Montag, 30. Januar 2017

Don Bosco - sind Träume bloß Schäume?





Am Abend des Neujahrstages 1866 erzählte Don Bosco vor der versammelten Schar seiner Jungen den folgenden Traum:

“Mir schien es, als befände ich mich irgendwo in der Nähe von Castelnuovo d'Asti; es war aber anderswo. Alle Jungen des Oratoriums spielten vergnügt auf einer großen Wiese. Da kamen plötzlich Wasserfluten heran. Eine Überschwemmung drohte uns von allen Seiten. Das Wasser schwoll ständig an und kam immer näher. Der Po war über seine Ufer getreten und gewaltige, alles verheerende Wassermassen überfluteten das Land
Von Schreck überwältigt eilten wir auf eine große, alleinstehende Mühle zu, deren Mauern so dick waren wie die einer Festung. In ihrem Hof blieb ich mit meinen Jungen stehen. Die Wassermassen drangen aber bis dorthin vor. So waren wir alle gezwungen, uns in das Haus zurückzuziehen. Bald mußten wir sogar die obersten Räume beziehen. Vom Fenster aus überschauten wir die Überschwemmung. Die Wasserfläche reichte wie ein ungeheurer See von den Hügeln bei Superga bis zu den Alpenwiesen. Wir sahen die Wasserfläche, aber keine bebauten Felder, Gemüsegärten, Wälder, Bauernhöfe, auch keine Dörfer und Städte mehr. Beim Ansteigen des Wassers waren wir bis in den obersten Stock des Gebäudes gestiegen. Da alle Hoffnung auf menschliche Hilfe geschwunden war, begann ich, meinen lieben Jungen Mut zu machen. Ich sagte ihnen, sie sollten sich mit vollstem Vertrauen den Händen Gottes überlassen und in die Arme unserer lieben himmlischen Mutter flüchten.
Bald jedoch war das Wasser sogar bis zum obersten Stock gestiegen. Da waren alle sehr erschrocken. Wir sahen keine andere Rettung mehr, als uns auf ein großes Floß, eine Art Schiff, zurückzuziehen, das in jenem Augenblick aufgetaucht war und nahe an uns vorbeischwamm.
Jeder atmete bei dessen Anblick erleichtert auf und versuchte, sich als erster zu retten. Es wagte aber doch keiner, weil das Schiff sich dem Haus nicht ganz nähern konnte. Eine Mauer, die etwas aus dem Wasser ragte, hinderte es daran. Um hinüber zu kommen, bot sich nur ein langer, schmaler Baumstamm als Hilfsmittel. Es war jedoch sehr schwer hinüberzugehen, denn der Stamm ruhte mit einem Ende auf dem Boot und senkte sich mit diesem, wenn es von den Wellen geschaukelt wurde.
Ich faßte Mut und ging als erster hinüber. Um die Jungen zu beruhigen und das Überschreiten zu erleichtern, bestimmte ich einige Kleriker oder Priester, welche die Übersteigenden etwas stützen und den Ankommenden vom Boote aus die Hand reichen sollten. Aber merkwürdig, von dieser leichten Arbeit wurden die Kleriker und Priester so müde, daß der eine hier, der andere dort vor Ermüdung umsank. Das gleiche geschah auch jenen, die an ihre Stelle traten. Verwundert wollte ich es selber einmal probieren. Ich fühlte mich jedoch auch bald so matt, daß ich mich nicht mehr halten konnte. Indessen machten sich viele ungeduldige Jungen, vielleicht aus Angst oder um sich mutig zu zeigen, eine zweite Brücke. Sie hatten nämlich ein Brett gefunden, das lang genug und noch etwas breiter war als der Baumstamm. Sie warteten aber nicht auf die Hilfestellung der Kleriker und Priester, sondern wollten voreilig hinüberlaufen. Sie hörten auch nicht auf meine Warnung. Ich rief ihnen zu: “Halt, halt, wenn ihr nicht hineinfallen wollt!” So geschah es, daß viele, die von anderen gestoßen wurden oder das Gleichgewicht verloren, hinunterfielen und das Boot nicht erreichten. Von den trüben und faulen Wasserfluten wurden sie verschlungen und man sah sie nicht mehr. Bald sank dann die eigens gebaute Brücke ein mit allen, die darauf standen. Ihre Zahl war groß; ein Viertel all unserer Jungen wurde ein Opfer ihres Eigenwillens.
