 |
| Aufnahme Mariens, Nicola Filotesio alias Cola dell´Amatrice, 1515, Öl auf Holz |
HL. MESSE AM HOCHFEST DER AUFNAHME MARIENS IN DEN HIMMEL
PREDIGT VON BENEDIKT XVI.
Pfarrkirche von Castelgandolfo Montag, 15. August 2005
Liebe Mitbrüder im Bischofsund im Priesteramt, liebe Brüder und Schwestern!
Zunächst richte ich einen herzlichen Gruß an euch alle.
Es ist mir eine große Freude, am Tag der Aufnahme Marias in den Himmel
die heilige Messe in dieser schönen Pfarrkirche zu feiern. Ich begrüße
Kardinal Sodano und den Bischof von Albano, alle Priester, den
Bürgermeister und euch alle. Danke für eure Anwesenheit. Das Hochfest
der Aufnahme Marias in den Himmel ist ein Tag der Freude. Gott hat
gesiegt. Die Liebe hat gesiegt. Das Leben hat gesiegt. Es hat sich
gezeigt, daß die Liebe stärker ist als der Tod. Gott gehört die wahre
Macht, und seine Macht ist Güte und Liebe.
Maria wurde mit Leib und Seele in den Himmel
aufgenommen: Auch für den Leib ist in Gott Raum. Der Himmel ist für uns
nicht mehr eine weit entfernte und unbekannte Sphäre. Wir haben eine
Mutter im Himmel. Es ist die Mutter Gottes, die Mutter des Sohnes
Gottes, sie ist unsere Mutter. Er selbst hat es gesagt. Er hat sie zu
unserer Mutter gemacht, als er zu seinem Jünger und uns allen gesagt
hat: »Siehe, deine Mutter!« Der Himmel steht offen, der Himmel hat ein
Herz.
Im Evangelium haben wir das Magnificat gehört,
diese großartige Dichtung, die aus dem Munde, ja aus dem Herzen Marias
kam und vom Heiligen Geist inspiriert war. In diesem wundervollen Lied
spiegelt sich die ganze Seele Marias wider, ihre ganze Persönlichkeit.
Wir können sagen, daß dieser Gesang ein Porträt, eine wahre Ikone Marias
ist, in der wir sie so sehen können, wie sie ist. Ich möchte nur zwei
Aspekte dieses großartigen Gesangs hervorheben. Er beginnt mit dem Wort »Magnificat«:
Meine Seele »macht den Herrn groß«, das heißt sie »preist die Größe des
Herrn«. Maria möchte, daß der Herr in der Welt, in ihrem Leben groß
ist, daß er unter uns allen gegenwärtig ist. Sie hat keine Angst, daß
der Herr ein »Konkurrent« in unserem Leben sein könnte, daß er uns durch
seine Größe etwas von unserer Freiheit, unserem Lebensraum nehmen
könnte. Sie weiß, daß wenn Gott groß ist, auch wir groß sind. Unser
Leben wird nicht unterdrückt, sondern es wird erhöht und weitet sich:
gerade dann wird es groß im Glanz Gottes.
Die Tatsache, daß unsere Stammeltern das Gegenteil
dachten, war der Kern der Erbsünde. Sie fürchteten, daß wenn Gott zu
groß wäre, er ihnen etwas von ihrem Leben nehmen würde. Sie dachten, sie
müßten Gott zurücksetzen, um Freiraum für sich selbst zu haben. Das war
auch die große Versuchung der Moderne, der letzten drei bis vier
Jahrhunderte. Immer häufiger hat man gedacht und auch gesagt: »Aber
dieser Gott läßt uns nicht unsere Freiheit, mit all seinen Geboten engt
er unseren Lebensraum ein. Gott muß also verschwinden; wir wollen
autonom sein, unabhängig. Ohne diesen Gott werden wir selbst Götter sein
und das tun, was wir wollen.« Dies waren auch die Gedanken des
verlorenen Sohnes, der nicht verstanden hat, daß er gerade dadurch, daß
er im Haus des Vaters war, »frei« war. Er ging weit weg in fremde Länder
und verschleuderte sein Vermögen. Letztendlich sah er ein, daß er –
gerade weil er sich vom Vater entfernt hatte – anstatt frei zu werden,
ein Sklave geworden war. Er erkannte, daß er nur durch die Rückkehr in
das Haus des Vaters wirklich frei sein würde, in der ganzen Schönheit
des Lebens. So ist es auch in der Moderne. Zuerst dachten und glaubten
wir, wir würden, wenn wir Gott beiseite ließen und autonom würden und
nur unseren Ideen, unserem Willen folgten, wirklich frei, weil wir alles
tun könnten, was wir wollten, ohne daß uns irgend jemand irgendwelche
Befehle geben könne. Aber wo Gott verschwindet, wird der Mensch nicht
größer. Im Gegenteil: Er verliert seine göttliche Würde, er verliert den
göttlichen Glanz auf seinem Angesicht. Schließlich erweist er sich nur
als das Produkt einer blinden Evolution und als solches kann er
gebraucht und mißbraucht werden. Gerade das hat die Erfahrung dieser
unserer Zeit bestätigt.
