Mittwoch, 25. Januar 2017

Berufung des Paulus

Christus beruft Paulus, St John´s College, Oxford


Liebe Brüder und Schwestern!

Wir haben unsere Überlegungen zu den zwölf Aposteln, die von Jesus in der Zeit seines irdischen Lebens direkt berufen worden sind, abgeschlossen. Heute beginnen wir damit, uns den Gestalten anderer wichtiger Persönlichkeiten der Urkirche zuzuwenden. Auch sie haben ihr Leben für den Herrn, das Evangelium und die Kirche hingegeben. Es handelt sich um Männer und auch um Frauen, die – wie Lukas in der Apostelgeschichte schreibt – „für den Namen Jesu Christi, unseres Herrn, ihr Leben eingesetzt haben“ (Apg 15,26).

Der erste von ihnen ist zweifellos Paulus von Tarsus. Er wurde vom auferstandenen Herrn selbst dazu berufen, auch Apostel zu sein. Er leuchtet in der Kirchengeschichte wie ein Stern erster Größenordnung, und dies nicht nur in der Geschichte der Urkirche. Der heilige Johannes Chrysostomus charakterisiert ihn als einen Menschen, der sogar viele Engel und Erzengel übertrifft (vgl. „Panegyrikos“ 7,3). In der „Göttlichen Komödie“ bezieht sich Dante Alighieri auf die Erzählung des Lukas in der Apostelgeschichte (vgl. 9,15) und nennt ihn einfach „Gefäß der Wahl“ (Inf. 2.28), was „von Gott auserwähltes Werkzeug“ bedeutet. Andere haben ihn den „13. Apostel“ genannt – und in der Tat besteht er selbst nachdrücklich darauf, ein echter Apostel zu sein, da er ja vom Auferstandenen berufen wurde, ja er möchte sogar „der erste nach dem Einzigen“ sein. Sicher ist er nach Jesus jene Figur am Anfang des Christentums, über die wir am besten informiert sind. Wir besitzen nicht nur die Erzählung des Lukas in der Apostelgeschichte, sondern auch eine Sammlung von Briefen, die direkt aus seiner Hand stammen und uns seine Persönlichkeit und sein Denken offenbaren, ohne dass wir eines Vermittlers bedürfen. Lukas berichtet uns, dass sein ursprünglicher Name „Saulus“ lautete (vgl. Apg 7,58; 8,1 usw.) – auf Hebräisch „Saul“ (vgl. Apg 9,14.17; 22,7.13; 26,14), wie der König Saul (vgl. Apg 13,21) – und dass er ein Diasporajude war, da die Stadt Tarsus zwischen Anatolien und Syrien liegt. Sehr bald ging er nach Jerusalem gegangen, um zu Füßen des großen Rabbi Gamaliel gründlich das mosaische Gesetz zu studieren (vgl. Apg 22,3). Er hatte auch ein derbes Handwerk erlernt: Er war Zeltmacher von Beruf (vgl. Apg 18,3). So war es ihm später möglich, selbst für seinen Lebensunterhalt aufzukommen, ohne die Kirchen zu belasten (vgl. Apg 20,34; 1 Kor 4,12; 2 Kor 12,13-14).

Es war maßgeblich für ihn, die Gemeinschaft derer kennen zu lernen, die sich als Jünger Jesu bekannten. Von ihnen hatte er von einem neuen Glauben gehört, von einem neuen „Weg“, wie damals gesagt wurde, der nicht so sehr das Gesetz Gottes zur Mitte hatte, sondern die Person des gekreuzigten und auferstandenen Jesus, mit dem nunmehr die Vergebung der Sünden verbunden wurde. Als eifriger Jude hielt er diese Botschaft für inakzeptabel, ja sogar für skandalös, und er fühlte sich dazu verpflichtet, die Nachfolger Christi auch außerhalb Jerusalems zu verfolgen. Gerade auf dem Weg nach Damaskus, zu Beginn der Dreißigerjahre, wurde Saulus seinen eigenen Worten zufolge „von Christus ergriffen“ (Phil 3,12).

Während Lukas von dieser Geschichte eine detaillierte Version liefert – wie das Licht des Auferstandenen ihn berührt und von Grund auf sein ganzes Leben geändert hat –, geht er selbst in seinen Briefen direkt auf das Wesentliche ein und spricht nicht nur von einer Schau (vgl. 1 Kor 9,1), sondern von einer Erleuchtung (vgl. 2 Kor 4,6) und vor allem von einer Offenbarung und Berufung durch die Begegnung mit dem Auferstandenen (vgl. Gal 1,15-16). Er wird sich in der Tat ausdrücklich als „berufener Apostel“ definieren (vgl. Röm 1,1; 1 Kor 1,1) beziehungsweise als „Apostel durch Gottes Willen“ (2 Kor 1,1; Eph 1,1; Kol 1,1), als wolle er so betonen, dass seine Bekehrung nicht das Ergebnis von Überlegungen und Nachdenkprozessen war, sondern die Frucht eines göttlichen Eingriffs, einer unvorhersehbaren göttlichen Gnade. Nach seinen eigenen Worten ist von da an paradoxerweise alles, was vorher für ihn von Wert war, Verlust und Unrat geworden (vgl. Phil 3,7-10). Und von diesem Augenblick an setzt er all seine Energien ausschließlich für den Dienst Christi und seines Evangeliums ein. Sein Leben wird nunmehr das eines Apostels sein, der ohne Vorbehalte „allen alles sein“ will (1 Kor 9,22).