Bis jetzt hatte ich das eine Ende des Baumstammes festgehalten, derweil die Jungen hinübergingen. Da gewahrte ich, daß das Wasser noch über die hindernde Mauer gestiegen war und fand Mittel, das Floß dicht an die Mühle zu stoßen. Dort stand noch Don Cagliero mit dem einen Bein auf der Fenstermauer und mit dem andern auf dem Rand des Bootes. So ließ er die Jungen hinüberspringen, die noch in den Räumen der Mühle zurückgeblieben waren. Er reichte ihnen die Hand und half ihnen sicher auf das Floß.
Aber noch waren nicht alle Jungen gerettet. Einige waren auf den Speicher und von dort aus auf das Dach geklettert. Auf der höchsten Stelle hatten sie sich dicht aneinander gedrängt, während die Überschwemmung unaufhörlich stieg, ohne einen Augenblick auszusetzen. Schon hatte sie die Dachrinne überflutet und bedeckte einen Teil der Dachränder. Mit dem Wasser war aber auch das Boot gestiegen. Ich beobachtete die armen Jungen, die in so schrecklicher Bedrängnis waren, und rief ihnen zu, sie sollten recht innig beten, sich ganz still verhalten und mit den Armen ineinandergelegt herunterkommen, um nicht auszugleiten. Sie gehorchten und als das Floß an die Dachrinne herankam, gelangten alle von ihren Kameraden unterstützt, an Bord. Hier sah man in vielen Körben eine Menge Brot. Als wir alle auf dem Floß waren — immer noch unsicher, ob wir dieser Gefahr entrinnen würden — übernahm ich als Kapitän das Kommando und sagte zu den Jungen: “Maria ist der Meeresstern, sie verläßt keinen, der auf sie vertraut. Stellen wir uns alle unter ihren Schutz. Sie wird uns aus diesen Gefahren erretten und in einen ruhigen Hafen führen.”
Darauf überließen wir das Schiff den Wellen. Es kam in Bewegung, schwamm ruhig und bewegte sich von jenem Ort. (Facta est quasi navis institoris, de longe portans panem suum — es gleicht dem Schiff eines Kaufmanns und trägt von weit her sein Brot. Spr. 31/14.)
Die vom Winde gepeitschten Wogen stießen das Floß so schnell, daß wir, um nicht herunter zu fallen, uns eng aneinander drückten und gleichsam nur einen Körper bildeten.
Nachdem wir in kurzer Zeit eine große Strecke zurückgelegt hatten, hielt das Floß plötzlich an, drehte sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit um sich selbst. Es schien unterzugehen. Aber ein sehr heftiger Wind trieb es aus dem Strudel heraus. Dann schlug es einen regelmäßigeren Kurs ein. Wohl kam hin und wieder ein Wirbel, aber auch der rettende Wind und bald hielt das Schiff an einem trockenen Gestade. Es schien ein Hügel zu sein, der mitten aus dem Meer hervorragte und sehr schön aussah.
Viele Jungen waren davon ganz bezaubert. Sie sagten auch, der Herr habe die Menschen auf die Erde und nicht auf das Wasser gesetzt. Und ohne um Erlaubnis zu fragen, verließen sie jubelnd das Floß, luden uns auch ein, ihnen zu folgen und stiegen ans Ufer. Ihre Zufriedenheit dauerte aber nicht lange, denn die Fluten schwollen wieder an und bei einem plötzlichen Wüten eines gewaltigen Sturmes stiegen sie am Ufer empor. Nun stießen die unglücklichen Jungen verzweifelte Schreie aus. Sie standen bald bis an die Hüften im Wasser und verschwanden kopfüber in den Fluten. Da rief ich: “Ja, es ist wirklich wahr. “Wer nach seinem eigenen Kopf handeln will, muß aus seinem eigenen Geldbeutel bezahlen.”
