so eintönigen Beruf glücklich sein, aber auf keinen Fall mit ihren Kindern, die von „Fachkräften“, wie jeder weiß, besser betreut werden! Natürlich „frauenfreundlich“, weil man die armen Frauen entlastet von ihren Kindern, die, das weiß man, vor allem eine Last sind!

Man behauptet, eine Gesellschaft der Freiheit zu errichten, man distanziert sich mit Pathos von den Diktaturen der Vergangenheit und darum auch vom „Patriarchat“, aber gleichzeitig unterbindet man die Freiheit des Einzelnen in mehr und mehr Bereichen des Lebens, bis hinein in den Intimbereich der Menschen. Auch in seiner Sexualität soll der Mensch sein „wie alle“, das heißt so, wie die Machthaber es wollen, und darum hat man die „verpflichtende „Sexualerziehung“ in den Schulen eingeführt: Gelehrt wird sexuelle Freiheit, aber keine Selbstbeherrschung. Weil es ohne diese nicht geht, ersetzt man diese durch Strafgesetze. Besonders paradox bei diesem Freiheitsstreben ist: Wissenschaftlich längst gesicherte Einsichten z. B. in die Bedürfnisse von Kindern, die Grenzen wollen, oder in die der Frauen, die Mütter sein wollen, werden ignoriert. Nicht einmal die Erfahrung, dass immer mehr Jugendliche psychisch gestört, verhaltensauffällig, unerziehbar sind, löst kein Umdenken aus.

Der uniformierte Einheitsmensch in der wörtlich „gottlosen Menschenstadt ohne Gott“ wird gesteuert durch die Gesetze der politischen Korrektheit, die den Menschen nicht nur vorschreibt, wie sie zu reden haben, sondern z. B. auch verbietet, nach „politisch korrekten“ Handlungen wie Abtreibung oder bei einem politisch korrekten Lebensstil wie im homosexuellen Lifestyle unglücklich zu sein. Verstöße gegen dieses Moralsystem der Korrektheit werden streng und ohne Vergebung geahndet durch die alten Pranger-Methoden, freilich auf moderne Art mit Hilfe der Medien exekutiert und durch gesellschaftlichen Ausschluss, der früher „Verbannung“ hieß und dies auch war!

Die gottlose Stadt der Menschen, sie ist die absolut nicht „artgerechte Haltung des Menschen“ in Käfigen, die der Mensch sich selbst gebaut hat, zusperrt und dann den Schlüssel unerreichbar weit wegwerfen will! Und so geschieht, was geschehen muss: Der Mensch, der Gott ähnlich werden wollte, stürzt ab: Aus der ersehnten Macht wird ein Gefängnis, das Glück verwandelt sich in die Verzweiflung des für immer Gefangenen, Seine Herrlichkeit wird zum Vegetieren in endlosen, grauen, fensterlosen Betonbauten, aus denen es kein Entrinnen mehr gibt. Indem der Mensch Gott gleich sein will, verliert er sich und seine Gott - Ebenbildlichkeit, zurück ein Häuflein selbst verschuldeten Elends. Der Menschenstadt entrinnt nur der, der die Augen hebt zu dem, begonnen hat, „mitten unter den Menschen“ zu leben und so die Menschenstadt in eine Stadt Gottes verwandelt, in das Jerusalem, in dem jeder Mensch, der will, Heimatrecht hat, leben kann, frei ist und glücklich, weil er „dazu“ gehört, zur Gemeinschaft der Heiligen, die bei Gott sind!

Auf sich allein gestellt geht es der Menschenstadt wie dem Turm von Babylon, die Menschen in ihr verstehen sich nicht mehr, sie verlassen die Stadt und diese wird zum Ruinenfeld. Es geht ihr so wie dem Standbild im Buch Daniel (2ff): Es schien reich, glänzend, groß und für ewig gebaut zu sein: Aber dann löste sich ein Stein oben in den Bergen, rollte herunter und zerschmetterte die tönernen Füße des großen Bildes, und dieses stürzte in sich zusammen! Auch die Stadt der Menschen wird diese Erfahrung machen, wieder und wieder: Unerwartete Elemente werden sich als Bedrohung und als Kräfte der Zerstörung erweisen, sie wird keinen Bestand haben wie, in einem anderen biblischen Bild (Mt 7,24) gesprochen, die Stadt, die auf Sand gebaut war und dem Regen nicht standhielt.

(Bischof Andreas Laun, kath.net, 23.1.2012)


Turmbau zu Babel, Kathedrale von Ely, England