Für uns ergibt sich daraus eine sehr wichtige Lehre: 

Das, was zählt, ist: Christus in den Mittelpunkt des eigenen Lebens zu stellen, so dass unsere Identität wesentlich von der Begegnung, von der Gemeinschaft mit Christus und seinem Wort geprägt werden. In seinem Licht wird jeder andere Wert neu erlangt und gleichzeitig von eventuell vorhandenen Verunreinigungen gereinigt. Eine andere grundsätzliche Lehre, die uns Paulus bietet, besteht im universalen Atem, der sein Apostolat kennzeichnet. Als besonders dringlich empfand er das Problem des Zugangs der Heiden zu Gott, der im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus ausnahmslos allen Menschen das Heil anbietet. Deshalb hat er sich bemüht, dieses Evangelium bekannt zu machen. „Evangelium“ bedeutet ja wörtlich „die gute Botschaft“, also die „Botschaft der Gnade“, die dazu bestimmt ist, den Menschen mit Gott, mit sich selbst und mit den anderen zu versöhnen. Vom ersten Moment an hatte er verstanden, dass dies eine Wirklichkeit ist, die nicht nur die Juden oder einen bestimmten Kreis von Menschen betrifft, sondern dass sie von universalem Wert ist und alle angeht, weil Gott der Gott aller Menschen ist. Ausgangspunkt seiner Reisen war die Kirche von Antiochien in Syrien, wo das Evangelium zum ersten Mal den Griechen verkündet wurde und wo auch der Name „Christen“, das heißt Christgläubige, geprägt wurde (vgl. Apg 11,20.26). Von dort ging er zuerst nach Zypern und dann, zu verschiedenen Zeitpunkten, in die Gebiete Kleinasiens (Pisidien, Likaonien, Galatien) und nach Europa (Makedonien, Griechenland). Wichtiger waren die Städte Ephesus, Philippi, Thessalonich, Korinth, ohne dabei Beröa, Athen und Milet zu vergessen.

Das Apostolat des Paulus entbehrte nicht der Schwierigkeiten, die er voller Mut aus Liebe zu Christus auf sich nahm. Er selbst erinnert daran: „Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr… Dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, drei Mal erlitt ich Schiffbruch…; ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße. Um von allem andern zu schweigen, weise ich noch auf den täglichen Andrang zu mir und die Sorge für alle Gemeinden hin“ (2 Kor 11,23-28). Aus einem Abschnitt des Briefs an die Römer (vgl. 15,24-28) geht hervor, dass er sich bis nach Spanien vorzuwagen beabsichtigte, bis zur äußersten Grenze des Abendlandes, ja bis hin zur den Grenzen der damals bekannten Welt, um das Evangelium überall zu verkündigen.


In der folgenden Nacht aber trat der Herr zu Paulus und sagte: Hab Mut! Denn so
wie du in Jerusalem meine Sache bezeugt hast, sollst du auch in Rom Zeugnis
ablegen (Apg 23,11), St Mary Abbot, London

Wie könnte man einen solchen Mann nicht bewundern? Wie könnte man dem Herrn nicht dafür danken, dass er uns einen Apostel von dieser Statur gegeben hat? Es ist offensichtlich, dass es ihm nicht möglich gewesen wäre, so schwierigen und manchmal so verzweifelten Situationen entgegenzutreten, wäre da nicht ein Grund von absolutem Wert gewesen, angesichts dessen es keine Grenze gab, die nicht hätte überschritten werden können.
Für Paulus – wir wissen es! – war dieser Grund Jesus Christus, von dem er schreibt: „Die Liebe Christi drängt uns,… damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde“ (2 Kor 5,14-15) – für uns, für alle.

In der Tat: Der Apostel wird das äußerste Blutzeugnis unter Kaiser Nero hier in Rom ablegen, wo wir seine sterblichen Überreste aufbewahren und verehren. So schrieb von ihm Clemens von Rom, mein Vorgänger auf diesem Apostolischen Stuhl, in den letzten Jahren des ersten Jahrhunderts: „Wegen Eifersucht und Streit hat Paulus den Kampfpreis der Geduld aufgewiesen… Gerechtigkeit hat er die ganze Welt gelehrt und Zeugnis abgelegt vor den Führenden; so ist er aus der Welt geschieden und an den heiligen Ort gelangt – größtes Vorbild der Geduld“ („An die Korinther“, 5). Der Herr helfe uns, die Weisungen in die Tat umzusetzen, die der Apostel uns in seinen Briefen hinterlassen hat: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme“ (1 Kor 11,1)


(Benedikt XVI. über den Apostel Paulus, Generalaudienz vom 25. Oktober 2006)

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