Das Schiff drohte wiederum in der Gewalt des Sturmes unterzugehen. Ich schaute auf meine Jungen; sie waren bleich im Gesicht und keuchten. “Habt nur Mut”, rief ich ihnen zu, “Maria wird uns nicht verlassen. ” Wir verrichteten nun gemeinsam die Akte des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe und der Reue und beteten dann noch einige Vaterunser und Gegrüßte seist du Maria und zum Schluß noch das Salve Regina. Darauf hielten wir uns noch einmal knieend bei den Händen und jeder betete still für sich weiter. Trotz der Gefahr blieben einige jedoch ziemlich gleichgültig. Sie hatten sich aufgestellt, gingen hin und her, als wenn nichts wäre, lachten miteinander und machten sich fast lustig über die betende Haltung ihrer Kameraden. Da hielt das Schiff ganz plötzlich an, drehte sich schnell um die eigene Achse und ein wütender Sturm schleuderte jene Unglückseligen in die Fluten. Es waren dreißig Jungen. Kaum lagen sie in dem tiefen schlammigen Wasser, sah man nichts mehr von ihnen. Wir stimmten das Salve Regina an und flehten mehr denn je aus tiefstem Herzen um den Schutz des Meeressterns Maria.
Nun wurde es ruhig. Das Schiff schwamm wie ein Fisch immer weiter und wir wußten nicht, wohin es uns bringen würde. An Bord wurde eifrig und fortdauernd eine Rettungsaktion betrieben und alles getan, um zu verhindern, daß noch mehr Jungen ins Wasser fielen. Man gab sich auch alle Mühe, die Hineingefallenen zu retten. Es waren ja immer wieder einige, die sich unvorsichtig über die niedrigen Ränder des Floßes lehnten und ins Wasser fielen. Selbst ungezogene und schlimme Jungen waren dort, die ihre Kameraden an den Rand des Floßes riefen und dann ins Wasser stießen. Deswegen besorgten einige Priester kräftige Stangen und dicke Stricke und Angelhaken. Andere befestigten die Haken an den Stangen und teilten sie an einzelne aus. Manche standen schon mit erhobenen Stangen auf Posten. Sie schauten gespannt auf das Wasser und lauschten aufmerksam auf jeden Hilferuf. Kaum fiel ein Junge hinein, dann senkte sich die Stange und der Schiffbrüchige klammerte sich an das Seil oder wurde mit dem Haken an den Kleidern oder am Gürtel gepackt, herausgezogen und gerettet. Doch gab es auch Jungen, welche die Arbeit der Angler und der Kameraden, die Angelhaken bereiteten und verteilten, störten und behinderten. Die Kleriker hielten überall Aufsicht, um die Jungen in Ordnung zu halten; es waren nämlich viele.
Ich stand unter einer hohen Flagge, die in der Mitte aufgepflanzt war. Um mich herum waren viele Jungen, Priester und Kleriker, die meine Anordnungen ausführten. So lange sie fügsam waren und meinen Worten willig folgten, ging alles gut. Wir waren ruhig, zufrieden und fühlten uns sicher. Aber bald fanden einige das Floß unbequem. Sie fürchteten eine lange Reise, beklagten sich über die Gefahren und Entbehrungen, stritten um den Ort der Landung und überlegten, ob man nicht eine andere Zuflucht finden könnte. Sie gaben sich der törichten Hoffnung hin, es sei Land in der Nähe, wo man sichere Unterkunft finden könnte. Sie vermuteten, unser Proviant würde ausgehen und fragten sich untereinander, ob man nicht doch den Gehorsam verweigern sollte. Vergebens suchte ich sie mit Vernunftsgründen zu bewegen und zu überzeugen.