Nur wenn Gott groß ist, ist auch der Mensch groß. Mit
Maria sollen wir beginnen zu verstehen, daß dies so ist. Wir dürfen uns
nicht von Gott entfernen, sondern wir müssen Gott gegenwärtig werden
lassen. Wir sollen Ihn in unserem Leben groß sein lassen, dann werden
auch wir göttlich werden, und all der Glanz der göttlichen Würde wird
dann auch uns zuteil. Es ist wichtig, daß Gott unter uns groß ist, im
öffentlichen und privaten Leben. Im öffentlichen Leben ist es wichtig,
daß Gott zum Beispiel durch das Zeichen des Kreuzes in den öffentlichen
Gebäuden gegenwärtig ist und daß er in unserem gemeinschaftlichen Leben
gegenwärtig ist, denn nur wenn Gott gegenwärtig ist, haben wir eine
Orientierung, einen gemeinsamen Weg. Andernfalls werden die Gegensätze
unversöhnlich, weil die Anerkennung einer gemeinsamen Würde fehlt.
Lassen wir Gott groß sein im öffentlichen und privaten Leben. Das
bedeutet auch, daß wir Gott jeden Tag im persönlichen Leben Raum geben,
angefangen beim morgendlichen Gebet, und daß wir Gott Zeit geben, indem
wir den Sonntag Gott schenken. Wir verlieren unsere freie Zeit nicht,
wenn wir sie Gott schenken. Wenn Gott in unsere Zeit eintritt, wird die
ganze Zeit größer, weiter, reicher.
Eine zweite Bemerkung. Dieses Gedicht Marias – das Magnificat
– ist vollkommen neuartig; dennoch ist es zugleich ein »Gewebe«, das
ganz aus »Fäden« des Alten Testaments besteht, aus dem Wort Gottes. Und
so sehen wir, daß Maria sozusagen im Wort Gottes »zu Hause« war, vom
Wort Gottes lebte und vom Wort Gottes durchdrungen war. In dem Maß, in
dem sie mit den Worten Gottes sprach, mit ihnen dachte, waren ihre
Gedanken die Gedanken Gottes, waren ihre Worte die Worte Gottes. Sie war
vom göttlichen Licht durchdrungen und deshalb war sie so leuchtend, so
gütig, so strahlend vor Liebe und Güte. Maria lebt vom Wort Gottes, sie
ist vom Wort Gottes durchdrungen. Und dieses Eingetaucht- Sein in das
Wort Gottes, diese vollständige Vertrautheit mit ihm schenkt ihr auch
das innere Licht der Weisheit. Wer mit Gott denkt, denkt gut, und wer
mit Gott spricht, spricht gut. Er hat Urteilskriterien, die für alle
Dinge dieser Welt gelten. Er wird klug, weise und gleichzeitig gut; er
wird auch stark und mutig mit der Kraft Gottes, die dem Bösen widersteht
und das Gute in der Welt fördert.
