Mittwoch, 12. April 2017

Der Verrat

Judas mit dem Geldsäckchen, Petrus spricht zu Johannes, Mosaikkopie vom Abendmahl v. Leonardo da Vinci
Minoritenkirche Wien



Die Jünger taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.
Als es Abend wurde, begab er sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch.
Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten und ausliefern.
Da waren sie sehr betroffen, und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr?
Er antwortete: Der, der die Hand mit mir in die Schüssel getaucht hat, wird mich verraten.
Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.
Da fragte Judas, der ihn verriet: Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus sagte zu ihm: Du sagst es.

(Mt 26,19-25, aus dem Tagesevangelium vom Mittwoch der Karwoche)



 

Wenn wir von Judas reden, tun wir gut, den Blick nicht nur bei ihm allein zu lassen. Judas hat den Verrat vollendet - war er aber der einzige, der in dessen Reichweite kam?

Was hat denn Petrus getan, den Jesus auf den Berg der Verklärung mitgenommen und zum Felsenfundament und Schlüsselträger gemacht hatte? Als die Gefahr sich zusammenzog und sie in erbärmlichster Form durch die Behauptung der Türmagd an ihn herantrat: „auch der da hat zu ihm gehört" - da hat er doch erklärt: „Weib, ich kenne ihn nicht.“  Und beteuert und geschworen, einmal und zweimal und dreimal. Das war doch Verrat; und daß er darin nicht unterging, sondern den Weg zur Reue und Umkehr fand, hat ihm nur Gottes Gnade geschenkt.

Wie war das mit Johannes? Auch er ist doch geflohen, und diese Flucht hat bei ihm, der an Jesu Brust gelegen, besonders schwer gewogen. Gewiß, er ist wiedergekommen und hat unter dem Kreuz gestanden - aber daß er wiederkommen konnte, wurde ihm gegeben. Die andern alle aber sind „zerstreut worden wie die Schafe, wenn der Hirt geschlagen wird“.

Und das Volk? Dem er Hilfe über Hilfe erwiesen, die Kranken geheilt, die Hungrigen gespeist und die Herzen gestärkt hatte? Das ihn, vom Geist erleuchtet, als den Messias erkannt und ihn umjubelt hatte? Wie hat ihn doch das Volk verraten, als es ihm einen Straßenräuber vorzog! Und Pilatus? Das berührt einen ja am Gespräch zwischen ihm und dem Herrn so tief: daß in einem bestimmten Augenblick der skeptische Römer Jesus in Gefühl und Blick bekommen hat. Man empfindet die Welle der Sympathie, die hinüber und herüber geht. Dann aber setzt die rechnende Vernunft ein, und Pilatus „wäscht sich die Hände". Nein, in Judas ist mit nackter Schrecklichkeit herausgekommen, was überall um Jesus herum als Möglichkeit lebte. Im Grunde hat keiner von ihnen viel Ursache, sich über Judas zu erheben.

Auch wir haben keine. Wir wollen uns das sehr eindringlich klarmachen. Der Verrat an Gott ist uns allen furchtbar nahe. Was kann ich denn verraten? Das, was sich meiner Treue anvertraut hat. Gibt es viele Tage in unserm Leben, an dem wir ihn, unser bestes Wissen, unser heiligstes Gefühl, unsere Pflicht, unsere Liebe nicht für eine Eitelkeit, für eine Sinnlichkeit, für einen Gewinn, für eine Sicherheit, für einen Haß, für eine Rache preisgegeben haben? Ist das mehr als dreißig Silberlinge? Wir haben wenig Veranlassung, über den Verräter zu sprechen als über etwas, was drüben steht, vielleicht noch mit Entrüstung. Uns selbst enthüllt Judas.
In dem Maße versteht man ihn christlich, als man ihn aus den bösen Möglichkeiten des eigenen Herzens heraus versteht, und Gott bittet, Er möge den Verrat, in den wir immer wieder gleiten, nicht sich verfestigen lassen. Denn daß der Verrat sich verfestigt; daß er vom Herzen Besitz nimmt und dieses Herz keinen Weg mehr in die Reue findet - das ist Judas!
(Romano Guardini, Der Herr, 418)

Minoritenkirche, Wien

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