Plötzlich waren andere Flöße in Sicht. Sie nahmen jedoch einen anderen Kurs, als sie in unserer Nähe waren. Da beschlossen einige unkluge Jungen, sich von mir zu entfernen, ihren Launen zu folgen und selbst einen Versuch zu machen. Sie warfen einige Bretter ins Wasser, die auf unserem Floß lagen, und sie entdeckten auch einige, die nicht weit entfernt im Wasser schwammen und ziemlich breit waren. Sie sprangen darauf und entfernten sich auf ihnen. Es war eine unbeschreiblich schmerzliche Szene für mich. Sah ich doch diese Unglücklichen ihrem Untergang entgegentreiben. Der Wind blies scharf und die Wellen wurden stark bewegt. Einige Jungen versanken und wurden wild hin‑ und hergeschleudert. Andere gerieten in einen Strudel und wurden in die Tiefe gerissen. Wieder andere stießen auf Hindernisse an der Wasseroberfläche und verschwanden kopfüber in den Tiefen. Einigen gelang es, auf eines der Flöße zu springen, versanken aber bald darauf. Die Nacht war finster und schwarz. Von weitem hörte man die herzzerreißenden Schreie der Ertrinkenden. Alle gingen unter. ‚In mare mundi submergentur omes illi quos non suscipit navis ista‘m — Im Meere der Welt gehen alle unter, die nicht von diesem Boote — dem Schiff Mariens — aufgenommen werden.
Die Zahl meiner lieben Jungen war nun stark verringert. Trotzdem vertrauten wir weiter auf den Schutz der Gottesmutter. Nach einer langen, finsteren Nacht fuhr das Schiff in eine schmale Meerenge hinein. Diese befand sich zwischen zwei schlammigen Ufern, die mit Gestrüpp, dicken Felsbrocken, Kieselsteinen, Baumstämmen, Reisig, Stücken von Leichen, Balken und Rudern bedeckt waren. Um das Floß herum sah man Taranteln, Kröten, Schlangen, Drachen, Krokodile, Quallen, Vipern und tausend andere häßliche Tiere. Auf Trauerweiden, deren Zweige bis auf unser Floß hingen, standen vierfüßige Tiere, Riesenkatzen von ungewohnter Form, die Teile von menschlichen Gliedern zerfleischten. Auch viele Affen baumelten von den Zweigen herab und machten Anstrengungen, die Jungen zu fassen und herunterzuschleudern. Diese bückten sich aber geschickt und entgingen so den Nachstellungen. Auf jenem Kiesgrund war es auch, wo wir zu unserer großen Überraschung und voll Schrecken die armen Kameraden wiedersahen, die wir verloren hatten oder die uns verlassen hatten. Nach dem Schiffbruch waren sie auf diesen Strand geworfen worden. Bei einigen von ihnen waren die Gliedmaßen durch den heftigen Anprall gegen die Klippen zerstückelt. Andere waren im Sumpf versunken und man sah von ihnen nur noch die Haare und einen halben Arm. Hier ragte ein Rücken, dort ein Kopf aus dem Schlamm heraus. Auch sahen wir einen Leichnam. Und plötzlich erscholl die Stimme eines Jungen, der auf dem Floß war und rief: “Dort ist ein Scheusal, welches das Fleisch des so und so frißt!” Wiederholt rief er den Namen des Unglücklichen und zeigte ihn den erschrockenen Kameraden.
Noch ein anderes Bild zeigte sich unseren Augen. Nicht weit entfernt davon erhob sich ein gewaltiger Feuerofen, in dem eine gewaltige, heiße Glut loderte. Man sah darin bunt durcheinander gewürfelt menschliche Körperteile, Füße, Beine, Arme, Hände, Köpfe. Sie alle rührten sich, kamen nach oben und verschwanden wieder in den Flammen, gleichwie Gemüse im Kochtopf. Bei genauer Betrachtung erkannten wir voll Schrecken viele unserer Schüler. Über dem Feuer war etwas wie ein gewaltiger Deckel. Darauf stand geschrieben: Das sechste und das siebente führen hierher.”