Und so spricht Maria mit uns, sie spricht zu uns und
lädt uns ein, das Wort Gottes kennenzulernen, das Wort Gottes zu lieben,
mit dem Wort Gottes zu leben, mit dem Wort Gottes zu denken. Dies
können wir auf ganz verschiedene Weise tun: indem wir die Heilige
Schrift lesen, und vor allem indem wir an der Liturgie teilnehmen, in
der die heilige Kirche im Lauf des Jahres vor uns das Buch der Heiligen
Schrift öffnet. Sie öffnet es für unser Leben und läßt es in unserem
Leben gegenwärtig werden. Aber ich denke auch an das Kompendium des
Katechismus der Katholischen Kirche, das wir vor kurzem veröffentlicht
haben und in dem das Wort Gottes auf unser Leben angewendet, die
Wirklichkeit unseres Lebens interpretiert wird. Es hilft uns, in den
großen »Tempel« des Wortes Gottes einzutreten, es lieben zu lernen und
wie Maria von diesem Wort durchdrungen zu werden. So wird das Leben
voller Licht und wir haben ein Kriterium, auf dessen Grundlage wir
Urteile fällen können; wir empfangen Güte und Stärke zugleich.
Maria wurde mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des
Himmels aufgenommen, und mit Gott und in Gott ist sie die Königin des
Himmels und der Erde. Ist sie etwa dadurch weit von uns entfernt? Das
Gegenteil ist wahr. Denn gerade weil sie mit Gott und in Gott ist, ist
sie jedem von uns ganz nahe. Als sie auf der Erde war, konnte sie nur
wenigen Menschen nahe sein. Weil sie in Gott ist, der uns nahe ist, der
vielmehr uns allen »innerlich« ist, hat Maria Anteil an dieser Nähe
Gottes. Weil sie in Gott und mit Gott ist, ist sie jedem von uns nahe,
sie kennt unser Herz, sie kann unsere Gebete hören, sie kann uns mit
ihrer mütterlichen Güte helfen und sie ist uns – wie der Herr gesagt hat
– als »Mutter« gegeben, an die wir uns in jedem Augenblick wenden
können. Sie hört uns immer, sie ist uns immer nahe, und weil sie die
Mutter des Sohnes ist, hat sie Anteil an der Macht des Sohnes, an seiner
Güte. Wir können immer unser ganzes Leben dieser Mutter anvertrauen,
die niemandem von uns fern ist.
Danken wir dem Herrn an diesem Festtag für das Geschenk
seiner Mutter, und bitten wir Maria, daß sie uns hilft, jeden Tag den
rechten Weg zu finden. Amen
 |
| Aufnahme Mariens, links Benedikt, Laurentius, rechts Maria Magdalena und Scholastika |
Das Heiligtum Dormitio im Heiligen Land (Entschlafung Mariens), Papst Benedikt XVI., Generalaudienz, 15. August 2008
Peter Paul Rubens, Musee d´arts, Brüssel, Hymnus O Jungfrau rein und makellos
Mosaik der Aufnahme Mariens, Rosenkranzbasilika Lourdes, Heiser: Völker tanzt, Judith als Vorausbild, 2018
Hochaltarbild in S. Luigi dei Francesi, Rom, Matthäusbilder von Caravaggio
Hochaltar Figurengruppe mit Heilig Geist Glasfenster im Dom zu Neapel, dem hl. Januarius und der Aufnahme Mariä geweiht
Hochaltarbild Maria Himmelfahrt, Piaristenkirche, Krems
Glasfenster der Aufnahme Mariens, Dominikanerkirche, Brüssel
Rom,
S. Maria della Scala - Rom, am Grab von
François Xavier Kardinal Nguyên Van Thuâ
Tafelbild in der Kathedrale zur Aufnahme Mariens, Katedrala Marijina Uznesenja, Zagreb
Das Mariengrab in Jerusalem
Hochaltarbild in der Stiftskirche in Göttweig, am Grab von Altmann
Aufnahme und Krönung Mariens in Santa Maria Maggiore, Schnitzler
Bild von Aufnahme Mariens von 1696, J. M. Rottmayr in Stiftskirche Heiligenkreuz
Deckenfresko im Schatzsaal von Loreto
Hochaltarbild in der Sachsler Pfarrkirche am Grab des hl. Niklaus von der Flüe
Kathedrale Burgos, Glasfenster und Figurengruppe von Aufnahme und Krönung, Balthasar , 2013
Krönung Mariens an der Außenfassade des Doms von Orvieto, Balthsar, Du krönst das Jahr
Glasfenster des Todes (Kommunionempfang) und der Aufnahme Mariens in La Salette, Adrienne v. Speyr