Freitag, 3. Juli 2015

Sei nicht ungläubig, sondern gläubig


Sehr bekannt und geradezu sprichwörtlich ist die Szene des „ungläubigen Thomas“, die sich acht Tage nach dem Osterfest ereignet. In einem ersten Moment hatte er nicht an die Erscheinung Jesu in seiner Abwesenheit geglaubt und gesagt: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, werde ich nicht glauben!“ (Joh 20,25).

Im Grunde geht aus diesen Worten die Überzeugung hervor, dass Jesus nun nicht mehr so sehr durch sein Antlitz als vielmehr durch seine Wundmale erkennbar ist. Thomas ist der Meinung, dass die die Identität Jesu bestätigenden Zeichen jetzt vor allem die Wundmale seien, in denen sich offenbart, wie sehr er uns liebte. Darin irrt der Apostel nicht. Wie wir wissen, erscheint Jesus acht Tage später mitten unter seinen Jüngern, und dieses Mal ist Thomas anwesend. Und Jesus sagt zu ihm: „Steck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig“ (Joh 20,27).

Thomas reagiert mit dem wunderbarsten Glaubensbekenntnis des ganzen Neuen Testaments: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20, 28). Dazu liefert der heilige Augustinus einen Kommentar: Thomas „sah und berührte den Menschen, bekannte aber seinen Glauben an Gott, den er weder sah noch berührte. Was er aber sah und berührte, führte ihn zum Glauben an das, woran er bis zu diesem Moment gezweifelt hatte“ (In Iohann. 121,5).

Der Evangelist fährt mit einem letzten Wort Jesu an Thomas fort: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben werden“ (Joh 20,29). Dieser Satz kann auch in die Gegenwart gesetzt werden: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Wie dem auch sei, spricht Jesus hier ein grundlegendes Prinzip für die Christen aus, die nach Thomas kommen werden, und somit für uns alle.

Es ist interessant zu beobachten, wie ein anderer Thomas, nämlich der große mittelalterliche Theologe aus Aquin, dieser Formel der Seligkeit jene anscheinend gegensätzliche zur Seite stellt, die Lukas überliefert: „Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht“ (Lk 10,23). Der Aquinat jedoch kommentiert: „Mehr Verdienst hat der, der glaubt ohne zu sehen, als der, der sieht und glaubt“ (In Johann. XX lectio VI § 2566). In der Tat beruft sich der Brief an die Hebräer auf die ganze Reihe der biblischen Patriarchen, die an Gott glaubten, ohne die Erfüllung seiner Verheißungen zu sehen, und definiert so den Glauben als „Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (Heb 11,1).

Der Fall des Apostels Thomas ist für uns aus wenigstens drei Gründen wichtig:

Erstens, weil er uns in unseren Unsicherheiten tröstet;
zweitens, weil er uns zeigt, dass jeder Zweifel zu einem lichtreichen Ergebnis jenseits jeglicher Unsicherheit führen kann,
und schließlich, weil die Worte, die Jesus an ihn richtet, uns an den wahren Sinn des reifen Glaubens erinnern und uns dazu ermutigen, trotz aller Schwierigkeiten auf unserem Weg der Treue zu ihm fortzuschreiten.

(Papst Benedikt XVI. in der Generalaudienz vom 29. Sept. 2006, hier die ganze Ansprache)

Christus erscheint den Aposteln und Thomas, Notre Dame de Paris, Paris

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