In der Nähe war ein weiter, hoher Hügel, bedeckt mit zahlreichen bunt durcheinanderstehenden Wildbäumen. Dort hielten sich viele unserer Jungen auf, die ins Wasser gefallen waren oder sich im Laufe der Fahrt von uns entfernt hatten. Ich stieg an Land, ohne auf die Gefahr zu achten, und näherte mich ihnen. Da sah ich ihre Augen, Ohren, ihr Haar und sogar ihre Herzen voller Insekten und häßlicher Würmer, die ihnen heftige Schmerzen bereiteten. Einer litt mehr als der andere. Ich wollte mich einem von ihnen nähern, doch er lief davon und verbarg sich hinter den Bäumen. Einige öffneten vor Schmerz ihre Kleider und zeigten ihren von Schlangen umwundenen Körper. Manche hatten Vipern an der Brust.
Da zeigte ich allen eine Quelle, die reichlich frisches und eisenhaltiges Wasser gab. Wer sich darin wusch, wurde im Augenblick geheilt und konnte zum Floß zurückkehren. Die meisten dieser Unglücklichen folgten meiner Weisung, einige aber weigerten sich. Darauf verließ ich die Zaudernden und wandte mich an jene, die gesund geworden waren. Sie hatten meiner Bitte entsprochen und waren sogleich in Sicherheit; denn die Scheusale hatten sich verkrochen. Kaum befanden wir uns auf dem Floß, da verließ es, vom Winde getrieben, die Meerenge nach einer anderen Seite hin und gelangte erneut in einen weiten Ozean ohne Grenzen.
Wir alle beklagten das traurige Los und das bedauernswerte Ende unserer Kameraden, die an jenem Ort zurückgeblieben waren. Dann fingen wir an, das Lob Mariens zu singen als Dank für den Schutz, den uns die Gottesmutter gewährt hatte. Wie auf Befehl Mariens hörte ganz plötzlich das Sturmesbrausen auf und das Schiff fuhr schnell und mit einer unglaublichen Leichtigkeit auf den geglätteten Wogen dahin. Und siehe, am Himmel erschien ein wunderbarer Regenbogen, der sich in ein Nordlicht verwandelte. Im Dahinfahren lasen wir darin das Wort “MEDOUM”. Seine Bedeutung wußten wir jedoch nicht. Mir schien es aber, daß jeder Buchstabe der Anfangsbuchstabe folgender Worte sei: ‚Mater et Domina Omnis Universi Maria — Maria ist die Mutter und Herrin der ganzen Welt. '
Nach einer langen Fahrt tauchte in weiter Ferne am Horizont Land auf. Während wir immer näher kamen, empfanden wir in unserem Herzen eine unaussprechliche Freude; denn dieses Land war überaus schön. Es hatte Wälder mit den verschiedensten Bäumen. Es bot einen entzückenden Anblick und war von der aufgehenden Sonne beleuchtet, die über die Hügel schien. Dieses Licht besaß einen unsagbar beruhigenden Glanz, gleichwie der Sonnenschein an einem herrlichen Sommerabend. Es strömte ein Gefühl der Ruhe und des Friedens aus. Schließlich stieß das Boot in den Sand des Strandes hinein und rutschte sogar noch ein Stück im Sand weiter hinauf. Es hielt ganz im Trockenen am Fuße eines herrlichen Weinberges. Von diesem Floß darf man wohl sagen: “Eam tu Deus pontem fecisti, quo a mundi fluctibus traicientes ad tranquillum portum tuum deveniamus — O Gott, Du hast es zu einer Brücke gemacht, auf der wir die Fluten des Meeres überqueren und so Deinen ruhigen Hafen erreichen konnten.”
Die Jungen wünschten sogleich in den Weinberg zu gehen und einige, neugieriger als die andern, waren mit einem Sprung draußen auf dem Strand. Sie hatten aber nur einige Schritte gemacht, da erinnerten sie sich an das traurige Geschick jener, die sich vorher vom Land betören ließen, das mitten im stürmischen Meer gelegen hatte, und sie kehrten eilig auf das Floß zurück.
Aller Augen waren auf mich gerichtet und man las in jedem Gesicht die Frage: “Don Bosco, ist es Zeit auszusteigen oder müssen wir noch hier bleiben?” Ich überlegte kurz und sagte dann zu ihnen: “Aussteigen. Nun ist es Zeit, wir sind jetzt sicher.”
Ein allgemeiner Freudenruf erscholl. Alle rieben sich zufrieden die Hände und betraten den Weinberg in bester Ordnung. Von den Reben hingen große Trauben herab wie im Gelobten Land, und auf den Bäumen waren Früchte aller Art von einem nie gekosteten Geschmack. Sie waren eine wahre Labung in der warmen Jahreszeit. Mitten in diesem ausgedehnten Weinberg erhob sich ein Schloß, das von einem herrlichen königlichen Garten mit starken Mauern umgeben war.
Wir lenkten unsere Schritte dorthin, um es zu besichtigen. Es wurde uns freier Eintritt gewährt. Wir waren müde und hungrig. In einem weiten mit Gold gezierten Saal stand ein für uns gedeckter Tisch. Darauf befanden sich die auserlesensten Speisen aller Art. Ein jeder durfte ganz nach Belieben davon nehmen. Als wir uns gut gestärkt hatten, trat ein edler, fein gekleideter Jüngling von unbeschreiblicher Anmut ein. Er begrüßte uns alle mit herzlich vertrauter Höflichkeit und nannte uns alle dabei mit Namen. Er bemerkte unser Erstaunen über seine Schönheit und über all das Geschaute und sagte: “Das ist noch gar nichts. Kommt und sehet!” Wir folgten ihm. Er ließ uns nun von der Säulenhalle aus die Gärten betrachten und sagte, diese ständen uns zur Erholung ganz zur Verfügung. Dann führte er uns von Saal zu Saal, von denen einer prächtiger war als der andere in Bauweise, Säulenarten und Ornamenten. Dann öffnete er die Türe zu einer Kapelle und lud uns zu einem Besuch ein. Von außen schien die Kapelle klein zu sein; aber kaum hatten wir ihre Schwelle überschritten, da gewahrten wir ihre große Ausdehnung, so daß wir von einem Ende kaum das andere sehen konnten. Der Boden, die Gewölbe und die Wände waren so reich und so kunstvoll mit Marmor, Silber, Gold und kostbaren Edelsteinen geziert, daß ich außer mir vor Verwunderung ausrief: “Das ist ja eine himmlische Pracht. Ich verpflichte mich vertraglich, immer hier zu bleiben.”
Mitten in diesem großen Dom erhob sich auf einem prächtigen Grund ein großes, herrliches Standbild Mariens, der Helferin der Christen. Nachdem wir die Jungen, die sich nach allen Richtungen hin zerstreut hatten, um die Schönheit des heiligen Raumes genauer zu betrachten, wieder gesammelt hatten, zog unsere ganze Schar zu diesem Muttergottesbilde, um der reinsten Jungfrau für so viele erwiesene Wohltaten zu danken. Da gewahrte ich erst so richtig, wie groß diese Kirche war; denn die Tausende von Jungen schienen nur eine kleine Gruppe in ihrer Mitte zu sein.
Nun standen die Jungen vor dem Marienbild und betrachteten es. Das Antlitz der Gottesmutter war himmlisch‑schön. Plötzlich schien sich das Bild zu bewegen und zu lächeln. Darauf erfolgte ein Murmeln und eine Bewegung in der Menge. Einige riefen aus: “Die Madonna bewegt die Augen!” In der Tat richtete Maria mit unaussprechlicher Güte ihre Augen auf die Jungen. Kurz darauf erscholl ein zweiter Ruf von allen: “Die Gottesmutter bewegt die Hände!” In der Tat breitete sie langsam ihre Arme aus und hob ihren Mantel, als wollte sie uns alle darunternehmen. Vor Erschütterung liefen uns die Tränen über die Wangen. Und wieder sagten einige: “Die Madonna bewegt die Lippen. ” Es wurde nun mäuschenstill. Maria öffnete den Mund und redete uns mit wohlklingender und überaus lieblicher Stimme mit den Worten an: “Wenn ihr meine lieben und treu ergebenen Kinder seid, werde ich euch eine gütige Mutter sein.”
Bei diesen Worten fielen wir alle auf die Knie und sangen das Lied: “Lobet Maria, ihr gläubigen Zungen. ” So endete die Vision. —
Seht, meine lieben Jungen! In diesem Traum erkennen wir das stürmische Meer dieser Welt. Wenn ihr folgsam seid, wenn ihr meinen Weisungen und nicht den schlechten Ratgebern folgt, wenn wir uns alle anstrengen, das Gute zu tun und das Böse zu fliehen und alle unsere schlechten Neigungen bekämpfen, dann werden wir am Ende unseres Lebens an diesen sicheren Strand gelangen. Dort wird uns ein Bote Mariens entgegenkommen und uns im Namen Gottes heimholen, damit wir uns von unseren Mühen ausruhen, und zwar in einem königlichen Garten, d. h. im Himmel, in seiner liebenswerten, göttlichen Gegenwart. Wenn ihr aber das Gegenteil von dem tut, was ich euch sage, wenn ihr nach euren eigenen Launen gehen wollt und auf mich nicht hört, dann werdet ihr elenden Schiffbruch erleiden.”
 
(Lem. VIII, 282-283)
 
Don Bosco gab später noch weitere Erklärungen zu diesem Traum. Er sagte:

“Die Wiese ist die Welt; das Wasser, das uns zu verschlingen drohte, sind die Gefahren dieser Welt. Die so weit ausgedehnte, furchtbare Überschwemmung sind die Laster, die antireligiösen Grundsätze und die Verfolgung der Guten. Die Mühle ist ein einsamer, ruhiger Platz, der immer bedroht ist, es ist das Haus des Brotes, die katholische Kirche. Die Körbe mit Brot versinnbilden die heilige Eucharistie, die den Fahrern als Wegzehrung dient. Das Floß ist das Oratorium; der Baumstamm, der die Brücke von der Mühle zum Floß bildete, ist das Kreuz, besonders das Opfer seiner selbst für Gott in christlich ergebener Abtötung. Die Meerenge, die Katzen, Affen und die übrigen Ungetüme sind die schlechten Gelegenheiten und Versuchungen zur Sünde. Die Insekten in den Augen, auf der Zunge, im Herzen sind schlechte Blicke, gemeine Reden und ungeordnete Neigungen.

Der Brunnen mit eisenhaltigem Wasser, das die Kraft hatte, alle Insekten zu töten und im Augenblick zu heilen, sind die Sakramente der heiligen Beichte und der heiligen Kommunion. Der Schlamm ist der Ort der Sünde und das Feuer der Ort der Verdammnis. Man möge jedoch wissen, daß nicht alle, die in den Schlamm fielen, die man dann nicht mehr sah und die dann in den Flammen brannten, auf ewig zur Hölle verdammt seien. Nein! Gott bewahre uns davor, so etwas zu sagen. Es bedeutet aber, daß sich diese in jenem Augenblick in der Ungnade Gottes befanden, und wären sie in diesem Zustande gestorben, dann wären sie auf ewig verlorengegangen.”
(Quelle)

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